15. August

Am Traum beziehungsweise an der Auslegung von Träumen lässt sich der Unterschied von Sinn und Bedeutung – in meinem Verständnis – klar aufzeigen. Wer einen Traum psychologisch deutet und auswertet, bezieht sich stets auf das Vorwissen, das er vom Träumer und dessen aktuellen Lebensumständen hat. Der Traum ist in diesem Fall das, was (zur realen Erfahrung, zur realen Lebenswelt) noch dazukommt, so etwas wie ein (zwar) irreales, aber analoges Supplement, das Bilder freigibt, die sich im Wachzustand nicht einstellen, die den Wachzustand aber metaphorisch repräsentieren und ihn solcherart bedeuten. Je nach Traumdeutungslehre bedeuten dann eben das Tor, das Meer, die Fliege, der Turm, der Schnee etwas Bestimmtes, das im gelebten Leben noch unbestimmt und vielleicht problematisch ist. Die Richtigkeit solcher Deutung ist relativ, hängt ab von den Prämissen und der angewandten Methode. Ich selbst ziehe es vor, die eigenen Träume als das zu nehmen, was sie sind, als das mithin, was sie zeigen, und davon ausgehend frage ich mich, statt den Traum in die Wirklichkeit, in die Vergangenheit zurückzuübersetzen, was damit anzufangen ist, nicht als Ergänzung oder Ersatz, sondern als eine mögliche Welt, die als mögliche ihren eigenen Wirklichkeitsstatus hat und die sich gleichwertig an die reale Welt … an meine reale Lebenswelt anschließt. Jeder aufmerksame Psychotherapeut könnte mir meine Träume … könnte mir die Bedeutung meiner Träume plausibel machen, aber deren Sinn kann einzig ich selbst erschließen, und der hat in jedem Fall seine Richtigkeit, eben weil er nicht nur das Ergebnis meines Verstehens ist, sondern auch und vor allem ein Mehrwert meiner Vorstellungs- und Assoziationskraft. – Vernissage meiner Bücherschau Bohemica II in der Vadiana (Kantonsbibliothek St. Gallen) mit unerwartetem Publikumsaufmarsch, darunter manche Kollegen und viele ehemalige Hörer von der Universität; ich berichte von meinem Arbeitsaufenthalt in Prag 1968/1969, von Begegnung mit Autoren des Prager Frühlings, von Reisen durch Böhmen und Mähren. Das damalige geistige Klima … die damals alltägliche Atmosphäre war durch und durch geprägt von der Okkupation und der kommunistischen »Normalisierung« der ČSSR. Als interessierter Gast war ich damals weithin im »Untergrund« zugange, besuchte »verbotene« Autoren, die nun als Platzanweiser im Kino oder als Straßenfeger am Wenzelsplatz arbeiteten, nahm an »verbotenen« Vernissagen und Lesungen teil, führte lange Gespräche im Kaffeehaus oder bei nächtlichen Spaziergängen mit Jan Patočka, Milan Kundera, Milan Uhde, Jaroslav Seifert, Jiří Kolář, Jan Trefulka, Jan Sakácel, Bohdan Lacina, Ludvík Kundera, Zdenĕk Mathauser, Jan Lopatka, Jan Vladislav, Oleg Sus, Jiří Opelík, Jiří Brabec und vielen … vielen andern – einige von ihnen wurden Freunde, mit manchen war ich in der Folge noch während Jahren in Briefkontakt. Einen andern, besondern Kontakt mit Prag unterhielt ich später über viele Jahre hin indirekt durch Mithilfe eines Stewards, der im Speisewagen des täglich zwischen Prag und Zürich verkehrenden Expresszugs Dienst tat. Ich lernte den Mann in den mittleren 1970er Jahren kennen, als ich den Zug oftmals am Abend auf seiner letzten Teilstrecke von St. Gallen via Flughafen nach Zürich benutzte. In dem altertümlichen Speisewagen, der bei voller Fahrt leicht hin und her schlingerte, hing noch der Kohlegeruch, den ich aus der Prager Altstadt kannte, die Polstersitze waren abgewetzt, die Stoffvorhänge zerschlissen, die meisten Tischlampen defekt. Vom einstigen Luxus zeugten einzig noch die schön gedrechselten Fensterrahmen aus Mahagoniholz und – der Wagenkellner, der in weißem Hemd, zugeknöpfter Weste, gestreifter Hose und mit einer schwarzen Fliege unterm Kinn servierte: Eier im Glas, Salzgebäck, Weißwein aus Mikulov. Irgendwann kam ich mit dem Mann, den ich wöchentlich zwei-, dreimal in diesem Speisewagen traf, ins Gespräch, und irgendwie konnte ich ihn als Zwischenträger für den Transport »verbotener« Manuskripte von »verbotenen« tschechischen Autoren gewinnen. Mehrere Texte, darunter ein umfangreicher Roman, gelangten auf diesem Weg in die Schweiz – der Steward übernahm sie nach Verabredung am Bahnhof in Prag und brachte sie, versteckt in der Kochnische des Waggons, nach Zürich, wo ich sie von ihm unauffällig übernahm, um sie an Verlage in Deutschland, in Toronto und Paris weiterzuleiten. Auf diese Weise und auf diesem Weg kam es da und dort zu vielbeachteten Publikationen, die erst nach der Wende von 1989/1991 auch in der Tschechischen Republik erscheinen konnten. Jener eine altmodische Speisewagen wurde dann wohl aus technischen Gründen ausgemustert und durch ein klimatisiertes Bordrestaurant mit völlig neuer Speisekarte ersetzt. Ich empfand das damals wie einen schweren persönlichen Verlust – der Geruch, die Einrichtung, die Verpflegung, die mich jeweils weit in die Vergangenheit zurückversetzt hatten, waren verflogen: Ich fühlte mich – merkwürdig genug! – als Überlebender einer guten alten Zeit, die so gut nun auch wieder nicht war. Doch als gewesene bleibt sie mir bis heute gegenwärtig. Als Überlebender bin ich letztlich der, der sich selbst überlebt hat.

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