11. Februar

Über Nacht hat der heftig einfallende Wind … hat der Sturm die schneebeladenen vereisten Bäume, Sträucher, zum Teil auch die oberirdischen alten Telefonleitungen geknickt – ich bin von einem Trümmerfeld umgeben, das wohl nicht so schnell weggeräumt sein wird … und bin höchst unzufrieden mit mir, mit mir als Leistungsträger; der Rückblick auf Getanes und Vertanes ist mehr als ernüchternd, nichts will sich zusammenfügen, zu vieles kommt in Sackgassen und auf Abwegen zum Stocken, bleibt bei mir hängen, genügt weder mir noch sich selbst, hat keinen Horizont und keine Perspektive. Mein Eigenbau … meine Vielfelderwirtschaft befremdet mich, ist mir entrückt, irritiert mich wie ein unfruchtbares exotisches Exil. Ich kann’s nur als Außenstehender betrachten und als etwas Fremdes einschätzen. Hätte jemand anderes meine Bücher geschrieben, würde ich sie adäquater, auch höher einschätzen können. – Von Jorge Luis Borges kommt Band um Band in neuer deutscher Übersetzung. Nun liegen auch die späten Essays vor, die er aus völliger Blindheit heraus diktiert hat. Das meiste wirkt fahrig, ist abgekupfert aus eigenen und fremden Texten, endlos sich wiederholend, fast schulmäßig resümierend und … aber es gibt kaum einen Versuch, der nicht irgendeinen unerwarteten, einen irgendwie zündenden Gedanken enthält. So zum Beispiel die schlichte Beobachtung, dass die meisten Nationaldichter der Mentalität ihrer eigenen Nation vollkommen widersprechen – der expressive William Shakespeare (ein Jude?) dem britischen Understatement, Johann Wolfgang Goethe dem deutschen Fanatismus und Ordnungssinn, Victor Hugo der französischen Rationalität. Ein Gleiches gilt für Aleksandr Puschkin, den man als »Sonne Russlands« und als »allrussischen Genius« gefeiert hat, der aber mit der gefühligen russischen Seele nicht das Geringste zu schaffen hat … der kein »allrussischer« Dichter ist, sondern – Fjodor Dostojewskij hat es pathetisch herausgestellt – ein »allmenschlicher«, der die Weltkultur nicht nur in sich aufgenommen, sondern auch ins Russische übergesetzt hat. Anders die Klassiker der literarischen Schweiz – sie sind als Nationaldichter Provinzdichter geblieben: Gottfried Keller, Jeremias Gotthelf, Charles-Ferdinand Ramuz, Robert Walser. – Was Schöpfung genannt wird – eine Mischung aus Vergessen und Erinnern dessen, was wir wahrgenommen (erfahren, erkannt, gelesen, gelernt) haben. Schöpfung ist Ausschöpfen, bedeutet Erschöpfung, nicht Erschaffen. – Beim Aufräumen und Ausmisten kommt mir ein vergilbter Zeitungsausschnitt in die Hand, eine launige Kritik zu Jean-Luc Godards Film ›Hélas pour moi‹, die mit den folgenden (von mir damals unterstrichenen) Zeilen endet: »Genau genommen hat Godard noch nie etwas Neues gemacht, sondern er hat alles, was vorhanden war, genommen und neu verknüpft. Godard ist ein Bastler – er bastelt Kino.« Das Vorhandene nehmen, es neu verknüpfen und es somit, in verfremdeter Form, einer neuen Bestimmung zuführen – das ist, beim Schreiben, auch mein Verfahren, eine gleichermaßen physische wie intellektuelle Geste des Triage und als solche ausgerichtet auf das Einsammeln, Heranrücken, Vergleichen, Unterscheiden, Aussortieren, Begutachten, Verbinden, Verwerfen von Gegenständen, Vorstellungen, Ideen, die jeweils hier und jetzt gegeben sind, die durch Permutation und Auslese immer wieder anders kombiniert oder konstelliert werden, bis sie sich zu einem neuen, nie dagewesenen Arrangement zusammenfinden. Das Neue ist mithin das, was sich, ohne vorab so gewollt gewesen zu sein, ergibt kraft einer raffenden Geste des Konzipierens, die unentwegt sucht, was sie findet. Diese Art des Suchens ist meine Art des Erfindens. – Und noch ein Fund von heute Vormittag! Es handelt sich um einen zweifach gefalteten quadratischen Bogen, auf dessen Außenseite in großen Lettern die Initialen S. M. stehen und in dessen Innerm, zusammengesetzt aus vier ausgefalteten Quadraten, die Wörter WELCH (oben links), Quell (oben rechts), quel (unten links) sowie ein Holzschnitt von Rolf Winnewisser (›Die Quelle‹) zu sehen sind. Das Blatt lag, vermutlich seit Jahren, am Boden einer Schublade, die sich inzwischen mit Hunderten von Kunst- und Ansichtskarten gefüllt hat und die ich grade eben leeren wollte – ich kippe den Inhalt der Lade auf den Tisch, um die vielen Karten zu ordnen, und zuoberst liegt nun also dieser gefaltete Bogen. Ich erinnere mich: Das Bogenprojekt geht auf eine vergessene, dem Dichter Francis Vielé-Griffin zugeschriebene Anekdote über Stéphane Mallarmés Zettelwirtschaft zurück; hier der Wortlaut in deutscher Erstübersetzung: »Mallarmé hatte eine große Anzahl von kleinen Zetteln zusammengetragen, deren Inhalt bei seinen Zeitgenossen höchste Neugier hervorrief. Er setzte den Fragen, die man ihm in dieser Sache stellte, absolutes Schweigen entgegen, und er ordnete an, dass die Zettel nach seinem Tode zu verbrennen seien. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass ich zu einer Zeit meines Lebens, da ich mit Mallarmé an der Übersetzung des ›Ten o’clock‹ von Whistler arbeitete, eines Tages zu ihm nach Hause kam und ihn in seinem Arbeitszimmer mit einem jener winzigen Zettel in der Hand antraf. Er verharrte für ein paar Augenblicke in Schweigen und murmelte dann, als spräche er zu sich selbst: ›Ich darf wohl nicht einmal mehr dies für sie schreiben, denn ich gebe ihnen damit noch immer zu viel preis.‹ Als ich neben ihm stand, las ich auf dem Zettelchen dieses einzige Wort: ›welch‹ (quel). Er legte es zu seinen Papieren zurück, und ich hatte keine Gelegenheit, darüber mehr zu erfahren.« Die davon hergeleitete Idee bestand darin, Mallarmés ebenso trivialen wie hermetischen Einworttext ins Deutsche zu bringen. Ich steuerte dazu je eine bedeutungs- und eine klangkonforme Version bei: Welch und Quell. Winnewisser wiederum übertrug den ambivalenten Text (»welch ein Quell!«) mit einem Holzschnitt ins Bildnerische. Verbindend war in diesem Fall nicht nur unser geteiltes Interesse an Mallarmé, sondern ebenso am Phänomen beziehungsweise am Wort »Quelle«, das zu Winnewissers Leitwörtern gehört (»der Maler, der in den weißen Bergen mit schwarzem Quellwasser einen Fluss zu malen beginnt«) und das bei mir in mehreren Gedichten wiederkehrt; zum Beispiel in ›Quillt’s‹: Was immer nicht vom lichten Mädchen
aaaaa(das wie Echo heißt) verlautet
aaaaaist das Unerhörte.
aaaaaStörte aber doch ein Echtes oder Kaltes
aaaaa− wie der Hagel – jeden F-Effekt
aaaaaund triebe auf der Stirn

aaaaades Rufers triviale Blüten. Hütet! vom Klang
aaaaa(bevor er verhallt) die Farbe
aaaaaKarmin. 
Denn

aaaaabis der Appell den Namen einholt
aaaaaist herrlich was dauert
aaaaaund stillt.

aaaaa(Wie übrigens der Quell solang er siegt.)

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