12. August

Gegen sechs Uhr auf in den Tag; es ist noch ziemlich dunkel, die Dämmerung hängt unentschieden zwischen Nacht und Licht – geht sie hoch? Fällt sie ein? Ist das nun schon die Wende vom Hochsommer zum Frühherbst? – Im TV der Bericht über jüngste Recherchen zu den Reportagen von Capa (Friedmann) aus dem spanischen Bürgerkrieg; weltbekannt – eine Art Ikone der Kriegsfotografie – ist der im Sturz sterbende Soldat, ein Bild von enormer kompositorischer Kraft, hundertfach publiziert und ausgezeichnet. Wie sich jetzt herausstellt, ist die Aufnahme nicht in und aus der Situation entstanden, sondern wurde vom Fotografen eigens arrangiert – Capa hat mit einer Handvoll Statisten an einem kriegsfernen Ort lange geprobt, um jenes Bild gewissermaßen im fruchtbaren Augenblick zu schießen. Das kommt einer Entmythologisierung des unerschrockenen Frontberichterstatters gleich, der nun als Betrüger und Fälscher entlarvt ist, aber es ändert nichts an der Qualität des Bilds und dessen Inszenierung. Die Kunst geht vor. Mit künstlerischen Mitteln und Tricks wird hier, im Gegenzug zur geforderten Authentizität, Wirklichkeit hergestellt und Geschichte behauptet: Eine Art Vorwegnahme heutiger Möglichkeiten der Bild- und Realitätsaufbereitung, bei der letztlich nur noch die Fälschung als authentisch gelten kann. – Im ›Beobachter‹ lese ich eine Reportage über einen Modelleisenbahnklub in der ehemaligen DDR, wo ein paar engagierte Bastler die Gotthardbahn in Form einer naturgetreuen Anlage detailgetreu nachgebaut haben, ohne jemals vor Ort gewesen zu sein. Die Ausreise in die Schweiz und damit der Wirklichkeitsvergleich war nicht möglich, auch gab es in der DDR die notwendigen Materialien und Werkzeuge für den Modellbau nicht – alles musste eigens angefertigt werden, als Vorlagen dienten einige Ansichtskarten von der Gotthardstrecke, in Gesprächen und Korrespondenzen mit Touristen aus der Schweiz beschafften sich die Bastler weitere Informationen. Rund zwanzig Jahre dauerte die Bauzeit, die Modellanlage wurde exakt dem Realitätsstatus nachgebildet – exakt bis zur Anzahl der Grabstätten auf dem Friedhof zu Wassen und witzig bis zur winzigen Nachbildung eines Liebespaars im benachbarten Wäldchen. Waggons und Häuser hat man aus billigstem Material hergestellt … aus Klopapier, Blech, Bürsten, Schwämmen, Draht, Karton usf. Vielleicht ist ein derartiger kollektiver Akt – Nachbildung eines Paradieses, zumindest einer Sehnsuchtslandschaft – nur in der Diktatur möglich. Besonders eindrücklich finde ich, dass hier aus so gut wie nichts unter schwierigsten Bedingungen etwas Einzigartiges geschaffen wird – egal ob Kitsch oder Kunst, es ist Handwerk auf höchster Stufe, und es zeigt eine Möglichkeit auf, wie trotz extremen Einschränkungen aller Art ein Stück persönlicher Freiheit gewonnen und darüber hinaus ein Sinn hergestellt werden kann, der jede Ideologie übersteigt und jeden materiellen Nutzen hinter sich lässt. – Wieder findet unser großes Winterfestival statt, Direktor und Dirigent ist diesmal ein Engländer, Barran oder Barhan, er begrüßt uns in der Halle. In Orchesteraufstellung, aber ohne Instrumente bilden wir einen Halbkreis vor ihm. Das Interieur der Philharmonie hat sich offenbar seit Jahrzehnten nicht geändert, vorherrschend sind Stilmerkmale der 1960er Jahre, schnörkelloses Design, hohe schmale Fenster hinter endlos langen, halbwegs durchsichtigen Gardinen, alles ausgemalt in schmutzigem Grau, zum Uringrün tendierend. Der Chef, mittleren Alters, trägt tiefschwarzes, glatt nach hinten gekämmtes Haar, hat leicht gerötete Gesichtshaut, über seinen Schultern eine Robe oder Soutane, die bis zu den Knöcheln reicht, wo statt der Schuhe die stumpfen Enden zweier Holzprothesen zu sehen sind. Trotz der Behinderung bewegt sich der Mann problemlos, sogar mit einer gewissen Leichtigkeit, gibt Kommandos, sagt und zeigt wo’s langgehen soll usf. Nach der Besprechung holt er in der Garderobe sein Kofferwägelchen ab, doch nein, es ist sein aufklappbares Fahrgerät, eine Art Kinderwagen aus beweglichen Metallschienen. Mit ein paar sicheren Handgriffen baut er es auf, lässt sich flink auf den tiefliegenden Sitz rutschen, wobei sein Rock hochgeschoben wird und wir sehen können, dass er keine Beine hat, nicht mal einen Rumpf, dass da nur sein Kopf mit dem abgerissenen Hals in dem Wägelchen liegt, das nun wie von selbst losbraust und sich in der Menschenmenge zwischen all den beschuhten Hosenbeinen verliert.

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