16. Juli

Ich kann gehasst oder geliebt, verachtet oder verlacht werden dafür, dass »ich« so aussieht, wie es aussieht, dass »ich« so heißt, wie es heißt, dass »ich« Schweizer ist, Kirgise, A-Kraft-Gegner, SP-Mitglied, Stabhochspringer, Freidenker, Hell’s Angel, Raucher, Nichtraucher, Kontrollfreak, Polizist, Pazifist, Nationalist usf. – frei bin ich, frei ist Ich erst dann, wenn es mir völlig gleichgültig geworden ist, was andere von mir halten, denken, erwarten, fordern, fürchten usf.; dann kann ich alles sein … dann ist Ich jedermann. – Schwüle Hitze wieder, wodurch meine Müdigkeit und Schreibfaulheit noch gravierender werden – pro Tag ergibt sich nicht viel mehr als eine (redigierte) Seite; heute Besuch von Yvette Sánchez und Inés García de la Puente, Schorle auf dem Balkon. Inés erläutert ihre Überlegungen und Thesen zu Vladimir Nabokovs zweisprachiger Autobiografie – russisch »Drugie berega«, englisch »Speak, Memory« beziehungsweise »Conclusive Evidence«. Es soll die Frage erhellt werden, inwieweit autobiografisches Schreiben beziehungsweise autobiografische Selbstdarstellung bei Nabokov geprägt ist durch die Muttersprache (hier Russisch) und ob und wodurch sich die Selbstdarstellung verändert, wenn sie in einer Fremdsprache (hier Englisch) realisiert wird; darüber hinaus soll geklärt werden, welcher Text in diesem Fall als Original zu gelten hat – ist Nabokovs englische Fassung als Übersetzung (durch den Autor) zu werten oder als eigenständige Durchschrift seines autobiografischen Werks? Dazu ergibt sich ein produktives Gespräch mit vielen Exkursen (zu fremdsprachigem Schreiben bei Clarice Lispector, Elias Canetti, Alejandra Pizarnik, Joseph Brodsky u. a. m.) – insgesamt eine eher rare Variante, einen hochsommerlichen Nachmittag zu verbringen. – Das weithin geltende Prinzip ist Gleichgültigkeit, und je mehr vom Gleichen gültig ist, desto mehr entspricht’s der sogenannten Normalität und wird damit konsensfähig. Voraussetzung dafür ist immer, dass an irgendeinem Punkt Quantität (Produktion, Umsatz, Erfolg usf.) in Qualität umschlägt. Selbst ein radikal einzelgängerischer und fundamental kritischer Autor wie Lew Schestow wollte ursprünglich – als junger Geschäftsmann, Intellektueller und Literat – nur einfach »sehr berühmt« werden, und der elitäre Filmregisseur Krzysztof Kieślowski hatte (so Grażyna Szapołowska, die mir mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa gegenübersitzt) auch »nur ein Interesse, eine Ambition – in Hollywood (auf dem Umweg über Frankreich) anzukommen und dort nach Belieben Filme zu machen«, die gleichermaßen seinem eigenen Qualitätsstandard und dem Publikumsgeschmack entsprechen sollten. Doch kein Massenpublikum ist mit künstlerischer Qualität zu gewinnen, dazu braucht’s viel eher außerkünstlerische Eigenschaften mit kollektiver Wirkungskraft – Anrührung, Schock, Spaß, Aktualitätsbezug. Spielberg will und kann das, der große Kieślowski konnte es nicht, wie auch Jean-Luc Godard es nicht kann. Aber wollen tun’s alle. Michel Houellebecq wie Botho Strauß. – Weiter mit Marcel Schwob durch seine zweiundzwanzig erfundenen Lebensläufe. Diese Prosa ist von solch hoher Qualität und Intensität, dass ich nicht viel mehr als drei, vier Seiten in Folge lesen kann. Die Verdichtung hat ganz unterschiedliche Gründe. Auf der Darstellungsebene wird sie durch extreme Stoff- und Zeitraffung erreicht – Schwob kann über einen langen Abschnitt hin bei einem scheinbar irrelevanten Detail bleiben, einem Requisit, einer beiläufigen Verrichtung, einem knappen Wortwechsel, um unversehens und ohne erkennbaren Grund gleich mehrere Wochen oder auch Jahre zu überspringen, wonach die Geschichte – das jeweilige imaginäre Leben – an einem völlig andern Zeit- und Raumpunkt weitergeht, als wäre inzwischen nichts geschehen. Das andere, strikt formale Verdichtungsverfahren besteht darin, dass der Text lexikalisch wie stilistisch mehrfach geschichtet ist; dass Schwob völlig unterschiedliches, historisch wie regional spezifisch geprägtes Sprachmaterial wie auch unterschiedlichste Stilelemente zusammenführt, die von altfranzösischer Volks- und Liebesdichtung bis zum Symbolismus reichen und hier auf engstem Raum synthetisiert werden. In diesen vorgestellten Lebensläufen spielen Eigen- und Ortsnamen, Fremdwörter, Fachausdrücke und Dialektismen eine ebenso markante Rolle wie die abenteuerlichen Episoden, über die berichtet wird. – »Und sogleich gab Katherine ihr Handwerk als Klöpplerin auf; denn die Alte mit der roten Nase rottete in der Grube der Unschuldigen. Casin Cholet machte für seine Freundin ein kleines niedriges Zimmer aus, unweit der Drei-Jungfern, und dort ging er sie späterhin besuchen. Er verbot ihr nicht, sich am Fenster zu zeigen mit ihren kohlegeschwärzten Augen, ihren mit Bleiweiß geschminkten Wangen; und sämtliche Töpfe, Tassen und Obstteller, aus denen Katherine allen zu trinken und zu essen gab, die gut bezahlten, waren gestohlen worden bei der Kanzel, bei den Schwänen oder im Hotel Zinnplatte. Eines Tages verschwand Casin Cholet, nachdem er den Rock und den Halbreifen Katherines bei den Drei Bachstelzen verpfändet hatte. Seine Freunde berichteten der Klöpplerin, ein Karren sei ihm an den Arsch gefahren und er sei auf Befehl des Bürgermeisters durch die Pforte von Baudoyer aus Paris verjagt worden. Sie hat ihn nie wieder gesehen; und allein geblieben und ohne jeden Antrieb zur Lohnarbeit wurde sie zu einer Liebesdienerin und war bald überall zu Haus.«

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