18. Januar

Arbeitsbesuch im Schweizerischen Literaturarchiv der Nationalbibliothek in Bern. Hier liegt ein Teil meines schriftlichen Vorlasses – Korrespondenzen, Notizbücher, Skripten aller Art. Gemeinsam mit Cornel Dora bereite ich für die Vadiana in St. Gallen eine Ausstellung zum vierzigsten Jahrestag des Prager Frühlings vor. Ich war 1968/1969 als letzter ausländischer Stipendiat des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbands in Prag, wo damals Belagerungszustand herrschte, die Straßenschilder schwarz überstrichen, die Burg und der Wenzelsplatz von Panzern der Warschauer-Pakt-Truppen besetzt waren. Während Monaten habe ich damals das Land bereist, viele Schriftsteller, Künstler, Musiker, Theaterleute besucht und interviewt, Aufzeichnungen und Fotos gemacht. Zu meinen Gesprächspartnern gehörten, unter manch andern, Jaroslav Seifert, Jiří Kolář, Petr Pujman, Evžen Sokolovský, Milan Kundera, Jan Skácel, Jiří Opelík, Jan Patočka, Zdenĕk Mathauser, Oleg Sus, Ludvík Kundera, Jiří Brabec, Jiří Valoch, Jan Klusák, Milan Uhde, Zdena Zábranská, Bohdan Lacina – ha, die Aufzählung wird zum Gedicht, die Liste könnte sich ums Drei-, Vierfache verlängern. Um die damaligen Begegnungen und Gespräche zu dokumentieren, suche ich nun in meinen eigenen Papieren nach passenden Belegen, finde Briefe, Visitenkarten, Kinotickets, Theaterprogramme, Krankenscheine, Wegskizzen. Fast vierzig Jahre sind seither vergangen, und alles wird mir wieder gegenwärtig … kommt mir entgegen aus all diesen Ordnern und Schachteln und Heften, die man in absehbarer Zeit als meinen Nachlass bezeichnen wird. Für die geplante Vitrinenausstellung soll ich aus dem Gesamtbestand meiner privaten tschechischen Bibliothek rund einhundert Bände auswählen, lauter Erstausgaben, die mir in jenem Prager Winter von Autoren, Herausgebern, Übersetzern gewidmet wurden, die wichtigsten, die schönsten davon wollen wir in einer Broschüre abbilden und kommentieren. Da steht noch einiges an Arbeit an. – Weiter in den Jura … wieder in Romainmôtier. Fast schon frühlingshaft verstrahlt der Tag. – Über tausend Druckseiten umfasst der Briefwechsel des Verlegers Siegfried Unseld mit dem Autor Peter Weiß, es ist eine von vielen Korrespondenzen dieses Umfangs, die Unseld über Jahre hin mit großem Engagement, geschäftlich wie persönlich, geführt hat. Welche Verleger, welche Autoren wechseln heute noch Briefe? Unterhalten sich schriftlich über Stilfragen, Typographie, Klappentexte, Alltagsprobleme, Liebesquerelen, Politik, Geschichte! – Mein Körper als Träger und Medium dessen, was Ich ist. Ich bin nie nicht auch noch etwas Anderes. Wer in Ichform denkt, muss immer auch er sein … muss einen Körper haben. – Krys am Telefon: »Nicht dass meine – oder deine – Liebe früher oder später stirbt, ist das Erschreckende; sondern dass sie sterblich ist.« – Ich erinnere mich – weshalb gerade heute? gerade jetzt? – an meinen zwergwüchsigen Primarlehrer Carl Gerhardt, der stets am Stock ging und das eine Bein mit einem komischen Schlenker nachzog. Um der Schuldisziplin Genüge zu tun, musste er hin und wieder Strafen verhängen – diese bestanden damals üblicherweise in einer vorgegebenen Anzahl von »Tatzen«, das heißt Hieben, die mit einem langen Bambusrohr auf die ausgestreckte offene Hand verabreicht wurden. Der kleine Gerhardt, nicht viel höher als seine Primarschüler, hob den Stock jeweils mit beiden Händen bis auf Schulterhöhe, um ihn dann pfeifend auf die Fingerspitzen sausen zu lassen. Einmal traf er bei mir statt der gestreckten Finger den Daumen und, beim zweiten Hieb, die Innenseite des Handgelenks, wobei er, als hätte man ihn selbst getroffen, komisch zusammenzuckte. Ich habe diesen Strafvollzug mehrfach über mich ergehen lassen, bin ohne körperliche oder seelische Schäden davongekommen; heute würde man eine derartige Züchtigung als gewalthaften Übergriff taxieren und den Lehrer zur Verantwortung ziehen.

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