13. Dezember

… bleibt der bei Handke nie nicht wiederkehrende Moment pathetischer Selbstentmächtigung (seine Art, sich stark zu machen) auch diesmal nicht aus. »Ich bin«, murmelt er, »kein Schriftsteller. Von denen gibt’s … es gibt von denen viel zu viele. Wichte. Unwürdige. Aber eigentlich«, so expliziert er: »eigentlich bin ich ein Schreiber. Wissen Sie? Sie wissen doch – die ägyptischen Schreiber. Hohe Beamte. Mächtige Autoritäten. Schreiben konnte damals, außer ihnen, keiner. Darin bestand … darin besteht ihre Macht. Ein Schreiber muss Macht haben. Ich bin ein Schreiber, kein Schriftsteller.« Peter Handke ist von meinem Jahrgang. Auch ich ein Greis. Kein machtvoller Schreiber. Im Rasierspiegel schwellen meine Schläfen- und Mundfalten zu schlaffen unschönen Wülsten. Gefällt mir nicht. Gefällt mir. – Ich lese … ich übersetze versuchsweise Emily Dickinson: Bessres Erbarmen wär’s | In des Atomes Gruft mich lassen – | Festlich, und nein, und froh, und null – | Statt soviel schickes Ungemach. Die Vokalfolge vom Hellen zum Dunklen wäre hier mit – e – ei – o – u – der englischen Vorlage mehr oder minder adäquat, und ich hätte also nicht nur die staunenswerte Aussage des kleinen Gedichts ins Deutsche geholt, ich hätte es auch, in durchweg fremden Worten, als Klangereignis wieder hergestellt. – Gestern der üppige Schneefall, bis zu zwanzig Zentimeter Zuwachs über Nacht, heute zieht die Kälte nach, die weiße Watte ist eingefroren, bleibt aber porös – aufkommende Böen torkeln durch die Straße und verkehren den gestrigen Schneefall in die Gegenrichtung: Vom Erkerfenster aus kann ich beobachten, wie das im Astwerk der Bäume und Sträucher verhockte Pulver vom Bodenwind in durchscheinenden spiralförmigen Wolken nach oben verweht wird und sich über den Dächern in der Luft verliert. Ob es für dieses Sekundenphänomen eine physikalische Formel, eine Meteorologik gibt? – Was für ein Ort, der nie Gehörtes wahrt! Auch
aaaaaeine Art zu bannen? Statt
aaaaabloß Ja! und … aber Amen? Ja. Doch.
– Romainmôtier ist ein schwieriger Ort. Vor anderthalbtausend Jahren wurde hier von einem Wandermönch aus Südfrankreich die erste christliche Klosteranlage auf heutigem Schweizer Boden errichtet. Die Abtei ist in die schattige Mulde zwischen drei bewaldete, ungefähr gleich große Hügel eingepasst. Die Kirche, im Lauf der Jahrhunderte mehrfach zerstört und wieder aufgebaut, liegt wie von Natur aus eingenistet am tiefsten Punkt der Senke. Nach dem Vorbild und im Auftrag von Cluny hat man die Anlage im 11. Jahrhundert zu einem Großbetrieb mit Werkstätten, Mühle, Fischbecken, Quellwasserkanälen und Mönchshaus systematisch ausgebaut. Manches davon ist, den Verheerungen der Reformzeit zum Trotz, erhalten geblieben. Mein Garten ist zum Süden hin durch ein altes Mauerstützwerk abgegrenzt, an dem noch immer der offene Kanal entlangführt, der Wasser von der fernen Quelle in die Forellenbecken hinterm Wald und in die Mitte des Städtchens bringt. Ein Kraftort! Ich wohne hier – wenn ich nicht auf Reisen oder in Zürich beschäftigt bin – seit knapp zwanzig Jahren und bin noch immer nicht angekommen. Der Ort weist mich energetisch von sich, will offenbar nichts mit mir zu schaffen haben, setzt mich unter Druck, macht mich krank. Noch heute bedeutet für mich jede Rückkehr hierher eine erbarmungslose Prüfung, eine noch und noch zu wiederholende Initiation. Um mich zu akklimatisieren brauche ich jedes Mal mindestens vierundzwanzig Stunden – Stunden, die mir regelmäßig durch Migräne, Zahnschmerzen, Durchfall, Schwindelanfälle, bleierne Müdigkeit vergällt werden. Ich bin nicht der Einzige und auch nicht der Erste, der diese Prüfungen zu bestehen hat. Von den Vorbewohnern meines Hauses – die kunstvoll geschmiedete Kaminplatte in der Küche weist als Baujahr 1762 aus – weiß ich, dass sie, alle, nur kurzfristig hier überlebt haben; einige sind bald gestorben, die meisten an Krebs, andere litten an chronischen Beschwerden wie Katarrh oder Asthma, niemand blieb unbehelligt. Eine hiesige Pendlerin und Wünschelrutengängerin (auch sie ist als Zuzüglerin bald verstorben) glaubte in meiner Wohnung, genauer: in meinem Arbeitszimmer die zweitstärkste Kraftquelle des Klosterbezirks ausgemacht zu haben. Und? Auch ich bin seither zu wiederholten Malen schwer erkrankt, seh mich aber keineswegs als Opfer der speziellen Umstände vor Ort und kann auch gar nicht daran glauben, dass findige naturverbundene Gottesleute an einem fluchbeladenen Kraftort ihr Kloster gründen. Ich bin geblieben. Ich bin von einer langwierigen multiplen Erkrankung (so gut wie) geheilt. Und ich bin bereit, die ewiggleichen Beschwerden auch in Zukunft auf mich zu nehmen, nur um vor diesem Ort nicht zu kapitulieren. Bereit auch, ein wenig noch die Hoffnung zu hegen, dass die hiesigen Kraftquellen irgendwann, vielleicht, ins Positive gewendet werden können. Vermutlich kommt ja alles darauf an, ob und wie es mir gelingt, diese Kraft in meinen Energiehaushalt aufzunehmen, sie als Überlebenskraft und Einbildungskraft produktiv umzusetzen. Immerhin habe ich hier drei, vier Bücher gemacht und einige meiner stärksten Gedichte geschrieben. Um welchen Preis? Zu welchem Ende? Weitermachen! – Schon gut, dass die Erde ruht in dem, was sie enthält. – Über Nacht gab’s sehr viel neuen schweren Schnee, die Weiße ist kniehoch gestapelt, das Wäldchen in meinem Park sieht aus (und wiegt sich kaum merklich) wie ein kleiner Eisberg. Der Tag – heute Sonntag! – hat die mausgraue Pelzmütze bis zum Horizont herabgezogen. (Hab ich das nicht schon einmal geträumt? Schon einmal notiert? Aber wann? Aber wo? Und wie viele Sonntage dieser Art sind hier seit allem Anfang ins Land gezogen?)

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