14. Februar

Ich muss am untern Rücken, schräg überm Sacrum, ein harmloses, aber störendes Lipom entfernen lassen. Der Chirurg empfiehlt mir eine Vollnarkose, kann aber auch die partielle Anästhesierung des Beckenbereichs anbieten. Ich ziehe es vor, wach zu bleiben, möchte die Operation am Monitor mitverfolgen. So geschieht es auch, ich beobachte, auf der Seite liegend, den Eingriff, die relativ tiefen Schnitte ins eigene Fleisch, die Handreichungen der Assistenzärztin, die später auch die Wunden vernäht. Zehn Minuten. Das war’s. Aber war ich wirklich dabei? Denn jetzt erfahre ich, dass die Operation rund dreiviertel Stunden gedauert hat. Wie denn? Der Anästhesist erklärt mir, ich sei zwar wach geblieben, hätte die Augen offen gehalten, das Geschehen beobachtet, sei aber dennoch »für gut eine halbe Stunde weggewesen«. Diese vorübergehende Absenz ist mir nicht bewusst geworden. Der gleitende Übergang vom Da-Sein zum Dort-Sein muss die Bewusstseinsgrenze verwischt haben. Ähnliches erfahre ich im gleitenden Übergang zwischen Traum und Realität. Das eine scheint mit dem andern zu kommunizieren und gleichzeitig zu verschmelzen. Da-Sein und Dort-Sein finden zusammen im Bewusstsein zu sein. Eine elementare und doch auch erstaunliche Lebenserfahrung. – Meine schönste frühkindliche Erinnerung bezieht sich auf das Frühjahr 1945, als in Basel mit Pauken und Trompeten das Kriegsende gefeiert wurde. Meine Mutter hob mich – ich war damals knapp drei Jahre alt – auf den Fenstersims, damit ich mir vom zweiten Stock aus den Festzug in der Rosentalstraße ansehen konnte, an dem außer den kantonalen Militärspielen vermutlich alle Blaskapellen der Stadt und der Region Basel beteiligt waren. Von hinten umschloss sie mich mit ihren weichen weißen Armen, am Rücken spürte ich die schweren Brüste, in meine Ellenbogen prägte sich der gerippte, von der Sonne angewärmte Bimsstein ein. »Da! Dort ist er! Schau!«, sagte Mutter neben meinem Ohr und zeigte hinunter auf die marschierenden und musizierenden Kolonnen. Gemeint war mein Großvater, Hermann Samuel Ingold, der bei solchen öffentlichen Veranstaltungen gern als Trommler oder als Paukist auftrat – irgendwo am Rand und vermutlich ganz hinten in diesem endlosen Umzug muss er, die Pauke vor dem Bauch und den darauf montierten Notenständer vor Augen, mitgelaufen sein; sehen konnte ich ihn nicht. – Diesen Traum hatte ich schon öfter, noch nie aber sind mir so viele Einzelheiten in Erinnerung geblieben. Ich begleite meine sechzehn-, siebzehnjährige Frau zu einer Pressekonferenz, über die sie nach den Abendinformationen im Radio berichten soll. Iris (oder Isis?) ist blind und taub, ich ersetze ihr die Sinne, übermittle ihr Bilder und Geräusche mit sanftem Druck an die Schläfen oder ihre Handgelenke. Unter den vielen Menschen muss ich darauf achten, dass die Berührungen, mit denen ich die Sinnesdaten an sie weiterleite, möglichst diskret geschehen. Da ich ihr auch noch Pausenbrote schmieren, das Make-up auffrischen, Tampons besorgen, das Smartphone bedienen und sie Dutzenden von Kollegen und Konkurrentinnen vorstellen muss, fühle ich mich schon bald überfordert, verliere die nötige Umsicht und Aufmerksamkeit und fange auch noch an, mich für sie zu schämen. Mein aufkommendes Schuldgefühl nimmt sie mir ab mit dem Satz: Bis hierher hast du mich gebracht, weiter schaffst du’s nicht, egal, als Gesandte keines Herrn kann ich das auch selbst. – Migräne nachtweit, nur allmählich Beruhigung, Schlaf ab drei Uhr in der Früh bis neun. Ungute Stimmung, Konzentrationsprobleme; draußen taut’s, dennoch treiben die Böen noch immer vereinzelte Schneeflocken vor sich her und wirbeln sie hoch, während gleichzeitig das schmelzende Eis von Dachrinnen, Fenstersimsen, Balkonen, Baumkronen, Straßenlaternen herabtropft. – Lese den Briefwechsel zwischen Albert Camus und René Char, Dokument einer unverbrüchlichen, dabei formvollendeten Männerfreundschaft, die nichts weniger als ein Lebenskunstwerk ist. – Das für den Valentinstag angekündigte »One Billion Rising« hat tatsächlich weltweit Millionen von Frauen im Protest gegen Belästigung, Missbrauch, Zwangsprostitution, Genitalverstümmelung zum Gang auf die Straße veranlasst. Auf diversen TV-Kanälen sind Bilder von disziplinierten, dabei lautstarken Massendemonstrationen zu sehen – aus Asien, Südamerika, auch aus Afrika, dem Balkan und Russland. Überall werden die Slogans der Protestmärsche und Protesttänze in englischer Sprache vorgetragen oder auf Spruchtafeln vorgezeigt. Was da angesprochen wird, hat eine ganz andere Qualität als die üblichen Slogans der Werbe- und Unterhaltungsindustrie oder als ideologische und religiöse Heilsbotschaften. Hier geht es, unabhängig von nationalen, konfessionellen, sprachlichen Zugehörigkeiten, um existentielle Anliegen von allgemeinmenschlicher Tragweite. Das Englische hat, wenn auch in noch so defizitärer Form, tatsächlich den Status einer Weltsprache … einer Menschheitssprache erreicht und gewinnt damit die vorbabelsche Funktion einer globalen Einheitssprache zurück. Zum variantenreichen Mythos vom Babelturm gehört bekanntlich nicht nur die Diversifizierung der Sprachen, sondern auch die Zerstreuung der Völker. Wenn nun das Englische als einheitliche, weltweit akzeptierte Lingua franca sich weit über den Wirtschafts- und Unterhaltungsbereich hinaus durchsetzt (während logischerweise die Sprachenvielfalt abnimmt), ist wohl ein Wendepunkt, noch nicht aber die Wende erreicht. Die Wende … die Rückwendung zu einer urtümlichen (um nicht zu sagen: einer primitiven) Weltgemeinschaft, in der es keine Andern, keine Fremden, keine Barbaren, keine Feinde mehr gäbe, wäre erst dann geschaffen, wenn alle Völker und Rassen solidarisch als Menschheit zusammenstünden … als eine Menschheit, die ihre Einheit durch Überwindung der Diversität wiedergewonnen hätte. Ob die Erde in ihrem heutigen zivilisatorischen Aggregatzustand noch der Ort für eine solche Wende oder nach einer solchen Rückwendung sein könnte? Und was wäre das für eine Menschheit … was für eine Einheit – ohne Diversität? Wir alle wären Barbaren! Und niemand wäre mehr fremd! – Ein anonymer Inserent lässt seit Monaten zwischen den Todesanzeigen in der NZZ Gedichte aus der klassischen deutschen Literatur abdrucken – Gedichte von Gottfried Keller, Friedrich Hebbel, Theodor Sturm, Ludwig Uhland, Conrad Ferdinand Meyer, Eduard Mörike, Joseph von Eichendorff usf. Es sieht danach aus, als würden die Texte, allesamt weithin bekannt, nach einer Anthologie oder einem Schulbuch ausgewählt. Man hat es also mit »ewigem Vorrat« deutscher Poesie zu tun. Ich lese diese eingeschobenen, mit schwarzem Trauerrand versehenen Gedichte mit einiger Regelmäßigkeit, stelle fest, dass sich die Textfolge nach einer gewissen Zeit wiederholt, hoffe aber weiterhin darauf, vielleicht doch einmal ein mir unbekanntes … vielleicht doch einmal ein wirklich starkes Gedicht hier zu entdecken. Aber weit gefehlt – was hier abgedruckt wird, ob aus Goethe oder aus Liliencron, ist durchweg von geradezu erschreckender Trivialität, dies im Gegensatz zur hohen Thematik, die natürlich durch die Todesanzeigen vorgegeben ist – Bruch, Abschied, Verlust, Tod. Der Klischeehaftigkeit der Metaphorik entspricht die formale Unbedarftheit, mit der das Erhabene in Verse gefasst wird. Wie nur finden Texte solch mediokren Formats Eingang in die Weltliteratur? Warum scheitern die meisten Autoren an einer Thematik, die doch genau so alt ist wie jeder einzelne Mensch und wie die Menschheit insgesamt! Ausnahmen zum Positiven hin bieten einzig Uhland, Meyer, Rilke. Soll ich mitschreiben? Ich tu’s unterm Titel Familiengrab: Da strahlt unter soviel Lidern die Nacht.
Die Pracht der Lichtung tiefoben
erwidert wer oder was.

Diese Blindheit zuerst und. Und dann
die Stille wo’s lauert. Wo Augen
und Hände – längst

ohne Gesicht – noch
eine Weile rotten. Ein Raub
all »unserer« Erinnerungen. Da sucht

wessen Fleisch seinen
Hunger. Da ruht bei lebendigem
Leib – und wartet aufs schwerere Beben –

die Erde in Person.

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