18. Juli

Auf einen herrlichen Hitzetag und eine verstockte Tropennacht folgt heute, wieder einmal entgegen den Prognosen, ein massiver Regeneinfall, der die noch warme Erde … den noch warmen Asphalt zum Dampfen bringt. Statt der wabernden Luft von gestern hängt nun ein schlieriger mausgrauer Vorhang über dem Gelände … ein monotones Rauschen und Klatschen. Der Wetterumschlag ist auch ein Schlag gegen meinen Kopf, gegen meine Physis allgemein. Von daher der unruhige Schlaf, vermutlich auch die Katastrophenträume und sicherlich der Aufzug der Migräne, die mich inzwischen vom Nacken bis zum Unterbauch mit klemmendem Schmerz überzieht. An Arbeit … ans Schreiben ist nicht zu denken, auch lesen mag ich nicht, ich zieh mich mit dem Notizbuch in den Gartenpavillon zurück, seh dem Landregen beim Strätzen und beim Saichen zu – wie er schräg gegen die Fensterscheiben fällt und sich sogleich in Tropfen auflöst, die auf dem staubigen Glas einzeln ihren Weg nach unten suchen, nein, nicht suchen, sondern notwendigerweise finden nach dem sturen Gesetz der Gravitation. Zumindest das hier … zumindest diese paar wenigen Zeilen habe ich gerade eben zu Papier gebracht. Zu Papier! Da steht’s geschrieben und … und ließe sich doch jederzeit korrigieren, durchstreichen, überschreiben oder auch bloß zerknüllen, verbrennen. – Kaputte … kranke Tage, Kopfschmerz, Schweißausbrüche, Herzflattern; Ärger und Zerknirschung. Von Krys ein Kartengruß aus Petersburg – abgebildet ist Seweryn Potocki als Ehrenmitglied der Russischen Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, der Bruder des Grafen Jan Potocki, mit dem ich zur Zeit (beim Weiterschreiben am Roman) meinerseits in der Reichshauptstadt zugange bin. Ich freue mich über diese Aufmerksamkeit, will nun doch überlegen, ob und wie ich Seweryn Potocki allenfalls noch in meiner Geschichte auftreten lassen könnte. – Oft wird vergessen, dass Stalin – im Unterschied zu Hitler – massenhaft Angehörige (gerade auch loyale Angehörige) des eigenen Volks hat drangsalieren und vernichten lassen. Noch heute gibt es in Russland kaum eine Familie, die in der Generation der Großeltern keine Opfer staatlicher Übergriffe zu beklagen hätte. Doch die Sühne bleibt aus. Das Klischee von der russischen Leidensbereitschaft und Leidensfähigkeit hat Bestand. Die Verbrechen am eigenen Volk werden als notwendiges Übel abgehakt. Ein singulärer Fall von kollektiver Selbstentmächtigung und Selbstverachtung – ohne Beispiel in der Zivilisationsgeschichte der europäischen Moderne.

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