14. März

Unvergesslich bleibt demgegenüber eine Tagestour nach Lednice, das einst unter dem Namen Eisgrub zu den Besitzungen der Fürsten zu Liechtenstein gehörte und dessen Zentrum auch damals noch, 1969, der Stalinplatz (Stalinovo námĕstí) bildete, der nach Süden hin durch die fürstlichen Stallungen des Architekten Fischer von Erlach – herrliche Barockbauten! – begrenzt ist. Während vieler Stunden gingen wir auf und ab, kreuz und quer durch den groß angelegten Park des Anwesens, der in immer wieder neuer Perspektive bald englische, bald französische oder chinesische Landschaften simuliert und der mit verschiedenen Pavillons, mit einer Sternwarte, mit einem kleinen Minarett ausgestattet ist. Hier wie überall schritt Skácel, unentwegt rauchend, mit gesenktem Kopf und regelmäßigem Schritt voran, er sprach viel, berichtete über seine Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs im benachbarten Österreich, über seine frühe Arbeit für die kommunistische Presse, über seine literarischen Anfänge, seine Vorbilder, seine schreibenden Kollegen. – Oft fragte ich mich (und ich frage mich weiterhin), wie Jan Skácel zu einem Meister des Landschaftsgedichts werden konnte, da er doch Feld und Wald überhaupt nicht zu beachten schien; da er kaum je den Blick hob, kaum je innehielt, um sich irgendetwas genauer anzusehn. Seine Art zu gehen und im Gehen den Blick zum Boden gesenkt zu halten, machte auf mich den Eindruck, als würde er die Landschaft gleichsam von Grund auf … vom Erdboden her einlesen, um sie später in der Kneipe oder daheim in der Küche in seinem Heft niederzuschreiben. – Aufgefallen ist mir auch, dass Skácel, dessen feiner Humor und subtile Melancholie einen Großteil seiner Lyrik unverwechselbar imprägniert haben, nie gelacht, auch nie gelächelt hat. Sein schönes, kraftvoll geschnitztes Gesicht war beherrscht von tiefen, fast schwarzen Augen unter ungewöhnlich buschigen Brauen; es ließ keine momentanen Regungen erkennen, wirkte insgesamt eher düster, jedenfalls sehr ernst und hellte sich – soweit ich mich erinnere – niemals auf. Skácels zarte Gestalt gewann durch den dominanten, wiewohl fast immer gesenkten Kopf einen gravitätischen … einen Respekt heischenden Ausdruck, zu dem es in seiner Art zu reden und zu schreiben keine erkennbare Entsprechung gab. – Nach weiteren Besuchen während der 1970er, 1980er Jahre traf ich im Sommer 1989 anlässlich der Verleihung des Petrarca-Preises in Lucca ein letztes Mal mit Jan Skácel zusammen. Dutzende von Menschen – Dichterkollegen, Übersetzer, Kritiker, Verleger – bemühten sich um ihn, befragten ihn, feierten ihn. Nur ein einziges längeres Gespräch konnte ich bei jener Gelegenheit mit ihm in einem Straßencafé führen. Es war ein strikt privates Gespräch. Er berichtete mir von gemeinsamen Freunden, von seiner bedrängenden Wohnsituation, von seinen zunehmenden gesundheitlichen Problemen. Fast ebenso viel, wie er sprach, hustete er. Als auf der andern Straßenseite der Dichter Handke schlendernd vorüberging, rief er ihm zu und verschluckte sich dabei, was einen neuen Hustenanfall auslöste. Handke hatte den Ruf wohl überhört und ging, ohne sich umzuwenden, weiter, derweil sich Skácel, noch immer hustend, die nächste Zigarette ansteckte. Wenige Monate danach, Anfang November 1989, starb er in Brünn. Geblieben sind mir von ihm, außer den Erinnerungen, viele Briefe und Karten, ein paar Fotos und Manuskripte sowie manch eine gewidmete Erstausgabe seiner Gedichte. Ich denke … ich hoffe, dass der Kammerton der Gespräche, die wir über die Jahre hin geführt haben, spürbar auch in die Übersetzungen eingegangen ist, die ich nach Skácels Tod in mehreren Zeitschriften- und Buchpublikationen vorgelegt habe. Alles, was dieser Lyriker in Verse gebracht hat, zeugt – mit jedem seiner Worte – davon, dass und wie er »das Leben dem eigenen Tod zum Geschenk gemacht hat«. Und vor dem Gasthaus
in dem der Regen zu hören ist
verhandelt eine scharlachrote Rose
mit dem Dunkel

wir sitzen drin
überm Lämpchen des Weins
und die tropfenden Sekunden
werden es uns nicht löschen. – Undank und Unaufmerksamkeit empfinde ich als eine Form von Aggression; immer häufiger kommt die Empfindung bei mir auf, abzuweisen ist sie nicht. Aber immer besser verstehe ich die strenge Empfehlung der Stoa, sich über Undankbarkeit nicht zu beklagen … sich über Undank und Missachtung hinwegzusetzen und damit menschliche Größe, Würde, Gleichgültigkeit zu zeigen. Simples Rezept! Und … aber warum ist es so schwer umzusetzen? – Auf TV-3sat läuft eine Diskussionssendung über sogenannten Kunstfehler, mithin über ärztliche Schlamperei und Inkompetenz; ich wundere mich mal wieder über mich selbst, dass ich die Fehldiagnosen und sonstigen Fehlleistungen meiner Ärzte relativ gleichmütig hinnehmen kann, bei all den damit verbundenen Verlusten, Schmerzen, Ängsten. Vielleicht ist es die schlichte Einsicht, dass ja ohnehin nichts wieder gutzumachen, nichts mehr zu ändern ist, weder durch wehleidige Klage noch durch juristisch begründete Anklage. Als Skandal empfinde ich allerdings nach wie vor die Dreistigkeit und Verlogenheit, mit der die Mediziner – im Dutzend mein Spitalbett umstellend – mich über meinen Zustand belogen und gleichzeitig ihre ärztlichen Missgriffe abgestritten haben. Welches Kraut sollte dagegen gewachsen sein? Auch das giftigste verhindert den Kunstfehler nicht und auch nicht dessen Verleugnung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.