17. August

›Alias oder Das wahre Leben‹: Die rasche Niederschrift dieses Zweihundertfünfzigseitentexts (»rasch« im Vergleich zu den jahrelangen Vorüberlegungen) war ein Exerzitium eigener Art … war der Versuch, in dokumentarischer Manier ein fremdes Leben als das eigene nachzuzeichnen, eine dokumentarische Fiktion sozusagen, in der jedes Detail stimmt beziehungsweise belegbar ist und die insgesamt (als Synthese all jener Details) gleichwohl zum Roman gerät. Es ist die Geschichte einer Panoramafahrt durchs 20. Jahrhundert auf den Spuren eines Zeitgenossen, der als Normalverbraucher durch die Welt der Konzentrationslager gegangen ist und sie so gut wie unverändert überlebt hat. Die Wirklichkeit als Versuchsanordnung, das wahre Leben als improvisiertes Second Life. Die künstlerische Schwierigkeit bestand darin, von der ersten bis zur letzten Zeile den schmalen Grat zwischen dokumentierbarer (dokumentierter) Geschichte und wahren (weil erfundenen) Geschichten exakt abzuschreiten. Ob’s gelungen ist? Krys, erste Leserin, kann nicht allzu viel damit anfangen; was mich doch ein wenig erstaunt, da sie zu jener Generation gehört, die den Konflikt zwischen Dokument und Fiktion überwunden hat zugunsten (oder kraft) einer Wahrnehmung, die im Wirklichen (im Wirkenden) das Fiktionale und im Fiktionalen ein Reales erkennt. Das Skript soll nun eine Weile liegen, vielleicht wird’s ja besser mit der Zeit. Derweil zeichnet sich am Horizont die schräge Gestalt des Grafen Potocki ab, für den ich das Erzählmodell perspektivisch umkehren möchte – hier bildet ein wahres … ein historisch beglaubigtes und über weite Strecken dokumentierbares Leben die Grundlage für eine fiktive, in diesem Fall also fiktionalisierte Biografie, eine biographie romancée, bei der ebenfalls auf die Austarierung von Faktografie und Fantasie zu achten sein wird, nur eben in umgekehrter Perspektive. – Senecas Briefe an Lucilius im Original zu lesen, ist eine geradezu schwelgerische Kärrnerarbeit … Krampf und Entspannung zugleich – ich frische dabei mein korruptes Latein wieder auf, ich bekomme die Schlechtigkeit des menschlichen Daseins und die Niedertracht allen Strebens, auch des Strebens nach dem Besseren, beredt vorgeführt und argumentativ bestätigt, und ich lasse mich noch einmal darüber belehren, wie aus Ungemach und Undank zumindest minimale Kraftimpulse zu gewinnen sind. Auf Senecas Negativfolie brillieren auch die geringsten Freuden wie Supersterne. Tröstlicheres bekommt man anderweitig kaum zu lesen. – Noch so ein spätherbstlicher Hochsommertag, geballte Feuchtigkeit hängt in der noch warmen Luft, wird nun aber rasch herabgekühlt durch den einsetzenden Regen – übergroße Tropfen, die hörbar aufplatzen und bald schon erste Pfützen bilden. Nach einer Viertelstunde unterwegs zum Wald bin ich völlig durchnässt, vom schlierigen Regen … vom ausbrechenden Schweiß. Die atmosphärische Unstetigkeit … die kurzfristige Anpassung an immer wieder andere Witterungsverhältnisse macht mir physisch zu schaffen; nach einer weiteren Viertelstunde fühle ich mich erschöpft, nehme eine Abkürzung, um bald wieder zu Hause zu sein – kein guter Auftakt heute. Zu Hause erwartet mich Krys, sie ist unangemeldet angereist, wollte eigentlich erst morgen kommen; nun berichtet sie mir – zum ersten Mal – von ihrem früheren Freund, der seit einem missglückten Suizidversuch im Koma liege, das dritte Jahr bereits, sie besuche ihn alle paar Monate in seinem Spitalzimmer, das eigentlich ein schummriger Maschinenraum sei, sehe ihm beim Atmen … bei der Beatmung zu, versuche das Piepsen und Pusten der Geräte zu überhören … versuche, das Geschehene und ihren Anteil daran zu verstehen, und sie könne und wolle dazu nicht mehr länger schweigen. Das wird ein schwieriges Gespräch. Wir müssen darüber reden, warum wir bisher – ich bin mit Krys im dritten Jahr – nie darüber geredet haben. Was da war? Was das bedeutet? Wie das nun weitergeht! – Wieder ist Mutter in der Krise, ihr Blutdruck ist deutlich erhöht, die ständige Übelkeit setzt ihr zu, schwächt sie, macht sie aber auch aggressiv gegenüber dem Pflegepersonal, das ihr angeblich »ungenießbare« … angeblich noch »tiefgefrorene« Mahlzeiten vorsetze – »gefrorene« Nudeln, »gefrorenen« Blattsalat, »gefrorene« Leber usf. Oft fürchtet sie nun, sogleich sterben zu müssen, ruft aber statt den Heimarzt eine im Ausland lebende Freundin an, beklagt sich über ausbleibende Hilfestellung und wünscht sich, mit nun fünfundneunzig Jahren, »endlich nicht mehr da zu sein«. – Ein schwer nachvollziehbarer postumer Rezeptionserfolg ist der von Fernando Pessoa, dessen Bücher weltweit übersetzt sind, vielfach gedeutet und fast einhellig gepriesen werden, die aber, wie ich nun beim Wiederlesen zu erkennen glaube, größtenteils Produkte eines grafomanischen Furors sind, der sich in quasiphilosophischem Schwafeln und neoromantischer Gefühligkeit erschöpft. Was dieser Autor zur literarischen Moderne beigetragen hat, ist das heteronyme Schreiben, kraft dessen er sich selbst in multipler fiktiver Gestalt erfindet und unter wechselnden Namen beziehungsweise in wechselnden Rollen interessant macht. Man kann das tatsächlich interessant und innovativ finden – dass ein Autor vor allem Autoren kreiert, denen er in der Folge eigene, individuell ausgeprägte Sprechweisen zuschreibt, ein Verfahren, das vermutlich von der Dramatik herkommt und mit dem sich Pessoa die Möglichkeit schafft, seinen unauffälligen Personalstil (den er unter eigenem Namen praktiziert) durch diverse künstliche Idiome zu ergänzen und gleichzeitig immer wieder neue Themen, Ideen, Überzeugungen, Behauptungen vorzubringen. Literarisch bleibt das Verfahren recht unergiebig, wie überhaupt bei Pessoa das künstlerische Wollen und Können deutlich hinter seinem Wissen zurückbleibt – was an seinem Hauptwerk, dem ›Buch der Unruhe‹, Literatur ist, erweist sich größtenteils als schwülstige, oft auch kitschige Befindlichkeitsprosa, der kaum etwas anzumerken ist von der avancierten Poetik und kritischen Selbstreflexion des Autors. »Sehnsucht! Ich verspüre sie sogar nach dem, was mir nichts bedeutet hat, aus Angst vor der Flucht der Zeit und dank einer Krankheit, die Geheimnis des Lebens heißt.« Das heißt? »Wenn ich Gesichter, die ich gewohntermaßen auf meinen gewohnten Straßen sah, nicht mehr sehe, werde ich betrübt; und doch haben sie mir nichts bedeutet; sie waren nur ein Symbol des ganzen Lebens.« Das ist nicht nur schwach formuliert, es ist auch schwach gedacht, steht aber exemplarisch für Fernando Pessoas angeblich innovative, in Wirklichkeit recht konventionelle und ungenügend kontrollierte Schreibweise: »Denkend schuf ich mich zu Echo und Abgrund. Ich vervielfachte mich, indem ich mich vertiefte … Da ich nichts zu tun habe und auch nicht denken will, was ich tun könnte, vertraue ich diesem Papier die Beschreibung eines Ideals an: Nur die Enthaltsamkeit ist nobel und rühmlich, weil sie es ist, die zur Einsicht gelangt, dass die Verwirklichung stets hinter der Absicht zurückbleibt und das geschaffene Werk immer ein grotesker Schatten des erträumten Werks ist.« Da schreibt einer gleichsam um sein Leben, wissend, dass ihn die Schreibbewegung unaufhaltsam vom Leben abbringt, wissend auch, dass sein Schreiben nichts taugt, zu nichts führt … im widersinnigen Vertrauen darauf, dass »das einzige große und vollkommene Werk« das ist, »von dessen Verwirklichung man niemals träumen kann«. Dennoch schreibt Pessoa unter seinen ständig wechselnden Namen und Masken Zeit seines Lebens eben dieses Werk fort. Wozu? Wohin? »Schreiben heißt vergessen. Die Literatur ist die angenehmste Art und Weise, das Leben zu ignorieren.« Noch ein Grund, das Schreiben als Lebensaufgabe zu begreifen und … und es misszuverstehen. – Das Menschliche am Menschen ist ja gerade nicht das, was ihn zur »Krone der Schöpfung« macht. Gegenüber dem minderen Tier zeichnet sich der Homo sapiens zuerst (und auch zuletzt) durch beliebig viele negative Eigenschaften aus … durch zivilisatorische Eigenschaften und Verhaltensweisen, die die Natur nicht kennt: Verrat, Korruption, Neid, Schmeichelei, Heuchelei, Wehleidigkeit, Lüge, Raffgier, Rache usf. Der menschliche Normalverbraucher ist dem Tier nicht nur durch seine Geistigkeit, seine Sprachfähigkeit überlegen, sondern auch – und noch viel mehr – durch seine Schlechtigkeit, die den unguten Teil seiner Menschlichkeit ausmacht. Daraus … aus diesem Paradox gewinnt die Tragödie wie die Komödie ihren Stoff; die Göttliche Tragikomödie ist eine Spielart davon. – Zurück nach Zürich, unterwegs Besuch bei Mutter mit gemeinsamem Essen; erstmals nehme ich das Herbstlicht mit dem leichten Dunst wahr, mit dem wachsenden Rost; mörderische Müdigkeit bis tief in die Knochen, dennoch schwacher Schlaf. Diverse Anfragen für Lesungen, die ich freudlos entgegennehme und abschlägig beantworte. – Die ›Schlafende Muse‹ von Constantin Brancusi, ein auf der Seite liegendes Köpfchen, untadelig ausgeformt wie ein Ei, die Gesichtszüge – Augen, Nase, Mund – nur reliefartig angedeutet, das Ganze vergoldet und poliert, so dass sich (auf dieser Kunstkarte schön erkennbar) der umgebende Raum darin in verzerrter Form widerspiegelt. Muse? Ganz Kopf! Ohne Hals und Rumpf … abgetrennt, abgefallen vom Leib, die Augen geschlossen, nach innen gekehrt, reglos und ausdruckslos dem Schlaf hingegeben. Woher denn nun die Inspiration? Scheint sich doch die Muse, so gesehen, selbst zu genügen! Beuge ich mich … würde ich mich über Brancusis Skulptur beugen, ich sähe zuvorderst mich selbst in der blanken Oberfläche gespiegelt … gespiegelt als Fratze, und hinter mir und um mich herum würde sich der Raum zu einer hellen Zelle runden. Zelle statt Quelle! Inspiration kommt aus der Beschränkung, nicht aus dem Überfluss. – Habe heute verschlafen bis halb acht, das milchige Augustlicht quillt schon aus allen Fugen, scheint den Tag wie eine Negativform auszugießen – unheimliche Helligkeit ohne erkennbare Quelle, der Himmel weiß, als wäre er leer, Bäume und Sträucher stehn reglos in der Gegend, die Vögel, die Insekten bleiben stumm. Sieht aus … macht den Eindruck, als wäre die Katastrophe vorbei und das Ende die einzige Zukunft. – Ich lese z. Z. die als récit bezeichnete Erzählung ›Im gewollten Augenblick‹ (Erstdruck 1951) von Maurice Blanchot, ein bislang kaum beachteter, von Meisterwerken wie ›Thomas der Dunkle‹ (1950) und ›Der mich nicht begleitet hat‹ (1953) gleichsam verschatteter Text, der aber nicht weniger eindrucksvoll und ebenso befremdlich die unverwechselbare Schreibbewegung dieses Autors hervortreten lässt. Das Prosastück ist als innerer Monolog angelegt. In fahriger Alltagssprache, bisweilen fast röchelnd hält ein namenloses Ich fest, was ihm hier und jetzt geschieht. Dieses Ich – »Herr des Redens« – wird weder als Gestalt noch als Charakter fassbar, selbst seine geschlechtliche Identität bleibt uneindeutig. Was da spricht, ist eher ein Man denn ein Mann, es ist ein konvulsives Bündel von Gedanken und Gefühlen, die abwechselnd zu Wort kommen, und zwar so, dass sie mit dem redenden Ich von Fall zu Fall identisch werden. Dieses spricht also nicht – zum Beispiel – über sein Entsetzen, sein Begehren, seinen Schmerz, vielmehr ist es, was es bespricht: ganz Wut, ganz Angst, ein Empfinden, eine Idee, »genau so groß wie ich«. Man denkt an Monsieur Teste, jenen ebenso genialen wie idiotischen Kopffüßler, den Valéry zur intellektuellen Schlüsselfigur der Moderne gemacht hat. »Und wer war ich anderes«, heißt es entsprechend bei Blanchot, »als dieser Abglanz einer Gestalt, die nicht sprach und zu der niemand sprach, die nur dazu fähig war, gestützt auf die terminlose Stille des Draußen, von der anderen Seite einer Scheibe still die Welt zu befragen?«

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