17. Juni

– vorbei an zahllosen Schaltern, wo wir aber lediglich per Augenschein kontrolliert werden. Als wir endlich draußen sind, stelle ich, einigermaßen peinlich berührt, fest, dass mir mein schwarzes Hemd abhanden gekommen ist. Ich trage den Veston auf der nackten Brust, versuche den Ausschnitt mit einem Halstuch zu kaschieren. Wir müssen unbedingt zurück, immer zurück, einfach zurück, ich will mir schnell noch ein neues Hemd besorgen. Nochmals also der weite Gang durchs Gedränge, immer dem Menschenstrom entgegen, wieder durch verglaste Korridore und Treppenhäuser. Wir gehen von Regal zu Regal, Krawatten, T-Shirts usf., aber keine Hemden zu finden. Also unverrichteter Dinge zurück. Die Lesung dürfte inzwischen längst vorüber sein. Wir müssen uns eigentlich nicht mehr beeilen. Morris hat noch immer seine Plastiktüte geschultert, führt mich noch immer an der Hand. In einem Warteraum beim Ausgang des Warenhauses oder der Bibliothek liegt die jüngste Ausgabe der NZZ. Es ist die Sonntagsbeilage, völlig neu gestaltet, sie enthält von mir einen Beitrag über eine neue internationale Kulturzeitschrift aus Japan. Der Beitrag wird im Vorspann als höchst aktuell eingeleitet, er hat aber monatelang in der Redaktion gelegen und dürfte längst überholt sein. Wir treffen im Ausgangsbereich auf Krys, die offenbar eben erst am Flughafen eingetroffen ist und nun ein Taxi braucht. Dass ich kein Hemd trage, nimmt sie mit nachlässiger Verachtung wahr, wendet sich auch gleich Morris zu und fragt mich dann, weshalb ich all die schweren Sachen dem Kleinen zum Tragen überlasse. Zu dritt gehen wir durch das Supermarktgelände, Krys kennt sich hier viel besser aus als ich, sie weiß, wie man am schnellsten zum Ort der Handlung kommt. Doch dort treffen wir immer und immer wieder nicht ein. – Für alle besten Bücher reicht kein Leserleben aus. Hier mein jüngstes bestes Buch: Marcel Schwobs ›Erfundene Lebensläufe‹, ein Produkt des Fin-de-siècle um 1900, gleichzeitig ein machtvoller Widerpart zur damals herrschenden Dekadenzbewegung, radikalster Gegenzug zu Marcel Prousts ›Suche nach der verlorenen Zeit‹. Was Schwob »erfindet« … was er als mögliche Welten entwirft, ist der Realität und ist dem menschlichen Existentiale näher als alles, was Proust bei der Wirklichkeit abschreibt und von ihr konserviert, ist um vieles kruder, kraftvoller, wirkt authentischer als der psychosoziale Realismus der ›Suche‹. Was Proust auf hundert Seiten in weitläufigen Satzgebilden ausbreitet, um eine Lebensepisode zu vergegenwärtigen, packt Schwob auf zehn Seiten so sperrig wie sprunghaft zusammen und lässt gleichwohl ein ganzes Leben – das Ganze eines singulären Lebens – darin aufscheinen … ein Leben, das nie gelebt wurde, ein Leben, das lediglich als Biografie Bestand hat und dennoch ebenso real ist wie das sogenannte wahre Leben. Wenn ich bei Marcel Schwob das Leben des »liebesverrückten« Dichterphilosophen Lukrez oder des »netten« Mordgesellen Alain lese, verstehe ich schon besser, weshalb und wofür Jorge Luis Borges diesen Autor so hoch geschätzt hat – sein Interesse an fiktiven Lebensgeschichten konnte hier reichlich und exemplarisch Nahrung finden. In stilistischer … in sprachlicher Hinsicht geht Marcel Schwob allerdings weit über Borges hinaus, indem er einen unverwechselbaren, dabei archaisch wirkenden Personalstil entwickelt, der eher an der Volksliteratur oder an François Villon orientiert ist als an der Salonprosa seiner Epoche. Großartig. Ich sollte das gelegentlich präziser beschreiben und analysieren, finde Ähnliches in vergleichbarer Qualität nur bei Edgar Allan Poe oder … oder bei Giorgio Manganelli. Doch der Vergleich reicht nicht hin. Weiterlesen! Die kommentierte Neuausgabe der ›Vies imaginaires‹ bei Flammarion ist eine verlässliche Vorlage dafür. – Seit einem Jahr ist hier ein neuer … ein junger und forscher Gemeindepräsident im Amt. Zusammen mit einer Handvoll Adjunkten hat er inzwischen manche Neuerungen eingeführt und damit Zeichen gesetzt, die darauf schließen lassen, dass er vor allem den Tourismus im Klosterbezirk ankurbeln will. Altes Gemäuer wird mit Zement befestigt; Zufahrtswege werden asphaltiert; Parkplätze angelegt; Wege zu Wanderwegen begradigt; Hausnummernschilder aus belgischer Keramik angebracht; massenhaft Wegweiser aus Chromstahl und Sitzbänke aus Beton oder Eisenbahnschwellen aufgestellt; mitten im Städtchen eine halbautomatische Mülldeponie errichtet und ein mittelalterliches Haus im Erdgeschoss umgebaut zu einer Imbissstube mit Weinausschank usf. Was für mich nichts anderes als Verschandelung ist, gilt der Mehrheit meiner Nachbarn und auch der Touristen als längst fällige Modernisierung … als notwendige Anpassung an heutige ästhetische Bedürfnisse. Das gilt nicht zuletzt für die zahlreichen Boutiquen hier vor Ort, in denen Haus- und Handgemachtes, Exotisches und Esoterisches angeboten wird, aber auch für die neu eröffneten Heilpraxen, die Yoga- und Meditationsräume. Im hier überhand nehmenden Kitschdesign – wie im Kitsch generell – erkenne ich das Böse … das gut gemeinte Böse: Hier gewinnt es, noch harmlos, Gestalt.

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