12. Februar

Alex Silber schickt mir ein Katalogwerk der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst, das Projekte und Arbeiten aus dem vergangenen Studienjahr dokumentiert. Es handelt sich um einen erstklassig ausgearbeiteten und ausgestatteten Band mit Texten, Thesen, Bildern, Kommentaren. Ich nehme an, dass die luxuriöse Publikation in Kleinstauflage zum Eigengebrauch der Studierenden und Dozenten hergestellt wurde, freue mich, ein Exemplar davon in der Hand zu haben und … aber ich denke bei dieser Gelegenheit unwillkürlich an die 1970er Jahre zurück … an die damals akute (heute völlig vergessene und kaum noch vorstellbare) Krise in der Papier- und Druckindustrie. Ich war zu jener Zeit als Autor, Herausgeber, Übersetzer und externer Lektor eng mit dem Verlag der Arche verbunden, habe es wie eine Naturkatastrophe und außerdem wie eine persönliche Beleidigung erlebt, als Papier unversehens zur raren Ware wurde, vielleicht auch nur zur raren Ware gemacht wurde, so rar, dass in öffentlichen WCs – an Tankstellen, im Zug, an Autobahnraststätten – statt Klopapier nur noch Zeitungspapier oder gar kein Papier vorhanden war. Auch Briefpapier, Notizpapier, Packpapier waren defizitär. Die Papierkrise fiel zeitlich mit dem hierzulande geradezu hysterisch diskutierten Waldsterben zusammen. Gleichzeitig gerieten die Druckereien mit ihrer schweren veralteten Technik ins Hintertreffen gegenüber den neu aufkommenden Print- und Reprintverfahren – trotz klaren qualitativen Vorteilen konnten sie ihre Preise und Fristen nicht aufrecht erhalten, und viele von ihnen gingen in die Insolvenz. Alte Familienunternehmen und damit auch althergebrachte, zum Teil noch handwerkliche Technik verschwanden innerhalb kurzer Zeit, und manche Verlage, belletristische wie wissenschaftliche, ließen ihre Bücher in Form von Skripten erscheinen – Prosa, Lyrik, Essay, Sachbuch als unansehnliche Reprints ab Typoskript. Bei der Arche, unter Peter Schifferli, gab es solche Drucke nicht, man hielt an Monotype und Blei fest, musste die Produktion aber deutlich reduzieren, während deutsche Großverlage wie Luchterhand, Rowohlt oder S. Fischer auch anspruchsvolle Literatur in Schreibmaschinenschrift mit Flattersatz herausbrachten, bis dann, nach etlichen Jahren, auch die fototechnischen Printverfahren soweit verfeinert waren, dass man erneut an den früheren Standard der Buchherstellung und des Buchdesigns anknüpfen konnte. Bald werde ich zu den letzten Zeitgenossen gehören, die sich an jene Krisenjahre im Druckerei- und Verlagsgeschäft persönlich erinnern können. – Im Nachlass meiner Mutter finde ich ein von 1927 datiertes Schulheft (5. Kl.) mit Diktaten und Aufsätzen. Die meisten Texte sind fehlerfrei, alle in perfekter Schönschrift abgefasst. Das Schönschreiben gehörte damals offensichtlich zur Rechtschreibung. Geschrieben wurde mit feiner biegsamer Stahlfeder, so dass der Strich variabel gestaltet werden konnte. Die Schrift folgt millimetergenau der vorgedruckten blauen Grundlinie und ist mit Ausnahme der Großbuchstaben in sich durchgehend verbunden. Verzierungen sind selten und werden diskret gehandhabt. Persönliche handschriftliche Ausprägungen sind nicht zu erkennen; die Schrift der elfjährigen Schülerin könnte auch die Schrift einer sechzigjährigen Hausfrau oder eines fünfunddreißigjährigen Gemeindebeamten sein. Nichts daran kann mich an meine Mutter erinnern, die in späteren Jahren (und bis ins hohe Alter) mit einer weiträumigen Charakterschrift beeindruckte. Das Schreibtraining von Auge und Hand muss in der Schulzeit darauf angelegt gewesen sein, jede persönliche Ausprägung der Handschrift schon im Ansatz zu verhindern. Wo es zu Verschreibfehlern kam, musste das betroffene Wort dreimal korrekt nachgeschrieben werden; eine Abweichung von der vorgegebenen Schriftform wurde genau so geahndet wie ein Grammatik- oder Orthografiefehler. Nun habe ich das Schreibheft unter der Hand – ein für mich wertvolles Erinnerungsstück, in dem ich freilich eher ein typisches Zeitdokument denn ein persönliches Lebensdokument meiner Mutter erkenne. – Wenn im Russischen das Wort für »Stimme« – golos – in seiner buchstäblichen Zusammensetzung mit dem griechischen Wort für »Wort« – logos – exakt übereinstimmt, kann dies … mag dies Anlass zu mancherlei Spekulationen geben. Doch beweisen lässt sich damit nichts, und die Übereinstimmung hat auch nichts zu bedeuten. Tatsächlich wird sie hinfällig, sobald man die beiden Wortbedeutungen in andern Sprachen begrifflich festhält – im Deutschen haben »Stimme« und »Wort« weder lautlich noch buchstäblich etwas miteinander zu schaffen; ebenso wenig »voix« und »parole« (oder »mot«) im Französischen, »voice« und »word« im Englischen. Fasst man allerdings die Sprachen in vorbabelschem Verständnis als die Sprache auf, ausgehend davon, dass alles Gesprochene – gleich, in welchem Idiom – Sprache ist, dann hätte die anagrammatische Übereinstimmung von golos und logos womöglich doch einen vernünftigen Sinn; und … oder was wäre zu schließen aus der buchstäblichen Übereinstimmung von »Gras« und »Sarg« oder »arg« und »gar« im Deutschen? Für Kinder ist klar … für Kinder ist es jedenfalls nicht überraschend, dass sich im umgekehrten »Regen« immer ein »Neger« versteckt hält und dass der »Nebel« selbstverständlich zum »Leben« gehört, denn sie können … sie wollen das Palindrom nicht für einen Zufall halten, für sie steht fest, dass solche Wortkonstrukte auf einen unbekannten Wortkonstrukteur zurückgehen. Man mag den Konstrukteur als Gott bezeichnen oder die Konstruktion als numerisches Kombinationsspiel ausweisen, am magischen Zauber ändert es nichts. Auch liegt es nah (und ist überdies bequem), offenkundigen Unsinn in kindlichem Sprachvertrauen mit Sinn zu erfüllen. Was hätte denn – im Französischen – die lautliche Identität von »Stimme« (voix), »Weg« (voie) und »sieh« oder »sehe« (vois) zu bedeuten? Dass man den Weg der Stimme sehen kann? Stimmt also, was buchstäblich oder lautlich exakt übereinstimmt, auch der Bedeutung nach überein? Das irritierende Phänomen des Sagens der Sprache haben schon die Vorsokratiker und hat auch Platon in seinem ›Kratylos‹ scharfsinnig bedacht, doch nach wie vor bleibt’s unerklärt und in seiner Rätselhaftigkeit ein Faszinosum. Die neuere französische Philosophie von Jacques Derrida und Jean-François Lyotard bis hin zu Jean-Luc Nancy ist von diesem Faszinosum zutiefst geprägt und wäre ohne es so gut wie nichts.

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