17. Juli

Marcel Schwobs geradezu brutale Sprach- und Einbildungskraft steht (ähnlich wie bei Proust) in befremdlichem Gegensatz zu seiner physischen Erscheinung – er war stets kränklich, schwer drogenabhängig, starb 1905 mit nur achtunddreißig Jahren. In seiner vielgelesenen Chronik zum Pariser Literaturbetrieb hat einst Jules Clarétie von einer Lesung des Autors berichtet: »Marcel Schwob tritt ein, weiß wie ein Kadaver. Man schiebt ihm eine Wärmeflasche mit heißem Wasser unter die Füße; er trinkt einen Schluck Wasser, und mit zarter Stimme beginnt er zu lesen, so leise, dass sie kaum über die ersten Sitzreihen hinausreicht, die seine Bewunderer schon eine halbe Stunde vor Beginn eingenommen haben.« Noch ein Beispiel dafür, dass starke Texte aus körperlicher Schwäche erwachsen können; dass der Autor schon zu Lebzeiten ins Jenseits seines Werks eingehen kann – Emily Dickinson, Franz Kafka, Ossip Mandelstam. – Überall, heißt es, ist Griechenland, die Krise ist äußerst bedrohlich. Federer wird als Mr. Switzerland auf Tour geschickt, um die Bevölkerung moralisch aufzurüsten – da sieht man ihn auf einer Riesenschaukel hoch über der Stadt … hoch über dem Land hin und her, auf und ab schweben, während dort im Fernsehen an Gian Carlo Vigorelli erinnert wird, den Dandy und Geschäftsmann, der Italien nach dem Krieg aus den Trümmern wieder hat erstehen lassen. Vigorelli selbst kommentiert den historischen Dokufilm, der in Schwarzweiß die Aufbauarbeit dokumentiert, ich stehe … ich sehe mich auf dem Monitor, bin peinlich berührt von meiner Unterwürfigkeit vor diesem zwielichtigen Machertyp und meinem Unvermögen, den Untergang der Schweiz abzuwenden. – Nach langer Zeit lese ich mal wieder im vielgerühmten »Buch der Unruhe« von Fernando Pessoa, und erneut empfinde ich (womöglich verstärkt durch die mindere Qualität der Übersetzung) ein Ungenügen am schwachen, unergiebigen Denken dieses Autors, an seiner pseudointellektuellen Rhetorik und dem Fehlen jeglicher Ironie und Selbstkritik. Letztlich bleibt, auch nach dieser zweiten Lektüre, nichts als das Robotbild eines schütteren, x-fach fragmentierten Ich, das seine eigene Atomisierung gleichermaßen feiert und beklagt. – Heute haben wir die fast hüfthoch stehende Wiese gemäht, gut zwanzig Ar, überwölbt von süßlichen Kräuterdüften, vom Summen, Flirren, Knirschen der Insekten, von den in der Luft schaukelnden Farbtupfern der Schmetterlinge. Heißer Nachmittag. Mühevolles Zirkeln mit dem Motormäher zwischen den geduckten Apfelbäumen und um die geschützten Pflanzen herum – es gibt hier Männertreu und diverse andere orchideenartige Alpengewächse. Zentnerweise bleiben Gräser, Kräuter, Wiesenblumen liegen. Die Hitze lässt die alten brüchigen Stämme knacken, in der löchrigen Baumrinde hausen kleine graue Wespen. Über den Sträuchern und Blumenbeeten schwärmen dicke pelzige Bienen aus dem Stock im Nachbargarten. Aus dem brunnenartigen Teich ragen unverhältnismäßig hoch ein paar wenige Schilfstängel, überm lauen Wasser schießen im Zickzack schillernde Libellen hin und her, auf der Oberfläche staksen langbeinige, fast gewichtslose Wasserspinnen, in der schlammgrünen Tiefe regen sich schattenhafte Wesen. Der anstrengende Arbeitstag wird ein Festtag gewesen sein.

Share on Facebook0Email this to someoneShare on Google+0Tweet about this on TwitterPin on Pinterest0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.