13. Oktober

Bei Jean Paul (ich lese noch einmal seine Selbsterlebensbeschreibung) dominiert das Parlando, vorangetrieben von Tränenseligkeit, Wort- und Gefühlsüberschwang, festgehalten in einer taumelnden grafomanischen Schreibbewegung, die einzig beim Namen Johann Wolfgang von Goethes zur Vernunft und zur Ruhe kommt. Wonach erneut, hingerissen von der knirschenden Feder, der Redestrom aufbraust. Den Redestrom braucht es … dieses Strömen und Brausen braucht Jean Paul, um daraus vereinzelte brillante Spritzer zu gewinnen, die ohne ihren redundanten Kontext nicht entstehen … die ihm nicht unterlaufen würden. Starke Sätze und schlichte Einsichten wie diese: »Mein Paradies war durch nichts zu ersäufen; denn blüht es nicht noch heute fort bis an diese Feder heran?« – »So soll stets das Werkzeug dem Werkmeister nachhelfen.« – »Ferne schadet der rechten Liebe weniger als Nähe.« – »Ich habe auf der Erde jetzo wenig mehr zu genießen als mich; und so will ich es denn tun.« – »Nicht Büchersachen vergess ich am meisten, sondern das wirklich Erlebte.« – »Denn das Innere geht das Äußere nicht an, in welches jenes sich hüllt.« – »Am Tage bin ich in Einsamkeit. Nachts geh ich in Gesellschaft, nämlich zu Bette unter die vielen Traumwesen.« – »Welche schöne andere Freundschaft lässt sich mit gedruckten Menschen (Büchern) schließen als mit wirklichen!« – Ich könnte mir durchaus vorstellen … bin mir fast sicher, dass in manchen Gelegenheitstexten, in Korrespondenzen oder Tagebüchern, aber auch in der Trivialliteratur, in wortreichen Memoiren und Großromanen beiläufige Formulierungen zu entdecken sind, die sich, wenn man sie aus dem vorgegebenen Zusammenhang heraushebt, als eigenständige Merksätze oder Aphorismen behaupten und ihre Herkunft vergessen lassen können. Clarice Lispector ist dafür ein besonders überzeugendes Beispiel, weil bei ihr die aphoristische Zuspitzung ein rekurrentes Stilmerkmal ist. Wenn ich (in einer französischen Buchausgabe) ihre Glossen aus den 1960er bis 1970er Jahren nachlese, in denen sie, stilistisch ziemlich unbekümmert, Beobachtungen und Überlegungen aus der brasilianischen Alltagswelt notiert, stelle ich fest, dass trotz ihrer wegwerfenden Schreibgeste und den dadurch bedingten formalen Nachlässigkeiten immer wieder Einzelsätze und auch kurze Abschnitte sich herausbilden, die an Treffsicherheit und sprachlicher Perfektion nicht zu überbieten sind, die aber vermutlich außerhalb des jeweils aktuellen Kontexts gar nicht erst entstanden wären … die also nur aus der jeweiligen spontanen Schreibbewegung erwachsen konnten; ich zitiere in meiner behelfsmäßigen Übersetzung: »Ein Stil, selbst wenn er persönlich ist, bildet ein zu überwindendes Hindernis. Ich wollte nicht eine eigene Art zu sagen. Ich wollte bloß sagen.« – »Aber sich geliebt zu fühlen, hieße sich selbst in der empfangenen Liebe wiederzuerkennen.« – »Die Sehnsucht nach dem, was man zu wissen aufgehört hat.« – »Zorn, so wandle dich in mir zum Pardon, denn du bist der Schmerz, nicht zu lieben.« – »Das Mitleid ist ebenso stark wie der Zorn.« – »Bevor ich mit dem Versuch zu denken anfing, wusste ich sehr genau, was ich wusste.« – »Schreiben heißt sehr oft sich an das erinnern, was nie existiert hat.« Usf. – In der Früh zu Fuß nach Haus bei nieselndem Regen, der sich zu wolkigen Wirbeln verquirlt. Der aufkommende Wind reißt mir ein paarmal den Hut vom Kopf … und jetzt gleich wieder – da! Schon rollt er, auf der Krempe balancierend, zum Trottoirrand, dann in den Straßengraben, von dort unter den heranbrausenden Bus und – bleibt verschwunden. Der Gehsteig sieht aus wie verrosteter Stahl. Braunrotes großblättriges Laub bedeckt als weicher, unter meinen Füßen quietschender Belag fast lückenlos den Asphalt – in der grauen Trübnis des Morgens scheint die glitschige Schicht zu glimmen. Zu Hause dann: Wie ein riesiges Strohbündel liegt das plötzlich einfallende Herbstlicht schräg im Fenster, dreht sich im Lauf des Vormittags allmählich weg, verliert sich im neu aufkommenden Nebel. – Ein Ungemeiner – kaum jemand kennt ihn, viele schätzen ihn falsch ein, weil er ständig außer sich ist. Da! Ja, er steht neben sich und sieht untätig und ohnmächtig zu, was der da tut, der in seinem Namen »ich« sagt; der sich selbst so fern und so fremd ist, dass ihm auch die andern gleich sein können, selbst ich. – Heute Rückfahrt nach Romainmôtier; unterwegs auf der Autobahn ein Stau, zehn, fünfzehn Minuten bald im Schritttempo, bald stehend, bis die zweispurige Kolonne sich plötzlich auflöst und man sehen kann, dass es weit und breit kein Hindernis gibt, keine Baustelle, keinen Unfall, bloß ein Polizeifahrzeug, das mit blinkendem Standlicht auf dem Pannenstreifen steht und offenbar allein durch seine Präsenz die Fahrer dazu veranlasst hat, vorsorglich herunterzubremsen und damit die brüske Staubildung auszulösen. Allein durch ihre Präsenz vermag die Polizei offenbar noch immer bei vielen Zeitgenossen eine unterwürfige Reaktion zu provozieren, eine Überreaktion sogar, die sich als sofortige Anpassung an bestehende Vorschriften und Erwartungen auslebt. – Unterwegs dann noch der Besuch bei Mutter in B. – sie sieht sehr aufgeräumt aus, greift beim Essen kräftig zu, hat viel zu berichten aus den Niederungen wie auch aus den helleren Sphären ihres hohen Alters. Zur Zeit liest sie mit der Lupe Gedichte von Mascha Kaléko und Gottfried Keller, und wie sie begeistert sein kann von einzelnen Sätzen oder Versen! Sie hat die kleine gelbe Reclamanthologie neben ihrem Teller aufgeschlagen; zwei, drei Mal beugt sie sich darüber, liest mir kurz daraus vor. – Ich kann nicht. (Doch das ist nicht das Problem.)
aaaaaRichtig, ich nenn ’ne Kleine Sprache mein eigen,
aaaaahab aber autofahrn gelernt,
aaaaaich – oberitalienischer Pferdeführer,
aaaaaFührer eines einzigen liebteuren Pferds in Vaters Furchen
aaaaa(in der verblüffenden Übereinkunft zwischen dem Herrn und seinem Knecht
aaaaades epischen oder episch-lyrischen Gedichts, der Ballade,
aaaaades Lieds oder der Kantate) –
aaaaahab zu lenken gelernt drei, zehn, zwanzig
aaaaaPferde aufs Mal, nicht
aaaaawie ein Kutscher oder ein Chauffeur
aaaaaoder ein Fahrer des Atac, sondern wie ein Auriga,
aaaaaallemal vermaledeit …

Share on Facebook0Email this to someoneShare on Google+0Tweet about this on TwitterPin on Pinterest0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.