17. September

Heute beim Recherchieren im Internet (Potocki, Tulczyn, Wittowa usf.) plötzlich diese Kindheitserinnerung: Der anonyme Briefkastenonkel bei Radio Beromünster, der wöchentlich einmal im Vorabendprogramm für eine ganze Stunde Hörerfragen beantwortet. Ich habe diese Sendung in meiner frühen Jugend während Jahren regelmäßig verfolgt, hab mir dazu Notizen gemacht und im Lauf der Zeit ein eigenes kleines Lexikon auf linierten Karten zusammengestellt. Der Briefkastenonkel war damals mein produktivster Informant, wichtiger als meine Lehrer in der Schule, wichtiger als meine Eltern auch, denen die Bibel als das einzige verlässliche Lexikon galt und die auch gar nicht begriffen, was mich an so abstrusen Themen wie Pyramidenbau, Armbrust, Weltraumforschung, Farbenlehre, Faustlegende, Blindschleichen, die Bartholomäusnacht, die Handschrift von Saragossa usf. interessieren konnte. Ich hab von jenem Briefkastenonkel, der tatsächlich so etwas wie ein geistiger Vater für mich wurde, sehr viel gelernt. Seine tiefe, ruhige, völlig emotionslose Stimme ist mir unvergesslich, sie war für mich, den Lernbegierigen, Garant für die Objektivität dessen, was er, egal worum es jeweils gehen mochte, mit großem Ernst vortrug. Doch eben dieser Ernst … gerade seine Zurückhaltung bei der Darlegung unterschiedlichster Sachverhalte ist ihm zum Verhängnis geworden, hat ihn schließlich seinen Posten gekostet – »mein« Briefkastenonkel wurde ersetzt durch einen munter plaudernden Auskunftgeber, der die eingehenden Fragen entweder launig aus dem Bauch beantwortete oder einen dazu passenden Eintrag aus Knaurs Universallexikon vorlas. Den einbändigen Knaur wünschte ich mir dann von meiner Patentante zu Weihnachten als Geschenk – ich las den dicken kleinformatigen Band mit den grob gewirkten Leinendeckeln wie eine endlose Abenteuergeschichte, und als ich nach mehreren Monaten durch war, begann ich das Lexikon auswendig zu lernen; über den Buchstaben A … über den Begriff »Antarktis« (oder war’s »Artemis«?) kam ich allerdings nie hinaus. – Bin wieder schlaflos durch die Nacht marschiert … durch meine vom dürftigen Mondlicht und vom Widerschein der Straßenlaterne schwach erhellte Wohnung, vorbei an Bücherwänden und an schwarzen Fenstern, in denen ich mich flüchtig spiegle – Stunden, Kilometer hab ich auf solcher Wanderschaft mit der Zeit hinter mich gebracht, habe im Gehen nachgedacht über das, was ich im Schritttempo hinter mir lasse und was ich im Loslassen gewinne. Je heller der Tag dann in der Früh hereinschien, desto schwerer wurde der Schritt, und als sich die Morgendämmerung zu einem strahlenden Neuanfang zusammenriss, war ich endlich müde genug fürs Bett. – Der einzig wahre Sinn sei der unerreichte … der unerreichbare Sinn. Von wem habe ich das gehört? Bei wem hab ich’s gelesen? Bei Kafka vielleicht, bei Lew Schestow? »Puschkins Name wurde bei uns zu Hause nicht ausgesprochen«, erinnert sich Michail Gasparow: »Er verstand sich von selbst. Als ich mit fünf Jahren meine Großmutter fragte: ›Wer ist eigentlich Puschkin?‹, war sie verwundert: ›Was! Du kennst unsern Puschkin nicht?‹ Innerhalb eines Monats lernte ich von früh bis spät sämtliche Märchen von Puschkin nach dem Gehör auswendig. Ein Jahr danach begann der Krieg. Es geschah ein Wunder: In dem Dorf, in das man uns evakuiert hatte und wo es absolut nichts zu lesen gab, entdeckte ich eine alte zerschmökerte Puschkinausgabe. Die Gedichte waren mir unverständlich, aber sie bezauberten mich. Ich ging durch die vergrasten Gassen und sang: ›Sagt an – wer unter euch kauft meine Nacht zum Preis des Lebens?‹ Was dies bedeuten sollte, war unwichtig. Später litt ich dann unter dieser meiner Gewohnheit, denn im Wortklang ging der Sinn verloren.« Das Faszinosum der Unverständlichkeit ist getragen vom Zauber des Sprachklangs; die klangliche, also sinnlich wahrnehmbare Qualität des Verses, der Strophe ist in der Wortkunst dominant, überbietet deren Bedeutung, eröffnet zugleich deren Sinn. Der Sinn mag sich als unerschließbar, sogar als Unsinn erweisen, er wird dadurch um so wahrer.

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