14. Juli

Abends mit Krys zum Nationalfeiertag hinüber nach Frankreich zum Essen, wir fahren über Le Pont und den unbesetzten Grenzübergang bei Mouthe nach Labergement-Sainte-Marie, um im Wirtsgarten Le Coude als Zaungäste den Nationalfeiertag mit einem schlichten ländlichen Festessen und dem herben gelben Wein aus dem Arbois abzuschließen. Wir sind in einer abgelegenen Grenzprovinz, umgeben von lauter einheimischen Tischnachbarn, meist Großfamilien, die sich an langen Tischen hier versammeln, um in leisem Gespräch ein siebengängiges Menü geduldig und stilvoll zu absolvieren, bis um zehn Uhr abends, nicht weit von hier, das bescheidene Feuerwerk der Gemeinde abgebrannt wird. Man lehnt sich zurück, die Kinder kauern auf dem Schoss ihrer Eltern oder Großeltern, alle halten schweigend das Gesicht in die Nacht, in ihren Augen blitzt der Widerschein der steigenden und sinkenden Funkenpracht. Es wird ein schöner ruhiger Abend, ich lese Krys zwei, drei Seiten aus Gerard Manley Hopkins’ Tagebüchern vor – die ingeniöse Beschreibung eines Sommertags, einer Julinacht. Wir haben, ohne uns dessen bewusst zu sein, viel zu viel von dem gelben Wein getrunken und dann auch noch einen regionalen Schnaps als Digestif hinterher, also entschließen wir uns, die Nacht im Gästehaus des Restaurants zu verbringen. Noch lange sind aus der Ferne die Kanonendonner zu hören. – Das Wiederlesen ist in meinem Alter – anders als das Neu- oder Erstlesen – ein merkwürdiges Abenteuer. Man trifft … ich treffe auf Unterstreichungen und marginale Notizen, die ich vor Jahren oder Jahrzehnten bei einem ersten Lektüredurchgang angebracht habe und die wohl als Spontanreaktion auf den jeweiligen Text gelten können. In manchen Fällen vermag ich meine einstigen Anmerkungen und Bewertungen überhaupt nicht mehr nachzuvollziehen, in andern – selteneren – Fällen bin ich erstaunt, schon damals ein Literaturverständnis gehabt zu haben, mit dem ich mich auch jetzt noch identifizieren kann. Zwei neuerliche Lektüren stellen mir nun diesbezüglich ein schlechtes Zeugnis aus. Es geht einerseits um den längst kanonisierten Roman ›Der Große Meaulnes‹ (1913) von Alain-Fournier, anderseits um ein Prosawerk von Pierre Jean Jouve, das ein ›Abenteuer der Catherine Crachat‹ (1931) zum Gegenstand hat. Die beiden Texte lese ich heute völlig anders, ja, fast gar gegenläufig zu meiner Erstlektüre. ›Der Große Meaulnes‹, den ich einst mit zahlreichen Ausrufezeichen und Anstreichungen versehen hatte, gehörte lange Zeit zu meinen Lieblingsbüchern und gewann später zusätzlich an Rang durch eine Verfilmung, die mich tief beeindruckte. Freundschaft vor Liebe – das schien mir die bedenkenswerte Devise des Autors zu sein. Dessen vorzeitiger Tod wie auch die Tatsache, dass ›Der Große Meaulnes‹ sein einziges Buch geblieben ist, erhöhten ihn für mich – ich war damals um die zwanzig Jahre alt – zu einem singulären Wegweiser. Mein erstes Interesse war ganz auf die Botschaft des Romans gerichtet, auf das, was mir Alain-Fournier vermeintlich zu sagen hatte, und ich vermute heute, dass er damit eine sentimentale Saite bei mir anschlug, die zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr ins Schwingen kommt. Jedenfalls kann ich mit dem Buch, wenn ich es nun wiederlese, nichts anfangen, es langweilt mich nicht nur, es irritiert mich auch durch sein pfadfinderhaftes Gutmenschentum und seinen unbedarften Plauderton. Mehr noch als meine Enttäuschung frappiert mich aber die Tatsache, dass ›Der Große Meaulnes‹ – auch ohne mich! – zu einem Klassiker der Moderne avancieren konnte und weiterhin neu aufgelegt, sogar neu übersetzt wird; ich kann nicht erkennen, wodurch dieser Roman als Literatur und für die Literatur von Bedeutung sein sollte. Alain-Fournier liefert ein rührseliges (allerdings an keiner Stelle kitschiges) Stück Unterhaltungsprosa, gekonnt dahererzählt (wenn auch ungeschlacht komponiert), politisch absolut korrekt und psychisch leicht einfühlbar; er bietet mithin ungefähr das, was zeitgenössische Institutsliteratur auf der Linie von Treichel, Ortheil, Draesner zu erbringen versucht; mag ja sein, dass das aktuelle Interesse am ›Großen Meaulnes‹ eben von daher kommt.

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