14. November

Albrecht Dürer als Originalgenie, die ›Melencolia‹ als eins seiner epochalen Meisterwerke – er wie es, der Künstler und das Werk, sind exemplarisch für das, was ich unter Autorschaft verstehe und als solche plausibel machen möchte. Dürer ist das Gegenteil eines Originalgenies, die ›Melencolia‹ das Gegenteil eines schöpferischen Wurfs ex nihilo. Die europäische Kunstentwicklung hat wohl kein anderes Bildwerk hervorgebracht, dessen Gesamtkonzept und dessen dargestellte Gegenständlichkeit vollumfänglich aus vorliegenden (künstlerischen, mythologischen, wissenschaftlichen, philosophischen) Quellen übernommen wurden – aufgenommen und neu arrangiert wurden. Dazu gehören, nebst anderm, die Kronos-Saturn-Deutungen der Astrologie, der Mythographie und Moraltheologie, das neoplatonische Konzept der Melancholie, die Lehre von den Temperamenten, die Symbolik der Geometrie, die althergebrachten Motive des Beutels, des Schlüssels, des Hunds, der Sanduhr, der Glocke, der geballten Faust, des aufgestützten Kopfs u. a. m. Neu ist nicht das Geschaffene, neu ist dessen Konstruktion, der Zusammenschnitt des vorliegenden Materials, die Synthetisierung vorgegebener Ideen und Einsichten. Nicht das Was, nur das Wie kann »originell«, authentisch, einzigartig sein. – Seit halb sechs bin ich aufrecht, wenn auch noch nicht wirklich wach. Lege eine CD von Morton Feldman auf, Klavierwerke, von ihm selbst gespielt. Koche Teewasser ab, stelle fest, ich hab den PC gestern nicht heruntergefahren, werfe einen flüchtigen Blick in drei, vier Onlinezeitungen, gehe wieder auf Standby, entschließe mich zu einem frühen Rundgang über Envy und Croy und wieder zurück hierher. Gut eine Stunde … eine gute Stunde zu Fuß. Ich beobachte, wie der Morgen den Himmel mit Novembergrau überzieht, bin erstaunt, dass Grau gleichzeitig so stumpf und so brillant sein kann – sieht aus wie eine feine, matt schimmernde, leicht geknitterte Alufolie. – Beim Frühstück höre ich auf Ö1 ein Interview mit Carl Djerassi, dem »Vater der Pille«, der gegenwärtig – er ist neunzig Jahre alt – an seiner vierten Autobiografie arbeitet. Auch eine fünfte, meint er, könne er sich durchaus vorstellen, werde sie aber wohl aus lebenszeitlichen Gründen nicht mehr vollenden. Weshalb und wozu, wird er gefragt, braucht es denn mehr als eine Autobiografie? Weil, sagt Djerassi, jede Autobiografie eine Autofiktion sei und als solche Teil einer Automythologie. Nicht nur seine … jede Autobiografie müsse permanent revidiert, differenziert, vielleicht gar völlig umgeschrieben werden. Von der Pille, von seinem Ruhm und seinen wissenschaftlichen Verdiensten mag er nichts mehr hören, betont er – er sei schon immer ein Schriftsteller, ein Künstler gewesen, der Gang der Geschichte, mithin auch seine erzwungene Emigration aus Wien in die USA und die Notwendigkeit, im Exil neu anfangen zu müssen, habe ihn daran gehindert. Seit einigen Jahren habe er sich nun in seiner Heimat – »Heimat ist ein schwieriges … das ist ein unübersetzbares Wort« – endlich als Romanautor und Stückeschreiber etabliert, doch vom Feuilleton werde er »so gut wie gar nicht« wahrgenommen: »Das trifft mich hart, ich möchte ja doch als Literat erfolgreich sein und als solcher auch in Erinnerung bleiben.« Damit gibt sich Djerassi als Anfänger zu erkennen; er glaubt noch immer an das Feuilleton als verlässliche kritische Instanz. Anderseits überschätzt er wohl seine literarischen Möglichkeiten. Interessant ist aber doch, dass der weltberühmte »Vater der Pille« lieber als Autor eines Buchs gefeiert werden möchte, eines Buchs zumal, das unter seinem Namen sein Leben vergegenwärtigt und es gleichzeitig, eben dadurch, verewigt. – Heute absolviere ich, wie meistens am Donnerstag, meine Einkaufstour nach Orbe zum Supermarkt. Erst unterwegs wird mir bewusst, dass mich die Migräne bereits im Griff hat und dass sie mich nicht so rasch wieder freigeben wird. Ob ich umkehren sollte? Meine Aufmerksamkeit ist plötzlich ganz nach innen gerichtet, mein Gesichtsfeld flackert, verzerrt sich, der Schmerz kriecht aus den Schläfen zum Nacken, sticht plötzlich auch im Unterbauch zu. Nein. Ja. Doch. Ich bleibe auf der Strecke. Ich reduziere die Geschwindigkeit, öffne das Seitenfenster, konzentriere mich auf den Mittelstreifen. Komme unbeschadet in Orbe an. Fahre in die Tiefgarage, dann auf der Rolltreppe in die Verkaufsetage. Gerate in Panik angesichts der Massenhaftigkeit von Kunden und Waren. Bin unfähig zu irgendwelchen Wahl- oder Kaufentscheidungen. Empfinde die Hintergrundmusik als perfide Verarschung. Spüre, wie Ekel und Schmerz in mir hochkommen. Beiße die Zähne noch fester zusammen. Bewege mich mit leerem Einkaufskorb an der Kasse vorbei zum Kundenrestaurant. Setze mich an einen freien Randtisch. Warte auf die Bedienung, um einen Grüntee zu bestellen. Realisiere lange Zeit nicht, dass es hier keine Bedienung gibt; dass jeder sich selbst helfen muss; dass ich mein eigener Kunde und Patient bin. – Vor drei Wochen ist bei Klaus G. Renner in Ottiglio als bibliophile Broschüre meine Erst- und Gesamtübersetzung von Stanley Chapmans Versdichtungen nach Vorlagen von Guillaume Apollinaire unter dem Titel ›Apropollinaire‹ erschienen. Um einzusehen und zu akzeptieren, dass das knapp fünfzigseitige Bändchen vierzig Euro kosten muss, sollte man wissen, dass der Text von Hand gesetzt, auf Büttenpapier von Cartiera Amatruda zweifarbig in einhundert Exemplaren gedruckt, dann fadengebunden, schließlich einzeln nummeriert und signiert worden ist. Rund dreißig dieser kostbaren Broschüren habe ich mit persönlicher Widmung an Freunde, Freundinnen, Bekannte und schreibende Kollegen geschenkweise verschickt; es gab dazu fünf beiläufige Rückmeldungen und zweimal schriftlichen Dank. – Seit Tagen wieder die gewohnten Kopf- und Bauchwehkrisen, die sonst zu dieser Jahreszeit eher seltener werden und sich abschwächen. Die vorangegangene Beruhigung war also nicht therapie-, sondern zufallsbedingt. Auch der November, mein bevorzugter Monat, gibt mir keinen Schutz mehr, keinen Aufschub. Zunehmende Schwindelgefühle behindern mich, die Stimme wird dünn, die Sprechwerkzeuge – Zunge, Gurgel – sind nicht mehr ganz richtig mit der Sprache (oder der Aussprache?) koordiniert. Muss aufpassen. Oder resignieren. – In einer TV-Reportage aus Dubai wird eine Auslese »deutscher Dichter und Denker« vorgeführt, die vor Ort als Gäste eines angeblich weltoffenen schwerreichen Scheichs herumgekarrt und verköstigt werden. Eine schöne junge Autorin streichelt einen gezähmten Falken, Wilhelm Genazino, Ilma Rakusa, Martin Mosebach wanken an den endlos langen, unterm Übergewicht der Speisen durchhängenden Tischen entlang und lassen dies und jenes über Völkerverständigung und Kulturaustausch verlauten. Müller, Muschg, Enzensberger und Konsorten – promovierte Galionsfiguren des deutschen akademischen Bildungstourismus – werden um kurze Statements gebeten. Vorm Mikrofon gelingt diesen selbstgefälligen, alt, eitel und bequem gewordenen Zeitgenossen kaum ein vollständiger Satz, doch wird offenkundig, wie sehr und wie problemlos sie sich in der Wellness ihres 17-Sterne-Hotels gefallen; man dürfe doch, radebricht der als Haremsdame verkleidete Dichter Michael Krüger in die Kamera, »auch mal wieder ein bisschen genießen«. Voraussetzung dafür ist allerdings die Mitgliedschaft in der Akademie für Sprache und Dichtung. Die gegenseitig sich ernennenden Akademiker – sie sind die wirklichen, die wahrhaftigen und repräsentativen, die allzeit und überall unvermeidlichen, insgesamt also gewichtigen, vielleicht typischen Autoren, die »unsere« Kultur im künstlich gekühlten Wüstensand vertreten dürfen. Wer denn sonst! – Habe gestern das Buch von Alfons Matt über die Befreiung des KZs von Mauthausen-Gusen gelesen; es ist eine etwas fahrige, aber faktenstarke Arbeit, die manches zurechtrückt und klarstellt, was zuvor zweifelhaft war oder bewusst verheimlicht wurde. Was Matt berichtet und dokumentiert, überbietet in manchen Details unsere … überbietet jedenfalls meine Vorstellungskraft. Im Hinblick auf ›Alias‹ – für den Roman ist ein Kapitel über Mauthausen vorgesehen – werde ich mich hüten müssen, nun auch noch diese unvorstellbaren Fakten fiktional überbieten zu wollen. Die Schwierigkeit wird darin bestehen, Fiktionalität und Faktizität engzuführen, aber nicht ineinander verschwimmen zu lassen. Es wird folglich eher darum gehen, dokumentierte Fakten und Namen auf der Erzählebene leicht zu verschieben als sie mit eigener Einbildungskraft ins Fantastische zu entrücken. Dem KZ als realer Erfahrungswelt kann keine – auch nicht meine – Fantasiewelt gerecht werden. – Nach einer verregneten Nacht wischt der aufkommende Föhn die restlichen Wolkenschlieren weg, durchweht das Novembergrau mit märzlicher Bläue; vom Balkon aus überblicke ich den Alpenkamm von der Zentral- bis zur Ostschweiz; der nahe Üetliberg, ein unerheblicher Spazierhügel, steht gleichsam Schulter an Schulter mit dem Säntismassiv – das von der strahlenden Sonne schräg ausgeleuchtete Panorama präsentiert sich wie eine auf Sperrholz gemalte Theaterkulisse zu ›Wilhelm Tell‹. – Sarlat ist eine der zufälligen Zwischenstationen unterwegs ins Tarngebiet und weiter nach Süden, zu den Pyrenäen, zu den Hauptstätten der Albigenser, die ich nach langer Zeit wieder aufsuchen, mir genauer ansehen will – düstere Gegend, ärmliche Landschaft, gewaltige Kirchenbauten, die wie Kerker- oder Festungsanlagen noch immer so etwas wie heiligen Horror verbreiten. Jedenfalls hab ich’s bei meiner ersten Durchreise vor … vor gut dreißig Jahren so empfunden, doch womöglich war jener Horror nur einfach der Anfang einer Schönheit, für die ich damals noch kein Auge hatte. Wird sich ja heute noch zeigen. Doch ich überlasse mich nun erst mal dem Zufall, mache also Halt in dieser Provinzstadt, wo ich nach kurzer Irrfahrt im Umkreis von Cressensac und Liginiac und Souillac gegen Mittag eintreffe. Folgt ein kleiner Lunch in der Brasserie Montalban am Platz der Republik. Der Platz und der von hier abgehende Boulevard sind gesäumt von Ständen, Buden, Wühltischen aller Art, eine unschöne, sichtlich baufällige Kirche dient zusätzlich als Markthalle. Die Wimmelszene ist »schwarz mit Volk«, die vermummten Leute drängen sich zum Einkauf fürs Wochenende. Ich verlasse das Marktgelände, schlendere zurück zum Parkplatz, der noch immer – wie denn auch nicht! – von mächtigen nackten Platanen bewacht wird. Treffe auf das Denkmal von La Boétie, fotografiere den Täuberich, der mit schief gerecktem Hals auf dem Unterarm des Dichterphilosophen hockt. Gehe weiter bis zum Stadtrand, und da es hier augenscheinlich nichts zu sehen gibt, zumindest nichts Sehenswertes, vergesse ich bald, wo ich wirklich bin. Der Set, ein kleiner verwahrloster Stadtgarten, wird gerade ausgeleuchtet, eine Kamerafrau schultert ihr Aufnahmegerät, richtet die Optik zu den kahlen Baumkronen, dann auf eine Sitzbank zwischen den mächtigen Stämmen. Innerhalb kürzester Zeit belebt sich der öde Platz, Mikrofone werden aufgestellt, Scheinwerfer justiert, Anweisungen gegeben. Die Filmequipe bezieht Position, ein alter Mann in Alltagskleidung geht zur Bank, setzt sich, nimmt verschiedene Posen ein, derweil von links [bricht ab]

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