18. August

Zwei Frauengestalten – Freundinnen? Schwestern? Doppelgängerinnen? – sind dem anonymen Icherzähler zugeordnet. Dieser hat sie mit den Namen Claudia und Judith versehen, vielleicht sind sie überhaupt nur einfach seine Erfindung, ganz Idee wie er selbst. Nie gewinnen die beiden Frauen fassbare Gestalt, ihre physischen und psychischen Konturen scheinen ineinander zu verschwimmen, bloß momentweise wird gleichsam in Nahaufnahme eine Geste, ein Gesichtsausdruck festgehalten. Diese figurative Unbestimmtheit steht in auffallendem Kontrast zur enormen, ja monströsen Intensität, die der Erzähler im Umgang mit den Frauen entwickelt und die vor allem, in schier endloser Wiederkehr, durch »Schauder«, »Staunen«, »Kampf« geprägt ist. Weitgehend unbestimmt beziehungsweise unbestimmbar sind im übrigen auch Zeit und Raum des Settings, Innen- und Außenwelt, Gegenwart und Vergangenheit, Tag und Nacht, Hitze und Frost, Schmerz und Lust durchdringen sich wechselseitig. Die Schwelle, der Spiegel, das Fenster – von Blanchot immer wieder ins Bild gerückt – stehen symbolisch für diese Übergänglichkeit und veranschaulichen den ambivalenten Status des Hier-und-jetzt, den der Erzähler (»um das Ewige auszulöschen«) einzig als »das Ende, jetzt« zu begreifen vermag. Der »gewollte Augenblick«, in dem die Zeit aufgehoben und alles eins ist, kann nicht erfahren, schon gar nicht beschrieben werden. Eine Vorstellung davon lässt sich einzig durch das Paradox, Blanchots bevorzugte Denkfigur, gewinnen. Durch eine Vielzahl absurder Formulierungen, die nicht nur Logik und Kausalität, sondern auch sich selbst außer Kraft setzen, scheint Blanchot die Unmöglichkeit begrifflicher Kommunikation und rationaler Erkenntnis belegen zu wollen. Die Rede ist von »Schritten der Bewegungslosigkeit«, von der Schwierigkeit, »auf eine Unmöglichkeit zurückzukommen, wenn sie schon vorbei ist« oder von der »Kraft, die in ihrer Schwäche erwürgt wird«. Nicht selten allerdings treibt Blanchot die Paradoxie so weit, dass sie jeden Verfremdungseffekt verliert und der Beliebigkeit oder gar dem Kitsch anheim fällt – allzu viele Stilblüten dieser Art («sie hatte sich mit mir an den Busen eines Elementes gegossen«) sind in den vorliegenden Text eingegangen, dessen rhetorische Dynamik und komplexe Bildhaftigkeit Jürg Laederach souverän ins Deutsche bringt. Spät genug und … aber immer noch rechtzeitig. – Auf der Gasse vor meinem Fenster liegt seit heute früh ein dickes, vom nächtlichen Regen aufgequollenes Telefonbuch. Inzwischen ist leichter Wind aufgekommen, die Temperatur steigt an, die verklebten Seiten beginnen sich voneinander zu lösen … beginnen hin und her zu wehen, werden vor- und zurückgeblättert wie von einem unsichtbaren Zeigefinger – es ist, als sollte das Buch zum Sprechen gebracht werden … oder zum Fliegen. – Und in fünfzig … in hundert Jahren die Literatur? Wird sicherlich noch weniger begehrt sein als heute. Der heutige Trend zum Massenhaften – Überproduktion und Überbevölkerung – wird zu einem mörderischen Verteilungskampf entarten, pures Wasser, frische Luft werden umkämpft sein wie heute das Öl, das KZ, eher noch der Gulag wird zum globalen Gesellschaftsmodell geworden sein. Moment! Wer soll das gesagt haben? Egal. Der Mensch … die Menschheit macht hochgemut weiter bis zum Gehtnichtmehr, und selbst das Gehtnichtmehr wird man als Gewinn- und Siegeschance begreifen. Kurzsichtigkeit, Blödigkeit und Arroganz … Genialität, Selbstkritik und Fürsorge fallen in eins, sind keine Gegensätze mehr, sind gleichermaßen gültig und folgenlos.

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