13. März

Nach diesem angeblich besonders lichtschwachen Winter wird nun fast schon enthusiastisch die bevorstehende Wende zum Frühling hin und damit zu mehr Licht angekündigt – die Moderatorinnen des TV-Wetters jubilieren geradezu und versprechen das Heiterste vom Himmel herab: Endlich werden die Tage fühlbar länger, wärmer, und bald wird man wieder ausschwärmen zum Hochzeitsflug überm Blütenmeer … Mir ist solch kalendarischer Enthusiasmus völlig fremd … ebenso fremd wie das Getue um fixierte Fest- und Feiertage, Geburts- und Todestage, und überhaupt empfinde ich die im Kalender rot markierten Daten als eine Zumutung, da sie mich zu Aussetzern zwingen, zu Freitagen, zu Sonntagen, die ich mir lieber selbst verordnen würde. – Krys soll im August zum 40. Jahrestag des gewaltsam beendeten Prager Frühlings eine Gedenkveranstaltung im Weißen Wind kuratieren, der tschechische Botschafter in Bern wird die Schirmherrschaft übernehmen, kann allerdings zur Finanzierung »leider so gut wie nichts« beitragen. Die Veranstaltung ist also noch keineswegs gesichert, Krys wird sich nach Sponsoren umsehen müssen, ist aber so zuversichtlich, dass sie mich schon heute zu einem Podium einlädt … mich bittet, Gedichte von Jan Skácel in meiner Übersetzung zu lesen, zusammen könnten wir nachfolgend ein Gespräch führen und dabei über persönliche Begegnungen mit Skácel berichten. Das will ich gern übernehmen, sage also provisorisch zu und notiere hier erst einmal, gleichsam zur Probe, einige Reminiszenzen, um mir den toten Freund in seiner Lebendigkeit wieder zu vergegenwärtigen. Zwanzig Jahre sind seit Skácels Tod vergangen und noch einmal zwanzig Jahre seit meiner ersten Begegnung mit ihm. Es war im Spätherbst 1969, als wir in Kunštát na Moravĕ aus Anlass eines privaten Symposions zum 40. Todestag des Dichters František Halas, zu dem Ludvík Kundera mich eingeladen hatte, miteinander bekannt wurden. Ein finsterer Herbst, der den vorzeitig abgebrochenen Prager Frühling mit der nun einsetzenden repressiven »Normalisierung« kurzschloss zu einer höchst widersprüchlichen saisonalen Übergangszeit. Heute würde ich jene Saison als einen langen »Märzember« charakterisieren, als eine Jahreszeit eben, in der sich Herbstliches und Frühlingshaftes wie Wasser und Feuer ungut verquicken. Zum Symposion waren Dichter und Kritiker aus weitem Umkreis angereist, unter ihnen Jindřich Chalupecký und Jiřina Hauková, Zdenĕk Rotrekl und Jan Tomeš, Adolf Kroupa, Bohuslav Rejnek und Josef Suchý, und es gab auch – jeder wusste es – den obligaten Spitzel in der Runde, der unser Tun und Lassen beobachten, über die Vorträge und Lesungen geheimdienstlich berichten sollte. Provokante oder gar aufrührerische Wortmeldungen gab es nicht, im Mittelpunkt standen die Person und das Werk von František Halas, auf dessen Grab im örtlichen Friedhof Jan Skácel zum Abschluss der zweitägigen Veranstaltung – einer spontanen Regung folgend – bei strömendem Regen eine kurze Gedenkrede hielt. Die Rede war weit mehr als eine Huldigung an Halas, sie geriet ihm, über den Anlass hinausweisend, zu einer dezidierten Grundsatzerklärung zum damaligen Stand der Dinge, erwies sich als eine leise, dennoch eindringliche Situationsbestimmung, in der Tadel und Trauer und Trost auf völlig unpathetische Weise sich verbanden – sich so überzeugend verbanden, dass die wenigen Anwesenden unter ihren Regenschirmen noch enger zusammenrückten und sich danach in schweigendem Einverständnis verabschieden konnten. Ich hielt mich in jenem Herbst als Stipendiat des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbands in der von Truppen des Warschauer Pakts besetzten ČSSR auf, war im Mai in Prag eingetroffen, lebte seit September in Brünn und hatte ein paar weitere Monate in Prag vor mir, die ich dort als letzter ausländischer Gast des früheren Verbands noch absolvieren würde. Die Bekanntschaft, dann die Freundschaft mit Jan Skácel – von gemeinsamen Bekannten bald Honza, bald SK genannt – blieb während ihrer zwanzigjährigen Dauer auf seine engere Heimat beschränkt, auf Brünn, die Vysočina und das südlichste Mähren. Hier trafen wir einander Dutzende von Malen, zumeist auf weitläufigen Spaziergängen außerhalb der Stadt, seltener bei ihm zu Hause, genauer – in seiner Küche, die gleichzeitig sein Schreib- und Lesezimmerchen war und wo Bücher, Geschirr, Zeitungen, Weinflaschen, Briefe, Fotos – alles eingenebelt von wogendem Zigarettenrauch – chaotisch koexistierten. Oft war bei unsern Küchengesprächen von Literatur und Literaten die Rede, von Skácels klassischen Lieblingsautoren – Erben, Bezruč, Nĕmcová – und von Autoren der russischen Moderne, die er – so Nikolaj Assejew, Marina Zwetajewa, Eduard Bagrizkij – besonders schätzte. Hier gab er mir auch Einblick in seine eigene Schreibarbeit, zeigte mir sein poetisches Notizbuch, explizierte seine übersetzerischen oder herausgeberischen Projekte, wohl wissend, dass es unter den Bedingungen der »Normalisierung« für deren Publikation keine Aussicht gab. Unser hauptsächliches gemeinsames Ausflugsziel war während Jahren Mikulov (Nikolsburg), ein Weinbauerndorf unweit der österreichischen Grenze, bekannt für seinen exzellenten Müller-Thurgau, bekannt auch für seinen alten jüdischen Friedhof. Hingefahren sind wir jeweils ohne besondere Absicht, bloß im Bedürfnis, dort ein Gasthaus aufzusuchen, weiterzureden, spazieren zu gehn. Beide haben wir uns durch Mikulov, vor allem durch den Friedhof zu gelegentlichen lyrischen Abschweifungen anregen lassen – von ihm wie von mir gibt es als Beleg dafür zwei, drei Gedichte. Einem ›Wind mit Namen Jaromír‹ hat Jan Skácel die paar Strophen abgelauscht, die ich vor vielen Jahren aus dem tschechischen Originaltext wie folgt ins Deutsche brachte: Die letzten Toten liegen weit
aaaaaentfernt, doch denen,
aaaaadie Glück hatten,
aaaaaist es hier leicht.

aaaaaJemand pflanzte einen Aprikosenbaum am Zaun,
aaaaaniemand kommt sommers zum Pflücken.
aaaaaDie Leute scheuen sich, den
aaaaaToten die Goldäpfel wegzuessen.

aaaaaDie Ernte, überreif geworden, fällt.
aaaaaDutzende von kleinen Sonnen kollern ins Gras
aaaaaüberm Grab von Simon und Rebekka.
aaaaaMit Spinnenschrift
aaaaahat sich die Zeit den Steinen eingeprägt.

aaaaaDie Murmeln des Schneeholunders
aaaaaknallen unter den Füßen gleich jenen Schüssen,
aaaaadie im galizischen Kirlibaba
aaaaadie Mahd besorgten.

aaaaaAll dies liegt weit zurück.
aaaaaBloß die unziemliche Süße
aaaaableibt voller Wespen
aaaaaund erinnert sich eigens.
– Gern erinnere ich mich auch an einen Abstecher mit Jan Skácel nach Bratislava, wo wir zu Ehren des Dichters Dominik Tatarka in Gesellschaft zahlreicher anderer Autoren eine ziemlich trunkene Nacht verbrachten, deren Ausgang mir aus leicht nachvollziehbaren Gründen nicht mehr erinnerlich ist; erinnerlich ist mir einzig die Rückfahrt nach Brünn mit einem schlafenden und schnarchenden Dichter als Beifahrer. – Habe seit Tagen kein Wort gewechselt, nicht mal Telefonisch, nur vor mich hin gesprochen beim Schlendern im Wald und unterwegs von Tisch zu Tisch durch die Wohnung. Auffallend auch die Stille draußen … die Stille, die sich breit macht um alles herum; die sich ausbreitet wie ein umgreifender unsichtbarer Schatten. Starker Schlaf in diesen Tagen und Nächten, starke Träume – Heinz Schafroth als Caesars Adjutant beim Durchmarsch durch die helvetischen Gaue, Helm mit Augen- und Nasenschutz, nackter, wie Bronze schimmernder Oberkörper, knielanger Kettenrock, Sneakers der Marke Hermes mit Stahlflügelchen, eine mittellange Lanze in der linken Hand. Ein paar Stunden danach der Anruf von Samuel Moser: »Heinz ist heute Nacht gestorben.«

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