14. September

Im Gemeinderat heute Abend steht die Jagd auf der Traktandenliste. Es geht einerseits um die viel zu hohe Zahl von Wildschweinen in den benachbarten Wäldern, anderseits darum, zusätzliche Jäger zu rekrutieren. Die Anzahl der Jäger nimmt gemäß Tischvorlage von Jahr zu Jahr ab, während gleichzeitig die Wildschweinpopulation stark anwächst. Das aktuelle Durchschnittsalter der Jägerschaft betrage zur Zeit achtundfünfzig Jahre. Man beschließt deshalb, das Mindestalter für das Jagdpatent von zwanzig auf achtzehn Jahre zu senken und die Ausbildung der Jäger (von Jägerinnen ist keine Rede im Rat) statt wie bisher mit achtzehn bereits mit sechzehn Jahren zu beginnen. Die entsprechende Änderung des kommunalen Jagdgesetzes wird in zweiter Lesung mit siebenundzwanzig gegen eine Stimme gutgeheißen. Die übrigen Traktanden können ohne Abstimmung abgehakt werden. Der neugewählte Gemeindepräsident hat die Sitzung straff und effizient geleitet; er will – so erklärt er abschließend unter Varia – auch in Zukunft sach- und problembezogen agieren. Nach der Sache mit den Wildschweinen und dem Problem mit den Jägern sollen bei der nächsten Sitzung Optionen für eine bessere (auch private) Nutzung der bestehenden Schießanlage am Rand des Städtchens zur Debatte gestellt werden. Der Schützenstand mit mobilen Zielscheiben unterschiedlicher Form und Größe ist für Trainingseinheiten mit Pistole (fünfzig Meter) sowie mit Karabiner oder Sturmgewehr (dreihundert Meter) ausgelegt und steht der Armee wie auch der kantonalen Polizei zur Verfügung. Der Gemeindeausschuss für Tourismus und Kultur (zwei gewählte Mitglieder) möchte den Stand nun ausbauen, um ihn zusätzlich als Festhütte zu nutzen oder zu vermieten. Ich notiere diese Dinge, um mir selbst – angesichts der Weltlage – klar zu machen, welche echten staatsbürgerlichen Herausforderungen hier in der jurassischen Provinz zu bewältigen sind. – Mit seinen Büchern über den stalinistischen Säuberungs- und Nivellierungsterror schafft Benedikt Sarnow, noch heute aktiv, eine Enzyklopädie menschlicher Niedertracht, die alles Menschliche, auch das Gute, der Niedertracht zuschlägt. Eine desolatere Lektüre kenne ich nicht. Selbst die mörderischen Lagergeschichten Warlam Schalamows reichen nicht an das Entsetzen heran, das bei mir ausgelöst wird, wenn ich Sarnows dokumentarische Berichte über die endlosen Folterungen des Meisterregisseurs Wsewolod Meierhold im NKWD-Gefängnis lese, die Berichte über die Terrorisierung Isaak Babels, Ossip Mandelstams oder Boris Pilnjaks durch mediokre Büttel der Sowjetmacht, aber auch jene, die vor Augen führen, wie mit subtileren Mitteln – Drohung, Lüge, Irreführung, Rufmord, Familienhaftung, Schlafentzug usf. – künstlerische Existenzen systematisch vernichtet wurden: Anna Achmatowa, Andrej Platonow, Michail Sostschenko sind prominente Beispiele dafür … drei Fälle von dreitausend andern Fällen, die größtenteils vergessen sind und vermutlich nicht einmal in irgendwelchen Dokumenten je wieder aufleben werden. Das Entsetzen erwächst daraus, dass hier Menschen ohne jeden persönliches Anlass andere Menschen, die ihnen völlig unbekannt sind, mit letzter Infamie schinden und vernichten, Aug in Aug mit ihren Opfern, und dies über Wochen, Monate, manchmal Jahre hin, ohne dass sie dafür irgendwelche Vorteile für sich selbst erwirken können – die Büttel und Henker der Sowjetmacht dürfen weder materielle noch ideelle Entschädigung für ihr Tun erwarten: Sie tun, was zu tun ist, und was getan wird, ist in jedem Fall Unrecht, und dieses Unrecht muss als Recht durchgesetzt und von Opfern auch als solches anerkannt werden. Henkerlohn? Die Lust am Leid derer, über die man uneingeschränkt verfügen und richten darf, die sich quälen, beschimpfen, anklagen, verhöhnen lassen und die nur mit Schreien oder Schweigen darauf reagieren können. Die Lust vielleicht, eine Situation zu dominieren, in der es keine Moral, keine Logik, keine Würde, keinen Dialog, keine Zeugen und letztlich keinen andern Lohn gibt, als eben diese Lust … die Lust, die eigene Niedertracht und die Erniedrigung der Opfer gleichermaßen zu genießen. Womöglich gibt es dafür aber noch einen ganz andern … einen viel einfacheren Grund: In aller Regel waren die Opfer dieser individuellen außergerichtlichen Säuberungsprozesse ihren Richtern und Henkern geistig bei weitem überlegen, und allein diese Überlegenheit mag auf die uniformierten Ausführungsorgane der Staatsmacht provokant gewirkt und dazu geführt haben, dass man die »Angeklagten«, bevor sie hingerichtet wurden, unter Folter zum Eingeständnis von vorab konstruierten »Verbrechen« zwang, und damit zur Bestätigung des Unrechts als des »Rechts« der Stärkeren. Noch ein Gegensatz zum Terrorregime der Nationalsozialisten, deren Opfer keineswegs falsche Anklagen beglaubigen mussten, die vielmehr für das bestraft und liquidiert wurden, was sie tatsächlich waren – Kommunisten, Zigeuner, Sozialdemokraten, Juden, Homosexuelle, Geisteskranke. In der UdSSR wiederum wurden »Spione«, »Verräter«, Volksfeinde«, »Attentäter« zu Hunderttausenden ins Arbeitslager oder in den Tod geschickt, obwohl kaum einer von ihnen – selbst wenn er es zugab – jemals spioniert, das Land verraten oder gar ein Attentat geplant hatte. Jahrzehnte sind seither vergangen, vieles ist vergessen, manches bleibt verdrängt. Benedikt Sarnow wird einer der letzten Zeitzeugen und Dokumentaristen des stalinistischen Terrors gewesen sein. Nach wie vor trägt er sein riesiges Brillengestell sowjetischer Bauart vorm Gesicht, aus dem er mich wie aus einem vergitterten Zellenfenster mit hellen grauen Augen fixiert und mir, dem viel Jüngern, zu verstehen gibt: Du bist draußen, und was hier in Russland unter Stalin geschah, kann kein Außenstehender begreifen. – Wach um fünf Uhr vierunddreißig. Keine Ahnung, wer oder was mich geweckt hat. Zum Aufstehn zu früh. Wie immer, wenn ich in dieser Situation bin, versuche ich an den abgebrochnen Traum anzuknüpfen und nochmals einzuschlafen, bekomme aber nichts mehr davon zu fassen. Statt dessen nehme ich mir das Wort »Traum« vor, räume die fünf Buchstaben um, mal so, mal anders, stelle fest, wie viele Wörter sonst noch in diesem Wort stecken … was aus den paar wenigen Buchstaben sonst noch zu machen ist: Mut. Raum. Turm. Arm. Rat. Tram. Tau. All diese Begriffe sind, man braucht bloß die einzelnen Buchstaben zu versetzen, vollständig in dem einen Wort »Traum« enthalten. Beim Probieren und Kombinieren schlafe ich wieder ein. – Ich soll nun endlich mein Büro an der Universität räumen. Der Nachfolger ist schon da, möchte sich einrichten. Ich laufe durch den Campus, frage nach dem Weg, irre durchs Kollegiengebäude, keiner weiß, wer ich bin und, noch weniger, wo sich mein Büro befindet. Ich habe meinen alten schwarzen Pappkoffer mit den rostigen Klappschlössern dabei, um meine Sachen abzuholen – im engen Lift muss ich ihn umarmen, muss ihn an mich drücken, damit wenigstens noch eine weitere Person neben mir Platz findet. Die weitere Person ist ein sympathischer junger Mann, der nun seinen Rucksack genau so an sich drückt wie ich den Koffer Die Engnis stört ihn nicht, er beginnt zu plaudern, die Fahrt nach unten scheint endlos zu dauern, der Junge ist in Eile, müsste in zehn Minuten am Bahnhof sein. Sogleich entschließe ich mich, mit ihm zusammen in die Stadt hinunter zu fahren, es gibt eine direkte Busverbindung vom Campus zum Bahnhof. Die Zeit drängt. Aber so rasch kommen wir von hier nicht weg. Um den Campus zu verlassen, müssen wir eine Sicherheitsschranke passieren, die sich – wie uns eine Hostess im kleinen Schwarzen erklärt – nur dann öffnet, wenn man … wenn ich in altem Englisch einen Vers aus dem Beowulf ins Mikrofon spreche. Mir fällt kein derartiger Vers ein. Also mache ich kehrt, geh zurück zum Kollegienhaus, stelle mich in der vollbesetzten Mensa in die Warteschlange, um mir ein Eis zu besorgen. Jetzt, da ich endlich an der Reihe bin und nach meinen Wünschen gefragt werde, wird mir klar, dass ich sämtliche Wörter für die Bezeichnung der Aromen vergessen habe. Keine Ahnung, was ich wie bestellen soll. Statt Aromen nenne ich Farben. Das Eis soll unbedingt grün sein. Pistazie, sagt der Servicemann, ohne den Kopf zu heben, er klaubt eine Kugel aus dem dampfenden Aluminiumbehälter und klatscht sie mir in den Kartonbecher. Durch die Glaswand der Mensa sehe ich, wie grade eben der Bus wegfährt. Den Bahnhof erreiche ich, zusammen mit dem unbekannten Begleiter, zu Fuß. Wir sind, wie sich herausstellt, viel zu früh da und müssen nun eine Dreiviertelstunde totschlagen. Totschlagen womit? Ich greife nach dem Reclamheft, das ich in der Gesäßtasche trage, ›Der Ekel‹ von Sartre; doch damit schlägt man bestenfalls eine Fliege tot. – Schweres Gewitter über Nacht. Die nassen Gassen sind ausgelegt mit angegilbtem Laub, das vom Wind, vom Regen aus Bäumen und Büschen gezaust worden ist. Die Autos auf dem obern Parkplatz sind mit ockerbraunen, senfgelben, ziegelroten, schmutziggrünen Blättern beklebt und von dem im Sand aufklatschenden Regen unten herum mit dichten Spritzern verdreckt. Im noch immer strömenden Regen trete ich meinen Waldgang an. Das Dunkel steht noch, die einzige Begegnung diesmal ist ein Mann, der mit übergezogener Kapuze und gesenktem Kopf in Begleitung eines zottigen Hunds unterwegs ist. Wir sind fast schon auf gleicher Höhe, als er mich, ohne aufzublicken, unter der Kapuze hervor kurz grüßt; es ist, ich erkenne den Mann erst in diesem Augenblick, meine Nachbarin M. R ., sie trägt dick gefütterte Klamotten und schwere Gummistiefel, ihre Stimme erschöpft sich in einem tiefen Knirschen. – Im Kunstshop gegenüber der Abbaye von Romainmôtier gibt es neuerdings eine Ecke mit gebrauchten Büchern. Schon beim zweiten Zugriff stoße ich auf die Erstausgabe – Lausanne 1950 – von Francis Ponge’s mit Tiefdrucktafeln illustriertem Buch über die Seine. Das Buch ist »wie neu«, trägt weder einen Besitzervermerk noch Lesespuren oder Anstreichungen. Ich erwerbe den Band für wenig Geld, obwohl ich den Text in einer andern, späteren Ausgabe bereits besitze und obwohl ich weiß, dass ich diesen wertvollen Erstdruck niemals mit dem Stift in der Hand lesen werde – der Zufall hat ihn mir zugespielt, und es kommt mir vor, als hätte der Autor den Zufall eigens für mich arrangiert. Kindische Vorstellung! Das Buch als Einzelstück, als Original, und nicht einfach als ein Exemplar aus der ersten oder zweiten Auflage! Zwischen dem Fluss und dem Namen la Seine gibt es weder lautlich noch buchstäblich irgendeine Übereinstimmung, auch dann nicht, wenn man die Bezeichnung deutsch als »die seine« ausspricht. In seinem Buch ›La Seine‹ geht Ponge von solchen Fragestellungen aus und spürt unentwegt dem Lebenssinn der Sprache nach. So wie der Fluss, den er beschreibt, unentwegt der Richtung folgt, die mit seinem Sinn identisch ist: Das Französische hält für beides – Sinn und Richtung – dasselbe Wort bereit, le sens. – Kurz nach sieben steh ich auf, die Radionachrichten sind schon vorbei. Ich hole draußen in meinem Réduit das Brennholz zum Einheizen. Der Nebel, bereits ein wenig aufgehellt, hängt als rieselnder Schleier über der Gasse, bildet um die Laterne herum eine schwebende Kugel, deren dumpfes Licht auf das darunter stehende Auto fällt und es mit einem matten Silberglanz überzieht – ich mache Halt, die Scheite auf den Armen, und sehe plötzlich, unmittelbar vor mir und um mich herum, ein dunstiges Filmstill in Schwarzweiß, sehr poetisch und ein wenig unheimlich auch, ein Standbild, das mich schattenhaft einschließt … das mir Jean Eustache ins Gedächtnis ruft, und Jean Renoir, und Jean Gabin. Doch dieser zauberhafte Moment ist reine Gegenwart … geht wie alle zauberhaften Momente zu Ende, wenn er beginnt. – Heute Nacht Jean Amérys Essay zum Freitod – der Mann will frei zum Tod sein, derweil wir andern bloß vom Tod frei sein wollen. – Um sechs Uhr bin ich aufgewacht, ich bleibe möglichst reglos liegen, um meinen Traum nicht zu verlieren oder ihn, wie man neuerdings zu sagen pflegt, »vergessen gehen« zu lassen. Ich weiß, es war ein großer Traum, es waren zwei Träume, beide mit einer jungen, starken, mir unbekannten Frau, der gegenüber ich in einer unangenehmen Prüfungs- oder Rechtfertigungssituation war. Nein, ich gewinne den Traum nicht zurück, alles um jene Frau herum ist verdumpft, sie allein besteht, klar konturiert, in ihrer Unscheinbarkeit. Eine Stunde später steh ich auf, bemerke, ich hab in der Küche das Licht angelassen, das Fenster ist von außen beschlagen, dahinter … davor ballt sich wie schwarze Watte die Nacht, die sich erst im Lauf meines langsamen Frühstücks auflöst – ich teste ein neues Knäckebrot, blättere im frischen ›Volltext‹, lasse mich einnehmen von einem Gespräch, das Angelika Klammer mit Thomas Stangl für die Zeitung geführt hat, bin einigermaßen beeindruckt, wenn auch nicht ganz überzeugt von der Ehrenrettung des »vergessen gegangenen« Großschriftstellers Peter Hermann Gogolin durch Alban Nikolai Herbst, der beiläufig den aktuellen deutschen Literaturbetrieb dekonstruiert. – Aber ich muss los, es ist Montag, der Wocheneinkauf im Supermarkt steht an. Unterwegs nach Orbe verdichtet sich der Nebel, die Sichtweite verkürzt sich auf zwanzig, vielleicht dreißig Meter. Die leicht hügelige Landschaft ist wie ausgelöscht … wirkt so, als hätte man sie mit neutralem Grau übermalt, einzelne größere Gegenstände – Baumgruppen, Schober, freistehende Kühe, Erntemaschinen – heben sich schemenhaft ab, scheinen zu schweben, da weder der Boden noch der Horizont zu sehen ist. So macht Nebel vieles klar, er stellt immer nur das große Ganze heraus, störende oder schmückende Details entzieht er dem Blick. In solch nebulöser Klarheit kommt die Welt untadelig zur Erscheinung, ganz gleich, wie versehrt sie in Wirklichkeit ist. Kurz vor der Einfahrt nach Orbe führt die schmale Landstraße durch ein riesiges Sonnenblumenfeld, links und rechts der Fahrbahn ragen reihenweise mit gesenkten Köpfen die brandschwarzen, offenbar nicht abgeernteten hohen Blumen – sieht aus wie eine abgewrackte Kinderarmee, lauter ausgemergelte Gestalten mit aufgepflanzten Flinten oder Bajonetten. Kurz nach Ladenöffnung komme ich beim Supermarkt an, lasse mich vom lautlos rotierenden Rollband auf die unabsehbar weitläufige Einkaufsebene hieven. An den Regalen machen sich Hilfskräfte in orangeroter Arbeitskleidung zu schaffen, Kundschaft gibt es noch kaum, ich bewege mich ziemlich allein durch die Alleen und Gassen mit der aufgetürmten Ware. Ich nutze unter anderm ein Sonderangebot von regionalen Weinen, Côtes de l’Orbe, weiß und rosé, dazu das Übliche, Nötige. Auf der Rückfahrt Zwischenhalt am Hauptplatz, besorge mir beim Kiosk ›Le Temps‹, ›Le Monde‹, ›Le Matin‹, gegen zehn Uhr wieder zu Haus im Bau. Hole Brennholz in meinem Schuppen auf der Gartenseite, der Vorrat geht zu Ende; ich heize täglich ein, muss zwei, drei Ster nachbestellen, dafür gibt’s ein Formular des kommunalen Forstbüros – wo hab ich das bloß abgelegt?

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