17. Oktober

… heute will ich hier festhalten, dass dies der schönste Nachsommer all meiner Lebenszeiten ist: Ich verbringe den Nachmittag und frühen Abend allein im Garten, sitze an meinem verwitterten, schon etwas bemoosten Klapptisch, vor mir eine Flasche Dôle blanche mit Drehverschluss, ein Deziliterglas, das Notizbuch. Ich halte meinen nackten, x-fach vernarbten Oberkörper ins dunstige Licht, in die warme wehende Luft. In zwei Reihen knarren die gebeugten Bäume kaum hörbar unter ihrer Apfeltracht – es sind zentnerschwere Lasten, von denen die alten knorrigen Äste durchgebogen werden. Von Zeit zu Zeit höre ich den dumpfen Aufprall einer satten Frucht, hebe den Kopf, kann gerade noch sehen, wie der Apfel durch die schräge Wiese rollt. Die Abendsonne gewinnt noch einmal an Kraft, ich lehne mich zurück, hebe den Blick in die leicht taumelnden Baumkronen, die teilweise schon honiggelb und bernsteinbraun verfärbt sind – durchleuchtet von der sinkenden Sonne fügen sich die vielfarbigen Blätter und, dazwischen, die lichtblauen Lücken zu transparenten Farbmustern, wie man sie aus mittelalterlichen Apsiden kennt. Ein Katzentier, mollig mit fuchsrotem Pelz, bleibt ein paar Meter von mir stehn, versammelt seinen Körper hinter den parallel gestellten Vorderbeinen, rollt den buschigen Schwanz quer dazu auf dem Boden aus, sieht mich eine lange Weile reglos an, hat nun aber genug von mir, wendet sich lässig ab. Wenig später sehe ich seine wunderbar geschwungene und im Gehen schwingende Kuppe vor mir im Untergehölz – wäre es weiter von mir entfernt, könnte es ein Wildtier … ein Raubtier sein. Eintagsfliegen setzen sich auf meinen Handrücken, den abgelegten Bleistift, einen herabgefallenen Baumzweig, den Tischrand – es ist eine träge, hin und wieder ruckartig unterbrochne Bewegung, unstet und ziellos, doch immer wieder findet zwischen dem aufgeschlagenen Notizbuch und meiner ruhenden Schreibhand die Begattung des Tags statt. – Es gibt Bücher, die man nicht zu lesen braucht, die man nicht durchlesen kann, die man entziffern muss. Dazu gehören die typografischen Romane von Mark Z. Danielewski, ›House of leaves‹ und ›Only revolutions‹, Texte, die vor allem visuell wahrgenommen … die ähnlich wie Landkarten mit dem Auge abgetastet und erschlossen werden müssen. Verfällt man aber in die übliche Lesebewegung, verirrt man sich bald, stößt an, man bleibt hängen, langweilt sich. Ich habe mir angewöhnt, die optisch attraktiven Bücher dieses Autors immer mal wieder anzublättern, mich nomadisierend darin zu bewegen und … oder gleichsam surfend über die Textoberfläche hinzugleiten und abwechselnd bei einzelnen Abschnitten, einzelnen Sätzen oder Wörtern haltzumachen. So kann ich mich, unabhängig vom vagen Gesamtzusammenhang, auf die Mikrostruktur des jeweiligen Texts einstellen und dabei erkennen, dass dessen eigentliche Handlung nicht von den Erzählfiguren getragen und vorangetrieben wird, sondern von Wörtern und Namen, die sich zu immer wieder andern klanglichen und metaphorischen und auch rein visuellen Konstellationen zusammenfinden. Wo dies geschieht, bilden sich auf der Laut-, Schrift- und Aussageebene einprägsame Intensitäten und kann jäh der Sinn aufkommen. – Literaturnobelpreis für Tomas Tranströmer, an den ich mich ohne große Emotionen erinnere; habe ihn zwei-, dreimal in Italien getroffen (Tagungen zum Petrarcapreis), einen sanften hageren Mann vom Typus des kindlichen Greises – mit hellem engem Blick, mit vielen Falten senkrecht im Gesicht, mit dem Stock an der Hüfte, mit schleppendem und zugleich hüpfendem Gang. Ich lernte ihn in knappen Gesprächen (die wir stets stehend absolvierten) als einen trockenen Charakter kennen, aufmerksam und freundlich, auf spröde Weise musikalisch, gänzlich ironiefrei, unscheinbar, rundum sympathisch. Nie hat sich Tranströmer meinen Namen merken können, wollte dies vermutlich auch gar nicht – wir begannen, wenn wir ins Gespräch kamen, jedes Mal von vorn, beim Namen, bei Null. Die Lesungen, die ich von Tranströmer gehört und die Gedichte, die ich von ihm in Übersetzung gelesen habe, wirken auf mich wie Ansichtskartengrüße von einer Zimmerecke in die andere, gut gemeint, unangestrengte und doch immer auch etwas umständliche Berichtslyrik, die vieles bespricht und doch kaum je zum Sagen kommt. Ansichtskarten mit diskret kolorierten Sujets aus der Alltagswelt, mit Grüßen eines Zeitgenossen, der nur einfach bezeugen will: Ich bin dagewesen. – Nobelpreis? Der letzte schwedische Laureat für Literatur war vor dreißig, vierzig Jahren der Erzähler Harry Edmund Martinson, der für die Auszeichnung mit dem prestigiösen Preis weithin verachtet und verlacht wurde; aus Scham über seinen Ruhm, den er wohl selbst für unverdient hielt, verfiel Martinson in Depressionen, nahm sich schließlich, ohne jemals wieder etwas geschrieben zu haben, das Leben, indem er sich mit einer Schere den Bauch aufschnitt.

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