15. November

Schlaflosigkeit und Migräne haben mich heute Nacht auf meinem Rundgang durch die Wohnung nach der französischen Neuausgabe von Raymond Roussels ›Eindrücken aus Afrika‹ greifen lassen. Ich hatte das Buch vor Jahrzehnten in einer von Markus Raetz illustrierten Edition angelesen, konnte damals aber nicht allzu viel damit anfangen. Nun wird mir, beim schlaftrunkenen Durchblättern, plötzlich klar, dass mein kürzlich abgeschlossener Roman ›Noch ein Leben für John Potocki‹ manches mit den ›Eindrücken‹ gemein hat, und sei’s auch bloß den unmittelbar von der Sprache aktivierten Mechanismus der Einbildungskraft. Wie sollte … wie konnte ich dieses Vorbild vergessen haben? Doch bereits neige ich dazu, Roussel nicht als einen Vorläufer, sondern als einen meiner Nachfahren zu sehen. Wie und was auch immer – dass wir miteinander verwandt sind, ob retro- oder prospektiv, steht außer Zweifel. – In Deutschland soll Bildung gefördert werden, wozu in offizieller Lesart auch die Allgemeinbildung gehört. Das ZDF startet eine populäre Feierabendsendung, die »jedermann« die Möglichkeit bieten soll, sein Wissen zu testen und zu erweitern. »Keine Angst«, schickt der Moderator beschwichtigend voraus, »Gedichte, Geschichtsdaten und all das Überflüssige gehört nicht mehr zur Bildung, es geht um Mathe, Öko, Rohstoffe, Sport – darüber kann und muss heute jeder Bescheid wissen!« Fünf bis sechs Millionen Bildungshungrige dürften sich das angehört und erleichtert aufgeatmet haben. – Ich bin nun sechsundsechzig Komma fünf Jahre alt. Erfahrungen, Einfälle, Courage mehren sich, ebenso Müdigkeit und Nachlässigkeiten. Die Träume nehmen überhand, die Energien schwinden. Die Augen sind rötlich gerändert und geädert, Schläfen und Hals gefältelt, die Haut insgesamt erschlafft, tendiert ins Graue, das Haar ist schon rar genug. Die Frauen im Sucher rücken wie im umgekehrten Fernrohr immer weiter ins Ungewisse und Ungefähre. Die meisten meiner verbleibenden Projekte werden nicht mehr zu realisieren sein. Ich bin zu spät dran, habe zu viel Lebenszeit durch meine Krankheiten verloren, zu viel investiert in Arbeiten, Verpflichtungen, Funktionen, die auch ein anderer hätte übernehmen können. Bei alldem bleibt mein Selbstgefühl jugendlich, bisweilen fast jungenhaft und ziemlich verantwortungslos. Aber die Melancholie nimmt überhand beim Gedanken, was alles (und wie viel mehr) ich viel früher hätte machen können … hätte machen sollen. Ein Werk wird es nicht geben von mir, nur Einzeltexte, Einzeltitel. Die Summe des Vereinzelten und Verstreuten wird sich nie zu einer Ganzheit fügen, bestenfalls zu einem allseits offenen Sammelsurium. – Ich versuche, die Ersatzpatrone in den Drucker einzuführen; was nicht gelingen will – die Patrone verklemmt sich mit jeder Kraftanwendung noch mehr, ich muss sie schließlich mit Biegen und Brechen aus dem Gerät zerren, wobei ihr Kunststoffgehäuse zerbricht. Ein nochmaliger langwieriger Versuch mit einer neuen Patrone zeigt dann, dass keinerlei Druckanwendung nötig gewesen wäre – dass die Patrone einfach über die Halterung gehalten und fallen gelassen werden muss. So klinkt sie mit einem gesunden Knacken in den verwinkelten Mechanismus ein. Warum … wozu denn immer dieses Zuviel an Wollen? Da sich doch manches (wenn nicht das Meiste) von selbst fügt! – In der grellen, flach einfallenden Nachmittagssonne scheinen sich die kahlen Sträucher und Jungbäume vom Mark her zu erleuchten, die gereckten Zweige quellen auf, nehmen eine leicht rötliche Färbung an. Im drahtigen Geäst vor meinem Fenster hopsen zwei mollige Meisen auf und ab, hin und her; sie wetzen die Schnäbel am blanken Holz, piepsen einander an, wahren aber Distanz. – In der jüngsten ›Recherche‹ findet sich ein großer Artikel über Adolf Hitler als kollektiven Verführer, dessen Faszinosum durch Staatsterror und Krieg nicht ab-, vielmehr zugenommen habe. Dass nach Hitlers Tod, wie später bei Stalin, weithin getrauert wurde, ist wohl dadurch zu erklären, dass die meisten Normalverbraucher – und die Normalverbraucher sind nie nicht die meisten – positiv auf Autorität ansprechen, solang diese, mit welchen Mitteln auch immer, Ordnung, Übersicht und Perspektive schafft. Der Diktator wird von vielen als ein Quasigott gesehen, der ebenso brutal, unberechenbar, ungerecht sein darf, wie die Natur es ist. Nicht durch Völkermord und Kulturvernichtung hat sich Hitler vor der deutschen Mehrheit diskreditiert, sondern durch den gescheiterten Endsieg. Hätte er den Krieg gewonnen, wäre ihm wohl auch die Mehrheit der Besiegten zugelaufen. – Krys überrascht mich mit ihrer neuen Kurzhaarfrisur. Steht ihr gut. Betont Nacken und Hals. Das Kinn hält sie nun sichtlich höher, und sie gewinnt dadurch an Haltung.

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