13. September

Beim Frühstück heute schlägt Krys ein frivoles Literatur- oder Literatenspiel vor: Bekannte Autoren sollen durch die Kreuzung von jeweils zwei andern Autoren als Hybriden charakterisiert werden. Wozu? Wirft vielleicht ein neues Licht … schafft vielleicht Klarheit oder wenigstens Aufhellung dort, wo Autoren längst auf ein Image festgelegt sind und eher nach diesem Image beurteilt werden als nach ihrem Werk. Ja? Versuchen wir’s doch! Zum Beispiel Friedrich Hölderlin? Gut. Wir kreuzen, sagen wir mal, die Sappho mit der Friederike Kempner. Und bekommen einen Hölderlin, wie er in keinem Buch steht. Oder Jeremias Gotthelf – Homer und die Brüder Grimm; Fjodor Dostojewskij – Eugène Sue und Edgar Allan Poe; Adalbert Stifter – Gérard de Nerval und Ottilie von Wildermuth; Henrik Ibsen – William Shakespeare und Anton Tschechow; Joseph Roth – Karl Emil Franzos und Isaak Babel; Robert Musil – Gustave Flaubert und Gottfried Keller; Stefan Zweig – Guy de Maupassant und Leopold von Sacher-Masoch; Vladimir Nabokov – Henry James und Sascha Tschornyj; Paul Celan – Paul Gerhardt und Yvan Goll. Usf. Aber lass uns noch ein paar Zeitgenossen kreuzen. Martin Walser – Wolf von Niebelschütz und Heimito von Doderer; Michael Krüger – Detlev von Liliencron und Sarah Kirsch; Peter Handke – Robert Walser und Albert Paris Gütersloh; Felix Philipp Ingold – Rainer Maria Rilke und Ernst Jandl; Brigitte Kronauer – Adalbert Stifter und Virginia Woolf; Friederike Mayröcker – Adolf Wölfli und Jacques Derrida; Ulrike Draesner – Katherine Mansfield und Peter Altenberg; Günter Grass – Erich Maria Remarque und E. T. A. Hoffmann. Und? Genug! Übrigens, meint Krys, müsste zwischen beiden Herkunftsnamen statt »und« entweder das Multiplikations- oder das Dividisionszeichen stehen, also beispielsweise: Martin Walser = Wolf von Niebelschütz x Heimito von Doderer beziehungsweise Heimito von Doderer : Wolf von Niebelschütz, am besten allerdings beides zugleich, denn die »Kreuzung« ist Mehrung und Minderung in einem. Weiterspielen? – Bei russischen Lyrikübersetzungen ist mir immer wieder aufgefallen, dass – und in welch großem Umfang – die Originaltexte bei der Überführung in die Zielsprache gekürzt oder erweitert werden. Die Kritik nimmt kaum Anstoß daran, ist in formaler Hinsicht ohnehin, traditionellerweise, auffallend tolerant, moniert deshalb nicht, dass russische Übersetzer freie Verse aus andern Sprachen oft in gereimten vierhebigen Jamben wiedergeben. Die »Freiheit«, in den Textkörper einzugreifen, ihn beim Übersetzen willkürlich zurechtzustutzen, hat demgegenüber nochmals eine andere Dimension. Aleksandr Puschkin hat sich diese Freiheit bedenkenlos herausgenommen, als er seine russische Fassung von John Wilsons Versdichtung ›A Feast in the City of the Plague‹ von rund vierhundert Zeilen auf zweihundertvierzig herunterkürzte, um nach eigenem Bekunden die »romantischen Längen« des Originals zu eliminieren. Man mag dieses Verfahren problematisch, wenn nicht inakzeptabel finden, sollte aber gleichwohl überlegen, ob die abstraktive Überschreibung von Fremdtexten nicht wenigstens als ein experimentelles Verfahren der Nachdichtung wie auch der Dichtung sein könnte: Die Geste des Durchstreichens würde damit als produktive Schreibbewegung anerkannt, eine Geste wohlverstanden, die ohnehin jeder Autor bei der Bearbeitung eigener Texte anzuwenden pflegt. Ich will das Verfahren hier an einem langen Gedicht von Rainer Maria Rilke erproben … an der sogenannten Elften Elegie. Folgende Lesart – eine von vielen möglichen – kann sich daraus ergeben: Verluste ins All, Marina, wohin wir uns werfen –
aaaaaim Ganzen ist immer schon alles gezählt.
aaaaaWer fällt, vermindert die Zahl nicht. Stürzt in den
aaaaaUrsprung. Wäre denn alles Verschiebung und
aaaaanirgends Gewinn? Wir Erde! Wir Frühling! Ein
aaaaaLied – wir beginnen’s als Jubel, doch unser
aaaaaGewicht dreht es zur Klage. Aber auch so:
aaaaaDie unteren Götter wollen gelobt sein, Marina,
aaaaalass uns verschwenden die Klage als Lob.
aaaaaGespendet, entrückt und zerstreut beim
aaaaainnigsten Vorwand, Marina, sonst nichts.
aaaaaDies scheinbar Zärtliche, dies leise Geschäft
aaaaaist die Kraft, die uns aus Überlebenden zu
aaaaaLebenden macht im eisigen Vorraum neuer
aaaaaGeburt. Gurt, der uns trug! Uns? Einen Leib
aaaaaaus Augen unter zahllosen Lidern sich wei…
aaaaasich weigernd wie das in uns unterworfene
aaaaaGeschlecht. So viel, Marina, muss Liebe
aaaaavom Untergang wissen. Verwehn von der
aaaaaMitte her, drin wir atmen und ahnen.
aaaaaSchließt uns der Augenblick aus hält
aaaaadoch die Blüte den Strauch und stärkt uns
aaaaadie Nachtluft. Statt Hälften zu heucheln
aaaaasind wir ins Kreisen bezogen und füllen
aaaaaein Ganzes. Auch in abnehmender Frist.
aaaaaAuch im noch so losen Schlaf und Wandel. – Was ist das nun? Ein Exzerpt? Eine Zusammenfassung? Eine freie Nachdichtung? Eine bloße Nachahmung? Eine Übersetzung aus dem Deutschen ins Deutsche? Der Status des Texts lässt sich nicht ohne Weiteres bestimmen. In Bezug auf die Vorlage ist das Gedicht deutlich kürzer; kürzer sind auch die einzelnen Verse, die Metaphorik allerdings bleibt weitgehend erhalten, ebenso die Aussage. Abweichungen und Übereinstimmungen ändern kaum etwas daran, dass die gekürzte und leicht modifizierte Nachschrift dennoch als eigenständiges Gedicht bestehen kann. (Genauer abzuklären und fortzuführen.) – Schwer erträgliche Rückenschmerzen – sie haben sich seit Wochen langsam aufgebaut und sind jetzt im Kreuzbein konzentriert – hindern mich am Stehen, am Gehen, am Liegen, lassen eigentlich nur noch das Sitzen zu. Auf der Stuhlkante schaukelnd höre ich Nietzsches ›Antichrist‹ durch – drei CDs, ein gewaltiges Gelaber, das insgesamt kaum ein Dutzend bedenkenswerte Sätze hergibt. Ansonsten bekommt man lauter Behauptungen zu hören, Ausrufe, Beschimpfungen, alles wird pauschalisiert durch die ständige Wiederholung entsprechender Begriffe: »alle«, »nie«, »ewig«, dazu die immer gleichen unbedarften Superlative – immer nur die Besten, die Höchsten, die Stärksten werden mobil gemacht gegen die Mehrheit der Schwachen, der Servilen, der Unbemittelten, der Gläubigen. Dostojewskijs Großinquisitor hat eine ähnliche Ausrichtung, ist aber doch unvergleichlich viel konsistenter … ist argumentativ und rhetorisch viel strenger gefasst und hält trotzdem die Gegenposition zu Macht, Wissen, Besitz offen. Auch bei Dostojewskij hat der Antichrist das Sagen, doch er bemüht sich um begriffliche Klarheit und argumentative Stringenz, läuft dabei allerdings ins Leere, da der vom Inquisitor erneut angeklagte, schwer beschuldigte und mit dem Tod bedrohte Messias auf die Rede gar nicht erst eingeht, sondern sie, ohne ein einziges Wort zu seiner Verteidigung oder Rechtfertigung, mit einem Kuss auf die blutleeren Lippen seines Richters quittiert. Solch selbstloses Schweigen – und damit das stärkste aller Argumente, das der Schwache vorzubringen hat – lag außerhalb von Nietzsches Vorstellungskraft. Indem Dostojewskij den Schwachen zum Opfer werden lässt, spricht er ihm den Triumph des Gerechten zu. – Über viele Jahre hin konnte ich aus Tagungen, Workshops, Vorträgen, Lesungen, auch aus Konzerten und Kinobesuchen reichlich Anregung zu eigenem Schreiben gewinnen. Heute brauche ich solche Anregung nicht mehr. Heute ist es vielmehr so, dass ich in den Wald oder ins Bad muss … dass ich gewissermaßen ins Off oder ins Out muss, um entsprechende Denk- und Schreibimpulse zu bekommen. Nur dort, wo mich keinerlei Information mehr erreicht, wo ich auf keine Fremdquellen zurückgreifen und auch nichts notieren kann, also einzig mein Gedächtnis zur Verfügung habe, kommt bei mir das Denken und Assoziieren, schließlich auch das Formulieren in Gang. Ich brauche solche Ausgesetztheit, damit Werkideen, Problemlösungen oder auch bloß einzelne produktive Erkenntnisse sich einstellen. Wenn der Informationszustrom gekappt ist, kann sich das Denken vorübergehend emanzipieren, kann seine – also meine – eigenen Wege gehen, ein Gedanke, ein Einfall folgt dann auf den andern, ich muss, beim langsamen Ausschreiten stur zwischen meine Schuhe blickend, jede Idee bewusst festhalten, muss sie schützen vor der nächsten, damit nicht eins das andre überlagert. Dieses Exerzitium tut gut, und wenn’s tatsächlich auch gut ausgeht, komme ich mit einem Bündel von Einfällen zurück, setze mich sofort hin, um sie wenigstens stichwortartig aufzuzeichnen. In der Situation des Ausgesetztseins gelingt mir am ehesten ein eigener Gedanke, eine eigene Problemlösung und auch die eigene Formulierung dazu.

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