18. September

Auf der Straßenlaterne vor meinem Fenster hockt eine riesige Krähe, sie fixiert mich mit dem seitlichen linken Aug; wenn sie hin und her rückt, schließlich abhebt, kommt der dicke Stahlmast leicht ins Schwingen, so als hätte das Tier zumindest Menschengewicht. Erst nach lang anhaltendem Vibrieren kommt der Mast, der klassischen Physik gehorchend, wieder zum Stillstand. Die Krähe bleibt verschwunden; sie folgt wohl ihren eigenen Gesetzen. – Noch einmal rappelt sich der Sommer hoch; innert Tagesfrist ist die Temperatur um fünfzehn Grad angestiegen, draußen herrscht Windstille, die Hitze steht wie ein unsichtbarer kompakter Block im Gelände. Die abrupte Wetterwende bekomme ich wie üblich als schwere Kopf- und Bauchkrise zu spüren – außer Geduld und Flüchen gibt es dagegen kein Kraut; es gibt aber, wenn ich dann doch kurz zum Schlafen komme, intensive, auffallend motiv- und figurenreiche Träume. (Fragment:) Ich bin als Junge unterwegs mit meinem sportlichen Vater, der einen schweren offenen Maserati fährt. Wir rasen auf einer Bergstraße durch enge Serpentinen zur Passhöhe, die Straße ist bedeckt mit Matsch und Schmelzwasser. Trotz dichtem Gegenverkehr fährt Vater wie ein Berserker – verfolgt er jemanden? Werden wir verfolgt? Die Passhöhe ist noch weit. Beidseits der Kühlerhaube spritzt der wässrige Dreck in schrägen Fontänen auf. Ich sperre mich mit beiden Stiefeln gegen die Geschwindigkeit. Sobald wir oben sind, will ich dann aber Mama eine Ansichtskarte schreiben, auf der der Himmel abgebildet ist. Das hab ich ihr versprochen. Das erwartet sie von mir. – Zwei ruhige Tage derweil; weiter an der Anthologie gearbeitet (Übersetzung, Kommentare); heute im Balkonzimmer drei abgefallene hereingewehte Blätter, blutrot das eine, rostbraun und messinggelb die andern – herbstliche Selbstanzeige. Milder Nachmittag, leicht bewegte Luft. Auf dem Sitzplatz vor meinem Gartenpavillon lese ich von Helmut Eisendle ›Tod und Flora‹ – passt ins Gelände, passt in die Jahreszeit. Ich soll das Buch, neu aus dem Nachlass des Autors herausgegeben, für die NZZ besprechen. Für einen privaten Leser hat Eisendle in den mittleren 1970er Jahren eigenhändig ein reich bebildertes Album angefertigt, das als Vademecum zur »Überwindung bestehender Glücklosigkeit und Armut« dienen sollte. Dass das bibliophile Unikat – es bietet sich gleichermaßen als Lehr-, Schau- und Lesebuch an – nun einem breiteren Publikum als Reprint zugänglich gemacht wird, hat insofern seine Richtigkeit, als der Autor keineswegs bloß seinen damaligen Adressaten anspricht, sondern generell jene »Astheniker«, Menschen wie du und ich, die als erniedrigte und beleidigte die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung bilden. Dieser verschupften, von zahllosen Repressionen gepeinigten Mehrheit gibt Eisendle einen Leitfaden in die Hand, der ihr dazu verhelfen soll, sich Gerechtigkeit zu verschaffen durch eine besondere Art der Selbstjustiz. Diese soll und muss nicht, wie üblich, in direkter gewalthafter Auseinandersetzung erfolgen, vielmehr möchte Eisendle den »asthenischen« Normalverbrauchern die Verwendung von naturwüchsigen Pflanzen beliebt machen, deren Giftstoffe, sind sie nur hoch genug dosiert, den unliebsamen Verfolgern und Unterdrückern – kurz »die Macht« genannt – auf diskrete Weise den Garaus machen. Die uralte, zutiefst paradoxe ärztliche Weisheit, wonach »Gleiches mit Gleichem zu heilen« sei (similia similibus curantur), dient dem Autor als Rechtfertigung und pharmazeutische Prämisse für seine mörderischen Rezepturen, welche allesamt darauf angelegt sind, »die Macht- und Glücksverhältnisse zwischen Asthenikern und Sthenikern auf humane Weise zu Gunsten der ersteren zu verschieben«. So wie unter Menschen destruktives Verhalten gemeinhin wiederum destruktives Verhalten provoziert, rufen Pflanzen Gifte, die in minimaler Dosierung wundersame Heilwirkung entfalten können, bei erhöhter Gabe schwere physische wie psychische Schädigungen hervor oder führen gar – was hier explizit erwünscht ist – zum Tod. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Was sollte ich also darüber schreiben? – Auf TV-3sat (»Kulturzeit«) hält Kevin Dutton von der Oxford University ein Plädoyer für den Psychopathen, dessen Abartigkeiten er heutigen Normalverbrauchern zur Nachahmung empfiehlt: Das völlige Fehlen von Empathie- und Sympathiegefühlen, die Verbindung von Exzentrizität und Unscheinbarkeit, von Freundlichkeit und Zynismus, von Verdrängung, Kaltblütigkeit und Fanatismus, die Vermeidung von Wut-, Rache-, Reue- und Panikgefühlen, das vorrangige Interesse an einer (und nur einer) Sache und, allem voran, die Fähigkeit, von sich selbst als Person abzusehen – diese anormalen Qualitäten seien, meint Dutton, bei Heiligen, Spionen, Entdeckungsreisenden, Serienmördern, Staranwälten, Starchirurgen und Despoten aller Art besonders stark ausgeprägt und müssten als unabdingbare Voraussetzung für deren »Erfolg« erkannt und anerkannt werden. Der Psychopath als Vorbild für Menschen wie du und ich! Ich könnte dem Duttonschen Robotbild freilich in keiner Weise entsprechen, dafür bereue ich zu vieles, bin zu wenig geistesgegenwärtig, versetze mich zu gern in andere Personen und fremde Rollen, habe meine Wut und pflege sie auch. Aber wie wären denn die gefragten psychopathischen Eigenschaften zu erwerben? Menschenverachtung! Gefühlskälte! Amoralismus! Selbstüberhöhung in Verbindung mit Selbstverachtung! Ob man das lernen … sich zu eigen machen kann? Und wozu? Um hier und jetzt erfolgreich zu sein, meint Dutton hochgemut und fällt damit, ohne es zu bemerken, in ein unbedarftes populärdarwinistisches Karrieredenken zurück. Dass er damit tatsächlich Erfolg hat, lässt auf seine eigene psychopathische Veranlagung schließen. Dennoch ist das Modell seiner Theoriebildung nicht ganz uninteressant. Dass Normabweichungen und Normbrüche in mancher Hinsicht produktiv sein können, ist durch die Geschichte der Wissenschaften und Künste, aber auch allgemein durch das Phänomen des Fortschritts vielfach belegt. Was Dutton als Psychopathie ins Positive wendet, widerspricht der Tatsache, dass negative Abweichungen wie Krankheit, Alkoholismus oder Wahnsinn, aber auch soziale Behinderungen und politische Einschränkungen auf die intellektuelle und vor allem auf die künstlerische Produktivität durchaus positiv einwirken können. Doch wer käme auf die Idee, die Syphilis oder die Tuberkulose – etwa mit Hinweis auf Beethoven, auf Tschechow – als Erfolgsmotor zu empfehlen? – Dass ich heiße und dass man weiß, wie ich heiße, ist das eine; das andere ist – viel dringlicher – die schlichte Frage, was es denn überhaupt heißt, zu heißen? – Kitsch und Kunst werden kaum je zusammen gedacht, gelten als Gegensätze. Das Klischee ist das, woran der Künstler, der Schriftsteller selbst nicht glaubt … das, was ihm aufgegeben und nicht eingegeben ist. Das Klischee ist Produkt eines Vormunds … eines Vor-Munds, der dem Autor einen Fremdtext diktiert, ein Fremdthema aufdrängt. Klischeehaftes Schreiben steht nicht nur für den Mangel an Können und Wollen, mitunter ist es eine aus der Not geborene Tugend, vor allem dort, wo gegen die Zensur oder in höherem (staatlichem, parteilichem, kirchlichem) Auftrag geschrieben werden muss. Unzählige Autoren haben auftragsgemäß Oden auf Stalin gedichtet, darunter nicht zuletzt auch seine Opfer, panegyrische Dichtungen, die aus lauter Klischees komponiert sind. In solchen Fällen – das war schon zu Zeiten Katharinas der Großen das übliche Verfahren – wird die klischeehafte Rhetorik gleichsam als Fremdsprache verwendet: Man übt vorgegebene stereotypische Formeln ein, um den äußern Anforderungen zu genügen und gleichzeitig sich selbst als Person zurückzunehmen, sich zu verleugnen. Wer sich unter Zensurdruck oder als Auftragsschreiber behaupten will, muss sich (um sich nicht zu verraten) verraten. Das Paradoxon hat seine weithin bestätigte Richtigkeit. So kann Anna Achmatowa unter massivem behördlichem Druck ein klischeehaftes, literarisch wertloses Lobgedicht auf die UdSSR abfassen, für das sie fast ausschließlich auf »Fremdwörter« zurückgreift, also auf geliehene, dem Fundus offizieller politischer Poesie entnommene Versatzstücke, die sie unter normalen Bedingungen nicht einsetzen … die sie sicherlich konsequent meiden würde. Das Gedicht ist ihr mithin weder der Form noch der Aussage nach zuzuschreiben, aber sie hat es signiert, hat ihren Namen dem offiziellen »Vormund« geliehen und in dessen Sinn … nach dessen Willen gesprochen. Ossip Mandelstams Ode auf Stalin ist ein anderes … ist ein Beispiel dafür, wie ein Unterdrückter seinen Unterdrücker zwar klischeehaft hochleben lässt, jedoch sich selbst, als Autor, nicht ganz aus dem Spiel nehmen kann und deshalb als Panegyriker versagt: Die Ode, mit der sich der Dichter beim Diktator beliebt machen wollte, war letztlich doch nicht klischeehaft genug … ließ in manchen Formulierungen denn auch unverkennbar persönliche Töne erkennen, die allein darum, dass sie persönlich geprägt waren, als Ausdruck einer kritischen Grundhaltung wahrgenommen wurden, so dass Mandelstams Situation als Autor durch diese Unterwerfungsgeste sich nicht wie erhofft verbesserte, sondern, ganz im Gegenteil, noch prekärer wurde. Eine Extremform des Klischees ist das falsche Geständnis. Isaak Babel hat nach dem Willen der stalinschen Terrorjustiz mehrere seiner nächsten Freunde und Kollegen verraten (falsches Zeugnis), hat nicht begangene Verbrechen gestanden und sich damit selbst zu Unrecht beschuldigt. Geplagt von Reue hat er danach monatelang vergeblich Eingaben bei der Staatsanwaltschaft deponiert, um die falschen Anschuldigungen und Geständnisse zu widerrufen, die für die Betroffenen wie für ihn persönlich langjährige Lagerhaft oder auch den Tod nach sich ziehen konnten. All diese Eingaben blieben unbeantwortet. Babel konnte nicht wissen, ob sie die Adressaten erreicht und das Schicksal seiner Leidensgenossen in irgendeiner Weise beeinflusst hatten. Es gab für ihn folglich keinerlei Anhaltspunkt, an dem er den Grad seiner Schuld und die Notwendigkeit der Reue hätte ermessen können. Lange hat er die Qual der Ungewissheit und Zerknirschung in der Haft erdulden müssen, bis er endlich aufgrund eines »klischeehaften« Geständnisses und grotesker Selbstbezichtigungen hingerichtet wurde.

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