15. März

Der Tag bleibt unentschieden zwischen nassforscher Frische und trüber Stagnation; der Vorfrühling kündigt sich mit tristen Verstimmungen an. – Bei Dörlemann ist jetzt meine zweisprachige Gedichtsammlung ›Als Gruß zu lesen‹ – russische Lyrik von 2000 bis 1800 – nach monatelangen Querelen und Verzögerungen erschienen; ein mir wichtiges Buch, das die konventionellen, nach dem Kanon erstellten Anthologien konterkarieren und als Modell für künftige anthologische Zusammenschnitte dienen soll … dienen könnte: Bei der Gedichtauswahl habe ich die meisten Kriterien, die gemeinhin den Aufbau einer Anthologie bestimmen, außer Acht gelassen. Dennoch – und deshalb − kann sie den Anspruch erheben, für die russische Lyrik der vergangenen zweihundert Jahre repräsentativ zu sein, dies vor allem in Bezug auf deren Formenbestand, aber ebenso auf ihre thematische Horizontbreite, ihre intertextuelle Vernetzung und ihre historische Evolution. Nicht zuletzt in qualitativer Hinsicht strebe ich mit meiner Textauslese möglichst weitreichende Diversität an – nicht nur die Gipfelregionen der russischen Dichtkunst, auch deren mittelländische Provinzen finden Berücksichtigung: Meisterwerke stehen neben Gelegenheitsgedichten, politische neben philosophischen Versen, Parodien neben poetischen Experimenten aller Art. Wegleitend war die besondere herausgeberische Prämisse, jeden Autor mit jeweils nur einem Gedicht vorzustellen. Rund einhundert Gedichte aus gut zwei Jahrhunderten, das ergibt, auf den Durchschnitt heruntergebrochen, für alle zwei Jahre ein Gedicht. Dass ein einziges Gedicht für einen Autor steht, mithin auch jeder Autor für nur ein Gedicht einzustehen hat, bedeutet eine Aufwertung des jeweiligen Texts, unterstreicht seinen Status als ein in sich geschlossenes Werk, das als ein Ganzes zu begreifen ist, und nicht bloß als ein Text unter andern Texten innerhalb eines Gesamtwerks oder einer dichterischen Schule, einer Epoche, einer Nationalliteratur. Ich setze damit ein Konzept voraus, das die gesammelten Gedichte gewissermaßen außer Konkurrenz vorstellt und ihnen damit zu gleicher Gültigkeit verhilft. Jeder Text muss sich gegenüber allen andern selbst behaupten, jedoch nicht durch vorab gesicherte Meriten, wie der Kanon oder ein Rating sie festschreibt, sondern schlicht als das, was von ihm Schwarz auf Weiß dasteht. Was Schwarz auf Weiß dasteht, ist das, wovon auszugehen ist beziehungsweise das, womit der Leser, die Leserin etwas anzufangen hat – anfangen kann, anfangen soll.

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