19. Oktober

Der anhaltende Nachsommer lässt bei mir ein Gefühl der Leichtigkeit aufkommen, das bis zum Leichtsinn gehen kann. Dazu passt, scheint mir, die dreiste Melancholie, mit der Woody Allen unterwegs ist und die ich mir gern noch einmal mit Krys vor Augen führe. Wir sehen uns ›Zelig‹ auf DVD am späten Abend Schulter an Schulter auf meinem Laptop an – ich bin verblüfft, wie weitgehend Allens Dramaturgie und Regie mit meinem Romankonzept zu ›Alias‹ übereinstimmt. Oder umgekehrt? Die Figur des fast unbeschränkt wandelbaren Antihelden, der problemlos auch in Gestalt seines Todfeinds auftreten kann, ist ganz ähnlich konzipiert wie Carl Peter Berger alias Kirill Beregow alias Karol Bergson und bewegt sich wie dieser auf der schlingernden Demarkationslinie zwischen historischer Wirklichkeit und weltfremder Fantasie, aber auch auf der zwischen Horror und Komik. Merkwürdig nur, dass mir dies erst heute auffällt, obwohl ich ›Zelig‹ schon mehrfach gesehen und mit vielen Details präsent habe. Doch als ich meinen Protagonisten entwarf und ihn zu einem typischen »Alias« entwickelte, der unter wechselnden Namen und in wechselnden Rollen durchs Leben geht, dachte ich in keinem Augenblick an Allens vielgesichtige Kunstfigur. Gibt es so etwas wie unbewusste Beeinflussung? Kann jemand nachträglich zum Vorbild werden? Werde ich unter meinen literarischen Vorgängern irgendwann als Vorbild fungieren? – Vorgestern starb Andrea Zanzotto mit neunzig, Friedrich Kittler mit neunundsechzig – beide habe ich vor Zeiten kennengelernt, zu beiden empfand ich spontane Sympathie, mit keinem von beiden hat sich in der Folge ein engerer oder längerfristiger Kontakt ergeben, keiner wird mich je gelesen … wird sich je an mich erinnert haben. Dennoch erlebe ich ihren Abgang als persönlichen Verlust. Es ist ein Verlust an Zeitgenossenschaft. Es ist der zunehmende Verlust an Zeitgenossen, die meiner Generation angehören und mit denen ich mich historisch wie auch intellektuell verbunden fühle … verbunden durch gemeinsame Interessen, Wertvorstellungen und Projekte, verbunden auch im Widerspruch, doch im Verlass auf eine gemeinsame Sprache. Diese Gemeinsamkeiten schwinden in dem Maß, wie wir – einer nach dem andern – das Zeitliche segnen. Verlust für wen? – Am wenigsten interessieren mich »Geschichten, die das Leben schrieb« und die gleichwohl … die gleichzeitig von künstlerischen Ambitionen geprägt sind. Geschichten, die das Leben schrieb, brauchen nicht auch noch belletristisch verbrämt zu werden. Doch ein Großteil heutigen Erzählens – Familien-, Krankheits-, Karriere-, Kriegs-, Liebes-, Epochen-, Reise-, Vater-, Ehe-, Trennungs-, Kindheits-, Sterbegeschichten – beschränkt sich auf das Nacherzählen von Erlebtem, Erlittenem, Erkanntem, also auf die Rekapitulation und künstlerische Bearbeitung vergangener Ereignisse. Solch biografisch oder historisch fundierter »schöner« Literatur ziehe ich allemal – wenn es denn auf das Faktografische ankommt – Tagebücher, Briefe, Memoiren, Interviews vor. Von der Erzählung und damit auch von meinem eigenen Erzählen erwarte ich nicht den Nachvollzug von Gewesenem und Geschehenem, sondern den Entwurf eigenständiger Welten, die als mögliche Welten ihren eigenen Wirklichkeitsstatus haben. Erzählen wäre demnach zu verstehen als ein transitives sprachliches Verfahren, das etwas nie Dagewesenes, in der realen Welt nicht Vorfindbares überhaupt erst hervorbringt. Erzählen wäre somit – die Vorsilbe macht’s deutlich – eine schaffende Geste, etwa im Verständnis von erarbeiten, erwirken. Das Erzählte ist das, was zum Vorhandenen und Bekannten dazugezählt wird, ein eigenständiges Supplement, das die Vergangenheitsform des Berichtens überbietet durch die Möglichkeitsformen des Konjunktivs, des Konditionals, der vollendeten Zukunft. Was sein könnte, was gewesen sein wird, ist – für mich – das primäre Interesse allen Erzählens und jeder starken Erzählung. Jede starke Erzählung lässt eine mögliche Welt »Wirklichkeit« werden. – Noch nie habe ich eine so dezidierte Literaturangabe inklusive Leseempfehlung bekommen wie eben von Henri Meschonnic (im Traum): »Mallarmés Briefe (alle), Gides Tagebuch (komplett) – dann hast du eigentlich alles gelesen.« Doch ich lese auch mal wieder Julien Gracq … ich lese ›Le beau ténébreux‹, sehe, nehme wahr, wie kraft seiner Beschreibung über zwei Druckseiten hin ein Bumerang hergestellt wird, wie er Form annimmt, wie er angefasst und weggeschleudert wird, wie sein Rundflug abläuft usf. Die Intensität, mit der Gracq – hier wie auch in andern Beschreibungstexten – Objekte, Materialien, Funktionen, Gesten, Abläufe vergegenwärtigt, lässt die sogenannte Wirklichkeit hinter ihre sprachliche Darbietung zurücktreten – die Beschreibung vermittelt mir ein intensiveres Gefühl von Authentizität als das Beschriebene selbst. Diese scheinbar widersinnige Erfahrung ergibt sich vermutlich daraus, dass die Beschreibung einen bestimmten Wirklichkeitsausschnitt aus seinem realen Kontext herauslöst, ihn davon gewissermaßen abstrahiert und somit exklusiv erkennbar macht, während ja dieselbe Ansicht in Wirklichkeit kein Ausschnitt ist, sondern ungesonderter Teil eines großen Ganzen, das im Akt der Wahrnehmung überhaupt erst erschlossen, perspektiviert, geordnet und schließlich in Einzelansichten differenziert werden muss. Von daher mag sich auch die merkwürdige Tatsache erklären, dass Dingbeschreibungen oftmals anschaulicher sind als Fotografien.

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