16. September

Die schmale Allee zwischen Gartenhaus und Sitzplatz ist jetzt ausgelegt mit mehreren Schichten feuchter abgefallener Blätter, diverse Töne von Rot, Braun, Gelb verfugen sich zu einem halbwegs regelmäßigen Muster, das an einen iranischen Teppich erinnert – so sieht hier der Naturbelag aus, und so ähnlich fühlt er sich beim Gehen auch an, leicht nachgiebig, schön weich. – Der weitläufige, in Grenznähe gelegene Garten bei meinem Elternhaus wird unter der Aufsicht meines Vaters umgestaltet. Ich selbst bin nur dadurch beteiligt, dass ich die lange Drähte und Schnüre, die im Erdreich verlegt sind, ausgraben muss. Der Garten soll offenbar in eine Puffer- oder Sicherheitszone für Israel umgestaltet werden, also jagen nun plötzlich mehrere auffallend große und auffallend bewegliche Kampfflugzeuge in gefährlicher Bodennähe übers Gelände, so tief, dass sie Hügel und Dächer beinahe streifen. Eins der Flugzeuge rast, mit den Flügeln wippend, über den Tüllinger Klotz, streift eine Baumgruppe, kommt ins Trudeln, stürzt ab; wonach keine Rauchsäule aufsteigt. Also können wir auch diesmal nicht sicher sein. – Eigentlich schreibe ich meine erzählerischen Sachen so, wie ich sie … wie es meiner Art zu lesen entspricht: Gewöhnlich liegt auf meinem Küchentisch ein halbes Dutzend aufgeschlagener Bücher, und ebenso viele stapeln sich, mit Lesezeichen versehen, am Boden neben dem Bett. Ich rede nicht von Pflichtlektüren, ich meine die eher zufälligen Lesestoffe, Texte, die man gern wiederliest, die man schon lange gern gelesen hätte, die man liest … die ich lese, ohne darüber schreiben zu sollen. Nur einfach lesen. Einfach! Ich lese zwischen den Texten hin und her, meist in kleineren Portionen, jeweils fünf oder zehn, höchstens zwanzig Seiten in Folge – heute Abend zum Beispiel waren es fünf Seiten bei Clarice Lispector, siebzehn Seiten bei Vladimir Nabokov, drei Seiten bei Johann Peter Hebel und anderthalb Seiten Kafka; gestern – in der Küche – gab es bei derartiger transversaler Lektüre sieben Seiten Grimmelshausen, je eine Seite Theophrast und Scève, drei Seiten Lukrez. Nur auf diese eklektische und sprunghafte, dabei höchst intensive Weise kann ich im Buch der Bücher, das heißt in allen für mich greifbaren Texten ganz allmählich vorankommen, nur so können sich die Texte zur weltliterarischen Textur verwirken, können miteinander kommunizieren, einander wechselseitig erhellen und verstärken. Auf solch sprunghaftes Lesen lege ich meine Erzählstoffe und deren Präsentation an. Keiner meiner Romane muss durchgelesen oder fertiggelesen werden, es sind Episodenromane, die weder einen markanten Anfang noch ein eindeutiges Ende haben, es ist Literatur in Stücken, es sind Texte, deren offener Plot sich in der Hauptsache durch Beschreibung aufbaut, viel weniger durch stringente Personenführung und Handlungsabläufe. Mein Erzählen ist eine besondere Weise des Aufzählens, der Fügung von Figuren und Requisiten auf einer Bühne, die ein Schachbrett sein könnte – eine Möglichkeitswelt, in der für den, der sie lesend erschließt und solang er’s tut, alles wirklich ist. – »Des Herbstes braun und blaue Farben …« Oder umgekehrt? Aber seit heute sind auch, auffallend in ihrer Vereinzelung, ein paar bunte Leuchtfeuer angeknipst – da ein paprikarotes großflächiges Blatt mit gezacktem Rand und ledrigem Glanz, dort ein anderes, zitronengelb, mitten im ermatteten Laubgrün. Auf dem schmalen Waldweg kommt mir tänzelnd eine gebückte Gestalt entgegen, sie scheint ihrem Stock nachzueilen, mit dem sie abwechselnd auf den steinigen Boden klackt und in der Luft rudert. Ich gehe auf sie zu, gleich werden wir uns auf engem Raum kreuzen. Doch die alte Frau bleibt stehn, ihr graues Gesicht ist ganz aus Falten gemacht, die kleinen Augen stecken fast unsichtbar unter der Stirn, darüber klebt rares, strähniges Weißhaar. »Wo sind wir da?«, fragt die Frau. »Dies hier ist«, ich drehe mich um und zeige die Richtung, »der Friedhof. Noch drei- oder fünfhundert Meter, und Sie sind im Dorf.« Sie: »Ich seh ja nichts. Ich sehe Sie nicht. Ich komme von weither. Der Wald ist viel zu dunkel für jemanden wie mich.« Ich: »Einfach weitergehen jetzt. Der Weg wird breiter, vom Friedhof zum Dorfplatz ist er asphaltiert.« Sie: »Aber ich muss nach Croy.« Ich: »Viel zu weit. Da nehmen Sie besser den Bus, der Bus hält in Romainmôtier am Hauptplatz, gegenüber dem Tor zum Klostergarten.« Sie: »Auch gut. Aber schwierig so in der Nacht.« Dabei weht so etwas wie ein Lachen durch ihre Falten. Und weg ist sie. Dort tänzelt sie hinter ihrem Stock her. – Descartes: Da wir, als endliche Wesen, uns das Unendliche (Gott) vorstellen können, muss es dieses (muss es diesen) auch geben. Pascal: Gott existiert; denn nichts würde sich hienieden ändern, existierte er nicht. Eigentlich sollten Gottesbeweise eine Disziplin der Poesie sein. – Beim Zappen komme ich zu einem Tierfilm auf TV-Animaux – drei Löwen wüten im längst vorentschiedenen, dennoch endlos scheinenden Kampf gegen eine gigantische Giraffe, die von allen Seiten angesprungen, angerissen, dann zu Fall gebracht wird. Kaum liegt das Beutetier mit gespreizten Beinen wie eine riesige pelzige Spinne am Boden, beginnen die Löwen die zuckenden Glieder, den gereckten Hals, dann die blutüberströmten Flanken anzufressen. Zwei Junglöwen gesellen sich dazu, schnuppern am weichen gescheckten Bauch der Giraffe, lecken das Blut auf, reißen an den Wundrändern. Gemeinsam zerlegen die Raubtiere ihren noch immer zuckenden Fraß, beißen die pulsierenden Organe heraus – das Töten und Fressen ist ein einziger blutiger Exzess, übrig bleibt ein helles Knochengerüst, an dem noch ein paar Sehnen kleben … ein paar Fetzen vom fleckigen Fell. – Habe diese Nacht bis vier Uhr nicht geschlafen, bin um zwei zum Schreiben aufgestanden, habe dann aber bald resigniert – zu viele Ideen und … aber viel zu wenig Sprache, um all das Diverse zu fassen. Plötzlich ist es verflogen, ich bin nun doch zum Einschlafen müde, denke zuletzt noch an ein Schaltjahrbuch, in dem fünf Jahrgänge aus meinen Tagebüchern und sonstigen datierten Aufzeichnungen übereinander gelegt werden könnten, so dass unter einem Datum – beispielsweise dem 16. September – die jeweils an diesem Tag notierten Eintragungen aus fünf Jahren zusammengeführt würden (zu präzisieren und auszuprobieren).

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