11. Dezember

Im Haus regen sich wieder die Mäuse, es knackt im alten Gebälk, in den Wänden, aus dem offenen Kamin duften die Tannenscheite und steigt in feinsten Partikeln Asche auf, die sich noch lang – ein Nichts an Gewicht – in der Luft hält. – Zu den meistkommentierten Bildwerken des 20. Jahrhunderts gehört das zwischen 1913 und 1915 entstandene ›Schwarze Quadrat auf weißem Grund‹ (1913/1915) von Kasimir Malewitsch. Der radikale Minimalismus dieses suprematistischen Meisterstücks – Verzicht auf bunte Farben, Verzicht auf Darstellung außerkünstlerischer Realien, Verzicht auf den Bildrahmen, Verzicht sogar auf die Signatur – wurde seinerzeit von der Kritik wie auch vom breiteren Publikum als ungeheuerliche Provokation empfunden, denn erstmals war man mit einem Gemälde konfrontiert, das alles verweigerte, was zuvor selbstverständlich erwartet werden durfte: Repräsentation, Bedeutung, Symbol- und Stimmungswerte, künstlerische Originalität und technisches Können. Der Betrachter hatte (und hat) es also mit einem Werk zu tun, das ihm nicht wie üblich »etwas bringt«, sei’s als Lust-, sei’s als Erkenntnisgewinn, das ihm vielmehr etwas vorenthält, ihm einen Verzicht und gleichzeitig die Kompensation dieses Verzichts abverlangt. Dass Malewitschs »nackte Ikone« − so und ähnlich wurde damals sein ›Schwarzes Quadrat‹ charakterisiert – nichts Wiedererkennbares abbildet, mithin auch nichts Verifizierbares zu »verstehen« gibt, hat wesentlich zu der Kommentarflut beigetragen, von der das schlichte Bild in der Folge gleichsam zugedeckt, wenn nicht gar ausgeblendet wurde. Mag sein, dass es eben deshalb zu einem epochalen Schlüsselwerk avancierte. Der »weiße Grund«, auf dem sich das »schwarze Quadrat« in seiner Nackheit und Nullität zeigt, ist zugleich die es umgebende marginale Leerstelle, in die beliebig viele, wie immer geartete Kommentare sich einschreiben können. Dabei kommt es längst nicht mehr darauf an, ob der Kommentator das Originalwerk oder eine beliebige Kopie in beliebigem Format vor sich hat – was sich zu dem Werk interpretativ sagen lässt, ließe sich auch dann sagen, wenn es dieses Werk gar nicht gäbe, wenn es im Status des Konzepts verblieben und bloß als Idee überliefert wäre. In einem meiner Beiträge zur Malewitschforschung hatte ich einst vorgeschlagen, das ›Schwarze Quadrat auf weißem Grund‹ als einen opaken Text zu begreifen, mithin als einen undurchdringlichen schwarzen Satzspiegel, der alle möglichen beziehungsweise denkbaren, hier gleichsam einander überlagernden Texte virtuell enthält, aber keinerlei Bedeutung mehr freigibt. Statt auf etwas anzuspielen, das hinter dem Spiegel gelegen hätte, präsentiert Malewitsch das schwarze Quadrat als solches, und als rein malerische Gegebenheit kann es nicht rational verstanden, bloß sinnlich erfahren werden; da ihm keine vorgegebene Bedeutung innewohnt, kann es ebenso gut alles wie nichts bedeuten. »Nichts«, »Null«, »minus«, »negativ«, »gegenstandslos« gehören denn auch zu den in Malewitschs theoretischen Schriften am häufigsten wiederkehrenden Begriffen. Dem »suprematistischen« Künstler geht es nicht zuletzt darum, die Malerei von ihren »literarischen«, »anekdotischen«, auch ideologischen Inhalten zu befreien und somit das Bildwerk der unmittelbaren ästhetischen Erkenntnis auszusetzen. Damit erlangt die Malkunst ihre »Suprematie« über die künstlerische Literatur, die durchweg auf sprachliche Vermittlung angewiesen bleibt und deshalb nie authentisch, das heißt nie »als solche« wahrzunehmen ist, sondern immer erst von der Klang- oder Schriftebene auf die Ebene der Bedeutung übertragen werden muss. Während also in der Bildkunst die Farbe Schwarz als reines Wahrnehmungsdatum fungieren kann, ist sie in Sprachtexten lediglich ein Wort, das jene Farbe benennt und bedeutet, mit der einen Ausnahme allerdings, dass das gedruckte Wort selbst – wie jedes beliebige gedruckte Wort – als ein schwarzes beziehungsweise in seiner Schwärze wahrgenommen wird. Das Wort tritt dann, von seiner Bedeutung abgekoppelt, bloß als das in Erscheinung, »was Schwarz auf Weiß dasteht« und demnach visuell [bricht ab]

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