12. Juli

Täglich sehe ich mir mindestens einen Film auf DVD oder im Fernsehen an, sehr gute, gute, weniger gute Filme. Was mich selbst bei starken Filmen erstaunt, ist die Tatsache, wie fraglos man bereit ist, über Schwächen und sogar über gravierende Fehler hinwegzusehen: Dramaturgie, Dialoge, Requisiten, Schnitt, auch Besetzung, ganz abgesehen von der psychologischen oder historischen Richtigkeit, die in aller Regel malträtiert wird. Besonders auffällig sind solche Mängel bei Kriminalfilmen, die ja meistens über Spurensicherung und Indizien abgewickelt werden, bei denen die Handlung aber oft ans Unwahrscheinliche, wenn nicht ans Unmögliche grenzt. Krimis müssen realistisch … müssen nachvollziehbar und logisch kohärent sein, um überzeugen zu können – sobald Pathologisches, Übersinnliches, Esoterisches usf. ins Spiel kommt, ist das Interesse dahin. Warum bleiben die meisten Konsumenten (und übrigens auch professionelle Kritiker) solcher Produkte weitgehend fehlertolerant oder bemerken die Mängel gar nicht erst? – Ist es bei Romanen anders? In gedruckten Texten sind Fehler natürlich sehr viel leichter auszumachen (man kann rückblättern, nachlesen, vergleichen), auch gibt es in der Erzählliteratur sicherlich weit weniger Fehler als im Film, und die Toleranz der Konsumenten ist beim Buch vermutlich noch höher als im Kino. Ich nehme … ich gebe als Beispiel Anton Tschechows Erzählung ›Das Duell‹. Der Text gilt als eins seiner Meisterwerke und ist doch voller dramaturgischer und psychologischer Unwahrscheinlichkeiten, wenn nicht Fehlleistungen. Die Charaktere sind ungemischt, also entweder ganz und gar positiv oder durchweg negativ (der Arzt, der Diakon); es gibt in dieser Geschichte keine Plotentwicklung, nur plötzliche, kaum motivierte (kaum motivierbare) Brüche und Wendungen. Von Korens elementarer Hass auf seinen Widerpart Lajewskij ist rein ideologisch motiviert und von daher in seiner mörderischen Zerstörungswut unglaubwürdig; ebenso unglaubwürdig der plötzliche, durch nichts motivierte Wandel (die Versöhnung der beiden) am Schluss der Erzählung, unglaubwürdig auch der abrupte Wandel der Frau von der Nutte zur patenten Gattin, des Dekadenten zum positiven Menschen usf. Wenn man all diese Unwahrscheinlichkeiten in Kauf nimmt und ›Das Duell‹ gleichwohl für ein starkes Prosastück hält, so deshalb, weil beim Lesen deutlich wird, dass es hier nicht auf logische und psychologische Stringenz ankommt, dass Tschechow seine Personenkonstellation lediglich dafür einsetzt, um ein Handlungsgerüst zu haben, innerhalb dessen er seine magistralen Situations-, Gegenstands- oder Witterungbeschreibungen anbringen kann. Erzählkunst mutiert hier zur Beschreibungskunst. Anton Tschechow operiert damit bereits im Vorfeld einer Virginia Woolf, einer Catherine Mansfield. – Ich genieße ein paar unaufgeregte Urlaubstage in der Kuhle von Romainmôtier, die Bevölkerung (meine Nachbarn und Hausgenossen eingeschlossen) ist – so scheint’s – kollektiv ausgeflogen, um sich am Flughafen oder auf der Autobahn im Stau zu vergnügen. Auch hier ist alles verlangsamt, selbst der Flug der Bienen und Schmetterlinge … selbst die Aufmerksamkeit der Stubenfliegen scheint in der feuchten Hitze zu erlahmen. Meine übliche Lesegeschwindigkeit ist um ein Vielfaches reduziert. Da ich im Freien wegen der Ablenkung und dem zu weiten Horizont nicht lesen kann, ziehe ich mich in die noch immer kühle Küche zurück. Lesen! Die hiesige Bibliothek besteht mehrheitlich aus Lieblingsbüchern, ist zum Arbeiten weniger geeignet als für nomadische Lektüre und, nicht zuletzt, für das Wiederlesen starker Texte; ein Eldorado – Lektüre, ohne über das Gelesene dissertieren zu müssen! Ohne die Bücher besprechen, bemängeln oder empfehlen zu sollen! Lesen um des Texts willen … um des Textbegehrens willen … – Die Schreibbewegung als solche, in der Puls und Schritt zusammenwirken, ist vielleicht überhaupt das einzig Persönliche, das einzig Authentische, das ein Schriftsteller (und der Dichter zuerst) in seinen Text einbringen kann.

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