13. November

Afrika! Afrika! Für beliebig viele Europäer, Männer wie Frauen, ist der schwarze Kontinent zum Faszinosum geworden. Für Literaten, Forscher, Missionare, Handeltreibende, Abenteurer, Sammler, Jäger, Künstler. Für Frobenius, Flaubert, Delacroix, Nodier, Schweitzer, Leiris, Klee, Eberhardt, Bowles, Gysin, Roussel. Neuerdings engagieren sich in Afrika und für Afrika prominente Autoren wie Christoph Schlingensief, André Heller, Henning Mankell mit aufwendigen Projekten – in TV-Reportagen kann man mitverfolgen, wie sie vor Ort die Einheimischen um sich scharen, mit ihnen scherzen, ihnen hilfreich beistehen, sie ermutigen und ermuntern, sie zur Selbstfindung und zum Selbstausdruck anleiten, kurz – wie sie, die kritisch aufgeklärten Europäer, ihre afrikanischen Schützlinge aufklären … aufklären darüber, worin deren eigenste Bedürfnisse, Wünsche, Möglichkeiten bestehen und wie sie sie in eigenstem Interesse umzusetzen haben. Der europäische Gutmensch geht also, im Gegenzug zum weißen Ausbeuter, nach Afrika, um den Afrikanern beizubringen, wer sie eigentlich sind und wie sie ihre Eigenart realisieren können und realisieren sollen – sei’s in der Landwirtschaft, sei’s im Fußballgeschäft, im Tanz- oder im Theaterbetrieb. Gut so. Stelle ich mir diesen Einsatz nun aber in umgekehrter Perspektive vor … stelle ich mir vor, dass engagierte menschenfreundliche Afrikaner auf eigene Kosten nach Europa reisen, um uns zu erklären, welches unsre wirklichen Bedürfnisse und Möglichkeiten sind, wie wir damit umzugehen haben und was wir damit an Positivem erreichen könnten, so würde ich dies eher als einen Übergriff, eine Zumutung empfinden denn als Überlebens- und Selbstfindungshilfe. Darüber komme ich ins Grübeln, wenn ich in Hellers Afrikaspektakel, in Mankells afrikanischem Theaterprojekt oder in Schlingensiefs afrikanischem Operndorf schwarzen Artisten dabei zusehen darf, wie sie sich unter weißer Regie selbst verwirklichen. – Ich habe, soweit meine Erinnerung reicht, nie eine Prüfung nicht bestanden, hatte auch nie Prüfungsangst; dennoch verfolgt mich seit Jahrzehnten – und wieder heute Nacht – der immer gleiche Prüfungstraum: Ich bin auf die Prüfung nicht vorbereitet; ich verstehe die Prüfungsfragen nicht; ich kann das Prüfungslokal nicht finden; ich komme zu spät zum Prüfungstermin; ich bin schon durchgefallen, bevor ich zur Prüfung antrete. – Ich bedanke mich zu oft und zu eifrig für Dienstleistungen oder für Geschenke – so als hätte ich sie nicht verdient. Ist Dank eine voreilige Gegengabe, letztlich also eine Abwertung der Gabe? Zu überlegen! Zu überlegen auch, weshalb ich ausbleibenden Dank oder gar Undank in jedem Fall als schlimme persönliche Beleidigung empfinde und darauf nie nicht entsprechend reagiere. Für mich ist auch die Verweigerung einer Antwort, die Nichtbeachtung eines privat adressierten Briefs eine Form provokanten Undanks. – Die von Westen aufkommende Böe rüttelt an meinen morschen Fensterläden, bringt das alte Fensterglas zum Sirren, lässt die kahlen Äste wackeln, reißt die Rauchschwaden von den Kaminen, fegt mir die Mütze vom Kopf, weht mir das Haar in die Stirn – nur durch seine Wirkung markiert der Wind seine flüchtige Präsenz – wo sonst gibt sich Unsichtbares so offensichtlich zu erkennen? – Ich lese wieder einmal, nach einem zufälligen Griff ins Regal (dem ein Missgriff nach Rilke voranging), in den Gedanken und Maximen von Antoine de Rivarol. Es ist ein nahezu ungetrübtes Vergnügen und außerdem eine angenehme, auch lehrreiche Einübung in die Bewunderung, eine Kunst, die ich sonst eher nicht beherrsche. Bewundern kann ich … bewundern muss ich vor allem Rivarols Geistesgegenwart, die sich in allen rhetorischen Registern bewährt – ironisch, anklägerisch, provokant, belehrend, zynisch, auch eitel und penetrant. Aber großartig immer. Ein Rivarol täte gut … täte heute Not als Meisterdenker gegen jede Art von Korruption und Mediokrität, gegen den Scheintriumph der Quantität, gegen die Diktatur der Ratings, gegen Sprachverluderung und Denkfaulheit, gegen schlechten Geschmack, eitlen Gratismut, leerlaufende Trends. Die Offenheit und Frontalität, mit der Rivarol die führenden Repräsentanten der seinerzeitigen politischen und intellektuellen Elite Frankreichs attackiert, ist weit mehr als nur amüsant, es ist eine Mutprobe mit unerhörtem Risikopotential. Wenn er – ein Beispiel muss hier genügen – Meinungsführer vom Format eines Voltaire, eines Montesquieu, eines Jean-Jacques Rousseau als Plagiatoren vorführt, die sich vor allem mit fremden Federn schmücken, fordert er damit nicht nur sie heraus, sondern auch die Heerscharen ihrer Adepten und Propagandisten. Als wollte er den Vorwurf des Abkupferns verallgemeinern, ihn auf jegliche Art von Literatur beziehen, nimmt er auch einen minderen Autor wie Jean François de la Harpe aufs Korn und stellt mit vernichtendem Understatement fest: »In allen Werken dieses Dichters spürt man, dass er, wenn es überhaupt keine Bücher gegeben hätte, auch selbst keine solchen geschrieben hätte.« Und als wäre der Mann nicht schon dadurch als elender Schreiberling decouvriert, fügt Rivarol mit diskreter Boshaftigkeit hinzu: »La Harpes Stil besitzt keine Schönheiten, doch er ist fehlerfrei.« Warum ausgerechnet Ernst Jünger in Antoine de Rivarol einen Gesinnungsgefährten erkennen konnte, bleibt mir unerfindlich; ich vermute, der deutsche Hinterwäldler hat sich in dem falschen französischen Chevalier ganz einfach getäuscht oder … oder er hat sich von ihm, wie so viele andere Sympathisanten auch, täuschen lassen.

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