12. Januar

Ich weiß nicht, ob ich den Roman (›Das wahre Leben‹) überhaupt noch anfangen soll. Ich hab ihn längst im Kopf und … aber vielleicht eben deshalb verliere ich das Interesse daran – wozu noch schreiben, was man im Wesentlichen schon geleistet und begriffen hat? Nur zum Gedicht bin ich immer bereit, falls es für mich bereit ist; ein Gedicht muss ich nicht schreiben wollen, es selbst ist der Appell – es ruft, ich geh hin, es ist da, und da, wo es ist, gibt’s dann einiges noch zu tun. – Um halb sechs mit Migräne aufgewacht und aufgestanden; im Stehn ist der Schmerz (diesmal eher leicht, dennoch lästig) eher zu ertragen. Langsamer Rundgang, mehrfach, durch die Wohnung. Draußen sprunghafter lärmiger Wind. Jäh das Bewusstsein – ja, es gab … ich hatte einen großen, für mich sehr wichtigen (aufschlussreichen) Traum, aber er ist völlig ausgelöscht. – Zwei Todesfälle werden heute gemeldet – Gert Jonke, Inger Christensen. Inger traf ich letztmals im vergangenen Herbst in Sibiu, sie war sehr erfreut, als wir einander in der Drehtür des Hotels nach langer Zeit wieder begegneten (»… und ich dachte, du bist längst tot«, sagte sie noch vor dem Gruß); wir haben uns danach mehrfach zu längeren Gesprächen getroffen, sie gab mir ihre neue Adresse und bat mich, ihr mein ›Tierleben‹ zu schicken (was ich nach der Rückkehr sofort auch tat). Mit Gert war ich vor zwei Jahren in Hombroich auf einer Leseveranstaltung, wir haben unsre Bücher ausgetauscht, waren lang auf Spaziergang durchs platte Gelände, zwischen kulissenhaften Architekturen, haben uns gut und witzig unterhalten; er gehörte zu den wenigen mir zusagenden Kollegen von der Schreibzunft, obwohl wir weder persönlich noch literarisch irgendwelche Gemeinsamkeiten haben – ich mochte seine Offenheit, Bescheidenheit, Begeisterungsfähigkeit, Unbestechlichkeit, Selbstironie; er ist mir als Person viel deutlicher geworden denn als Autor, seine Art zu reden wird für mich nachhaltiger gewesen sein als alles, was ich von ihm gelesen habe. – Schreibversuch (Roman), bald abgebrochen; ich geh in den Wald, die Radspuren der Forstfahrzeuge sind noch vereist, über den kahlen Wipfeln spannt sich in unentschiedenem Blau der Himmel. Viele Ideen kommen auf, verlieren sich wieder. Bin frustriert über die Beginnlosigkeit meines Schreibens, das doch so viele Ziele hat. – Nicht zu schaden, ist womöglich das Höchste, was wir noch zu erreichen haben. Wir? Aber wer denn sonst! – David Cameron bietet Bashar al-Assad Exil an. Der Syrer will aber, so die heutige Agenturmeldung aus Damaskus, lieber sterben, als seine Heimat zu verlassen. Heimat! Er hat das Land in den vergangenen Monaten systematisch in Trümmer gelegt, Zehntausende sind dabei umgekommen, Hunderttausende sind verletzt, verwaist, ausgeraubt, obdachlos, halb verhungert, auf der Flucht. Hier zu sterben, wo er selbst den Tod sät, wäre für den Despoten der letzte Triumph. Was für alle Helden gilt. Boris Pasternak, russischer Dichter und Nobelpreisträger, hat das ihm drohende Exil als Todesstrafe gefürchtet, er zog die Unfreiheit in der Heimat der Freiheit in der Fremde vor, starb dann auch bald, in der Tauwetterzeit, eines natürlichen Tods. – Lunch im Priorshaus. Käsekuchen, Karottensalat, Mönchstee. Die Pedrettis – Erica mit Gian und Annet – haben schon abservieren lassen, setzen sich zu mir; später gehn wir zu mir hinüber, zu meinem Haus. Ich zeige ihnen den Garten, der noch unaufgeweckt darnieder liegt. Die Restblätter vom Herbst sind mit winzigen Frostkristallen besetzt. Rasch wird’s kühler. Für eine Stunde setzen wir uns in meiner Wohnung zusammen. Das Feuer im Kamin will nicht anspringen. Wir reden über dies und jenes hin und her. »Wir brauchen einander noch«, meint Erica: »Wir sind die Wenigsten.« Beim Abschied versprechen wir einander wie jedes Mal, dass es bis zum nächsten Treffen nicht wieder so unendlich lang dauern soll.

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