11. August

Zu den hochsommerlichen Ritualen gehörte bei uns zu Hause das Einmachen von Früchten und Gemüse; besonders intensiv ist bei mir die Erinnerung an das Einkochen von Himbeeren und Johannisbeeren mit anschließender Herstellung von Gelee im Glas. Die Szene: Ein Hocker wird mit den Beinen nach oben auf den Küchentisch gestellt, an jedem der vier Beine ein sauberes Handtuch mit Schnur befestigt, so dass es tief durchhängen kann; die frisch ausgekochten Beeren werden in diesen Tuchsack gekippt, so dass sich der Saft von den Schalen und Kernen trennt und in das darunter stehende Auffanggefäß absickert; das Durchsickern dauert sehr lang, wobei das Tuch eine straffe bauchige Form annimmt und sich in der Mitte unten blutrot verfärbt; der blutigrote Sack erinnerte mich peinlich an etwas, von dem ich damals noch keine Ahnung hatte. – Krappatsch, Stararchitekt der alten Schule, hat mitten in der Stadt in unattraktiver Umgebung ein großes Bürohaus gebaut. Es ist ein schlichtes massiges Gebäude, das sich aber fast unmerklich in die Umgebung einfügt und das, bei näherer Betrachtung, seinen hohen technischen und ästhetischen Standard offenbart – edle Materialien in perfekter Verarbeitung, alles ist untadelig proportioniert, das Farbendesign zwischen Anthrazitgrau und gelblichem Kupferrot. Ich bin mit Krys unterwegs, von der ich nicht so recht weiß, weshalb sie mich begleitet und nicht von meiner Seite weicht. Krappatsch lädt uns zur Eröffnung ein, aber es erweist sich, obwohl das Gebäude in Sichtweise ist, dass wir auf dem Weg dorthin noch weit zu gehen haben. Wir fahren mit einer schweren Limousine stadtauswärts, müssen kurz vor der Autobahn noch einmal tanken, fragen einen deutschen Touristen nach der Route. Die Beschreibung ist etwas umständlich, wir sollen die Autobahn schon bei der ersten Ausfahrt wieder verlassen, um auf einer kleinen Nebenstraße ins Hochtal und an dessen Ende in den ewigen Schnee zu gelangen. Nach kurvenreichem Parcours erreichen wir – wer sind wir denn eigentlich? – das festungsartige Gebirgsstädtchen und finden gleich hinter Krappatschs Geschäftsgebäude einen Parkplatz. Wir betreten den schwer bewachten Bau von hinten, finden eine gewaltige Halle vor, in der bereits Hunderte von Leuten versammelt sind, um die Einweihung mitzuerleben. Krappatsch drückt sich in der Nähe der Eingangstür herum, dort gibt es einen Büchertisch, dort stehn auch die Redner aus Politik und Wirtschaft bereit. Aber unversehens ergreift ein unscheinbarer Brillenträger, ganz in Weiß gekleidet, das Wort, er steht nicht vorn in der Halle, sondern spricht von der Seite her zum Publikum. Die üblichen Phrasen. Ich soll hier mit der jungen namenlosen Frau eine Stelle antreten, zumindest vorübergehend, und ohne zu wissen, worum es geht, beziehe ich in einem der obern Stockwerke eine altmodische, weitgehend unmöblierte Wohnung. Hier soll ich alles Weitere abwarten. Mit einer vierkantigen, schon etwas angerosteten Ahle ersteche ich die Frau, ich ramme ihr den Stachel drei-, viermal unter der linken Brust in den Leib. Erstaunt sieht sie mich an, auch ich bin erstaunt, denn Blut fließt keins, bloß ein flüchtiger Schmerz zeichnet sich ab, zuerst auf ihrem Kleid, dann auf der Stirn. Aber wir müssen ohnehin gleich weiter, wir haben eine Mission zu erfüllen und fahren noch höher ins Land hinauf. Vor einem großen Büro- oder Hotelkomplex machen wir Halt, beziehen am Automaten die obligatorischen Sauerstoffmasken. Zusammen mit der Frau betrete ich den turmartigen Bau, es herrscht Hochbetrieb, wir werden gedrängt und gestoßen, die Tür des Aufzugs schließt sich lautlos, in der rundum verspiegelten Kabine fügen sich unzählige Nacken und Masken zu einem kuriosen Panorama. Nicht auszumachen, ob wir auf- oder abwärts schweben und auf welcher Etage wir den Aufzug verlassen. In einem hohen unwirtlichen Zimmer empfängt uns Buchanow. »Jageneral!«, brüllt er zur Begrüßung. Dann teilt er uns flüsternd den geheimen Auftrag mit und ist … und ist schon wieder verschwunden. Aber ich weiß ja, worum es geht: »Tschuwasch, Tschuwasch!« Da steh ich nun, für immer beschattet von dieser Frau. – Wer war es … war’s nicht Goethe, der die Spezies der Rezensenten mit einer Horde von kläffenden Hunden verglich? Der Hund, sonst eher menschenfreundlich, muss für unterschiedlichste Vergleiche herhalten – seine widersprüchliche Einschätzung hat wohl mit der fluktuierenden hündischen Existenzform zu tun. Der Hund bewegt sich nicht nur zwischen Kultur und Natur, sondern ist auch innerhalb der Tierwelt (Haustier/Raubtier) sowie in seiner Gemeinschaft mit dem Menschen ein Dazwischer. Vom Menschen wird der Hund entweder als zusätzliches externes Sinnesorgan wie eine lebende Prothese eingesetzt (Wach-, Blinden-, Drogen-, Lawinenhund) oder als eigens programmierte, dann ferngesteuerte Maschine (Jagd-, Kampf-, Hirtenhund). Diese Ambivalenzen haben bewirkt und bewirken weiterhin, dass der Hund im Gegensatz zu den meisten andern Tieren auffallend kontrovers eingeschätzt wird. In seiner generellen »Primitivität« kann er, unter kultureller Perspektive, sowohl als ursprünglich, unverdorben, arglos, treu, verlässlich gelten wie auch als unrein, obszön, hinterhältig, unterwürfig oder aggressiv, wobei die negativen Charakteristika – Schimpfwörter wie Hundsfott, Hundesohn, Schweinehund belegen es – klar als Projektionen menschlicher Eigenschaften zu erkennen sind. Ein amüsanter Beleg dafür ist die oft rapportierte Anekdote, wonach Arthur Schopenhauer, Misanthrop und Hundefreund, seinen Pudel, wenn dieser unartig war, als »du Mensch!« beschimpft haben soll … – Nur wenig Schlaf diese Nacht, seltsame Unruhe mit dem ständigen Gefühl … in der ständigen Gewissheit, es werde nun gleich eine Krise eintreten, eine schwere Kopf- oder Bauchmigräne oder überhaupt die Katastrophe. Ich gehe auf und ab in der Wohnung, greife da und dort ein Buch aus dem Regal, stelle es ungeöffnet wieder zurück, weil ich ja weiß, dass ich in dieser Verfassung zum Lesen unfähig bin. Höre statt dessen den Deutschlandfunk – da wird in der Nacht klassische Musik gesendet, oft sind es wenig bekannte Stücke, alles ungekürzt, alles unkommentiert; es kommen nur Ansage und Nachspann, hin und wieder ein Hinweis auf die Uhrzeit, vom Sprecher jeweils eingeleitet durch die Adressformel »meine sehr verehrten Damen und Herren«, was in den Massenmedien heute längst nicht mehr üblich ist und in aller Regel mit »hey« oder »hallo« erledigt wird. Dazu kommt die perfekte Diktion, auch dies in auffallender Abweichung vom gewohnt fahrigen Smalltalk im Radio. Da gehöre ich nun nächtens um zwei Uhr zehn, um vier Uhr siebenundzwanzig, um sechs Uhr drei zu den »sehr verehrten Damen und Herren«, die zu dieser Zeit über den Deutschlandfunk selten gespielte Musik hören – begleitet von einer Stimme … von einer Sprechweise wie aus einer andern Welt. Woher denn sonst! Die andere Welt, so weit sie auch abliegt, ist meine Welt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.