15. Februar

Tun, was man kann! Tu wenigstens das, was du kannst! Tu ich denn auch wirklich, was ich kann? Er wusste, er würde sterben ohne etwas erreicht, gar vollendet zu haben, was ihn überdauern würde; aber er tröstete sich in der Überzeugung, dass er zumindest das Wenige getan hatte, was er, so gut wie eben möglich, zu tun vermochte. Das ist das minimale Maximalprogramm hienieden. Doch immer nur zu tun, was ich ohnehin kann, wird mir immer nicht genügen. Mir geht dein Maximalprogramm nicht weit genug. – Über den Tag hin ist der vereiste Altschnee zu schmutzigem Matsch geworden und … aber jetzt beginnt es, gleichzeitig mit der einfallenden Dämmerung, erneut zu schneien. Die Flocken fallen in lockerer Formation herab, treffen massenhaft und lautlos auf die flutschigen Pfützen, gehn darin unter. – Mit dem Abgang von Alain Robbe-Grillet sei nun – so heißt es in einigen Nachrufen dieser Tage – auch der Nouveau roman definitiv abzuschreiben. Doch sollte man nicht vergessen, dass Robbe-Grillet selbst dafür gesorgt und mit seinem Spätwerk das Beispiel dafür gegeben hat. Denn er war der einzige unter den einst wortführenden und wegweisenden Autoren seiner Generation, der den neuen Roman mit progressivem Rückschritt auf alte Formate zurückführte. Die synkretistische Poetik der Postmoderne erlaubte es ihm, gleichsam über den neuen Roman hinaus zu regredieren ins Konventionelle, Klischeehafte der Unterhaltungsliteratur – Familiensaga, Romanbiografie, Abenteuerroman – und trotzdem seinen Kunst- und Innovationsanspruch hochzuhalten. Der von ihm daraus entwickelte Mix ist der postmodernen und gar posthumanen Befindlichkeit im Globalismus durchaus adäquat, und die geschickt integrierten Elemente von Kitsch, Sex, Crime machen die Lektüre wenn nicht leichter, so doch spannender; dies im Gegensatz zu Robert Pinget oder Nathalie Sarraute, die kaum eine Evolution absolviert haben und heute auch kaum noch zu lesen sind, da die Unerheblichkeit des Beschriebenen – einst geradezu Prämisse des Neuen Romans – in der Unerheblichkeit des Beschreibens befangen bleibt, literarisch (formal) also nicht wettgemacht … nicht interessant gemacht wird. – Seit Tagen ist in der Presse und im Internet von einem Asteroiden zu lesen, der heute Abend mit einer Geschwindigkeit von acht Kilometern pro Sekunde in relativer Nähe an der Erde vorbeischweben soll. Nun wird, mehrere Stunden vor der berechneten Passage des 2012DA14, aus der russischen Millionenstadt Tscheljabinsk von einem gewaltigen Meteoriteneinschlag berichtet, bei dem im Umkreis von gut einhundert Kilometern rund tausend Personen verletzt und enorme materielle Schäden angerichtet worden seien. Kein Observatorium hat den Meteoritenflug beobachtet und den Einschlag angekündigt. Alle Teleskope der Welt und das gesamte Interesse der professionellen Astronomen wie auch der privaten Sterngucker war auf den erwarteten Asteroiden gerichtet, der inzwischen unbemerkt vorbeigezogen ist. Das Näherliegende, Näherkommende und schließlich Eintreffende hat man dabei übersehen. Wer hat uns denn also genarrt? Die Natur? Ein Zufall? Am ehesten wohl unsre Blindheit vor der Evidenz. – Texte kommen in meinen Träumen nicht vor. Beim Träumen lese ich nicht, ich schreibe kaum, und wenn ich’s tue, dann verstehe ich es nicht, interessiere mich aber auch nicht dafür. Heute Nacht nun aber diese Ausnahme: Es ist sieben Uhr abends, ich habe mich soeben erschossen, vor mir auf dem Tisch liegt ein großes blutbespritztes Blatt Papier mit dem Wasserzeichen meiner Familie – einem Degen, gekreuzt mit einem Gänsekiel von gleicher Größe. Um mich herum (es gibt hier so viele Fenster, dass ich das gesamte Panorama überschauen kann) dehnen sich meine Ländereien und die Bibliothek bis zum Horizont, der mit den unregelmäßigen Rändern meines handgeschöpften Schreibpapiers zusammenfällt; oder übereinstimmt. Jedenfalls ist der Platz beschränkt, ich muss mein Testament also kurz halten. Ich habe das Blatt bereits datiert und unterzeichnet. Da steht, teilweise vom Blut verschmiert, mein Name, den ich wie Apatschin, Opatschinin, Al Pacino lese, und auf der selben Zeile entziffere ich die Zahlen 711793 (oder 98?). Ich will, und das ist nun wirklich mein letzter Wille, dass jetzt, da ich tot bin, meine Leibeigenen in die Freiheit entlassen werden und dass jeder von ihnen – es sind insgesamt 1179 (78?) Seelen beiderlei Geschlechts – ein Startkapital von 73 Tscherwonzen für die anstehende Familien- und Firmengründung aus meinem Vermögen ausbezahlt bekommt. Ich will, dass meine gesamte Bibliothek – sie zählt rund fünfundzwanzig Bände (darunter meine Lieblingsbücher von Béranger und Terentjew) – verbrannt wird, nicht feierlich verbrannt auf einem Haufen und mit den unvermeidlichen Gaffern drum herum, sondern Stück für Stück verheizt in den Hütten der analphabetischen Bevölkerungsmehrheit meines Gouvernements. Jetzt, da ich tot bin, verspüre ich keinerlei Verbitterung, keine Befreiung, nur eine gewisse Erleichterung von der bis vor kurzem übermächtigen und nicht widerlegbaren Schwerkraft. Ich glaube, es war Augustin, der gesagt hat: Ich glaube, weil’s so unglaublich ist. Aber hier, wo ich tot bin, leuchtet alles problemlos ein. Selbstliebe kenne ich nicht, ich kenne auch keine Hoffnung, habe nie an eine Zukunft gedacht, und nie hatte ich keinen Ekel beim Wort oder bei der Vorstellung von Ewigkeit. Ich will nicht abgesungen (so steht’s im Testament, das ich im Traum mit ächzender Feder niederschrieb) und auch nicht erinnert werden. Von niemandem. Gut denn also, dass ich nie ein Buch geschrieben habe, das man mir nun anlasten und das zu meinem Andenken dienen könnte. Ich will, dass man weiß, dass ich gern keiner bin. Jedenfalls wie Kain will ich im Gedächtnis der Menschheit nicht überleben. Bin ja auch schon ganz schön tot. Kein Wunder bei dieser trüben englischen Stimmung, wie sie sich auf dieser Seite nun auszubreiten beginnt, noch bevor ich die richtigeren Worte gefunden habe. Doch was heißt Habe! Bin ist die Lösung! Nämlich nur einfach euer aller Bruder. Die zackige Unterschrift (das ist meine letzte und stärkste Erinnerung an diesen Traum:) kontrastiert auf durchaus dekorative Weise mit den frischen Blutschlieren und Spritzern, von denen das Blatt übersät ist. So detailliert wie diesmal kann ich mich an meine Träume sonst nicht erinnern. Die Wortspiele funktionieren gleichsam nach Lehrbuch, Unmögliches erweist sich als trivial, uneindeutig bleibt allerdings mein Name, und der hätte mich eigentlich am meisten interessiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.