2. Juni

Nach ein paar Tagen in Zürich (Zahnarzt, Fußpflege, Kino; Treffen mit Marco Baschera und Theo Leuthold; Besuch bei Freys, Besuch von Korns. Anhaltender Regen, anhaltende Migräne, schwacher Schlaf, kaum noch Träume) seit heute zurück im Jura – ein milder Vorsommer hat hier die Schafskälte abgelöst. Ich reinige den Gartenpavillon, richte ihn wieder zum Schreiben ein, deponiere meine aktuelle Lektüre: Autobiografisches, Intimistisches von Stendhal (Brulard, Egotismus, Reiseberichte) – herrlich ungeschlachte Prosa, grafomanische Ich- und Ruhmsucht, umsichtige, fast ängstliche Planung des literarischen Nachlebens in der Überzeugung, dass all sein Geschriebenes erst – frühstens – in hundert Jahren lesbar sein und adäquat eingeschätzt würde. Ähnlich der jüngere Zeitgenosse Cyprian Kamil Norwid, polnischer Dichter von Format, der grundsätzlich über zwei Generationen hinweg »für die Enkel« geschrieben hat, auch er überzeugt davon, dass er dann erst verstanden, anerkannt, gerühmt werden würde. Ebenso rücksichtslos hat Marina Zwetajewa, von der ich hier einen Band mit Tagebuch- und Erinnerungsnotizen bereitlege, über ihre Epoche hinweggedichtet in der hochgemuten Erwartung, nach ihrem Tod erst eigentlich zu produktiver Wirkung zu kommen. Hoffnungen, Erwartungen dieser Art waren im 19., 20. Jahrhundert durchaus noch realistisch, haben sich auch – ich denke außerdem an Emily Dickinson, Gerard Manley Hopkins, Andrej Platonow, Robert Musil – tatsächlich erfüllt. Heute ist in dieser Hinsicht kein Verlass mehr auf die Zukunft; die Nachgeborenen werden nicht besser lesen als die Heutigen, sie werden Literarisches womöglich gar nicht mehr lesen mögen oder es überhaupt verlernt haben. Was an starker Dichtung heute nicht verstanden, nicht akzeptiert wird, wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch in fernerer Zukunft nichts gelten. Eher ließe sie sich – im Konditional – an die Vergangenheit anschließen, an jene auch schon ziemlich fernen Zeiten, als Literatur noch mitgelesen wurde von Kritikern wie Alain, Benjamin, Curtius, Jakobson, Palinurus, Tynjanow. Vielleicht darf man wenigstens vermuten, dass das, was in literarischem Zusammenhang noch Zukunft hat, die Vergangenheit ist. – Unerwarteter … unangemeldeter Besuch von Krys; sie kommt – zu Fuß aus Croy – gegen Mittag hier an, trägt noch die Kopfhörer, über die sie sich im Zug ein E-Book von Eric-Emmanuel Schmitt angehört hat. Nun lupft sie, noch auf der Schwelle, den Kopfhörer aus dem verwehten Haar und läuft an mir vorbei gleich in die Küche: »Hunger! Wenn du wüsstest – so ein Hunger! Lass uns gleich etwas in die Pfanne hauen. Du hast doch eingekauft? Hast du doch!« Also gibt’s, wie es zwischen ihr und mir üblich geworden ist, Spagetti, dazu einen Paprikasugo, einen Rotwein von der Côte nebenan. Beim Hantieren am Herd erklärt sie mir fast frohlockend, dass all diese Bücher (sie zeigt auf das Bibliotheksregal neben dem Küchenfenster) nun eigentlich überflüssig seien, bloß noch eine Last, die »außer dem Staub niemanden mehr anzieht«; auch die Zeitungen solle ich doch endlich abbestellen, das sei doch kein Interesse mehr, das sei doch alles nur noch Schnee von gestern. Mir ist der Schnee von gestern lieber als der Shit von heute. Weiß auf Schwarz. – Wer spricht, so erfährt man’s aus mystischer Lehre, bricht mit sich selbst und der Welt; von daher die Fülle der Leere. – Weiter mit Krys. Die Zukunft, meint sie, gehört schon längst den Immaterialien. Usf. Beispiele dazu. Usf. Folgt ein schlichter Lunch am Küchentisch, die Fenster stehen offen, Gezwitscher, Blätterrauschen, die Plauderstimmen vereinzelter Passanten wehen herein. Krys beendet ihren Abgesang auf das Buch und verkündet die Absicht, ihre Hausbibliothek zusammen mit den Regalen abholen zu lassen vom Brockenhaus der Heilsarmee, sobald sie zurück in Zürich sei. »Dann hab ich endlich Platz für meine Theater- und Filmplakate, und irgendwann brauch ich wohl auch einen Großbildschirm an der Wand, um mir die DVDs von Grüber und Andersson und Brook und Zadek anzusehen. Nicht?« Doch dann erklärt sie mir ungefragt und übergangslos: »Jede Frau kann ihren Traummann haben, sie muss ihn sich nur einfach zurechthauen. Verstehst du! Michelangelo, Giacometti – wie viel mussten sie wegmachen und fallen lassen von ihrem Material, bis das Werk fertig und vollkommen war … als Rest ein Ganzes! Das Ganze ist ja doch nur ein Rest von etwas noch Größerem, Fernerem. Aber du? Nichts zu machen! Du bist nicht von dir abzubringen. Bei dir funktioniert die Methode … bei dir funktioniert alles nicht. Dich kann ich behauen, solang und soviel ich will, du bleibst ein … ein erratischer Block.« Also: »Mit dir ist nichts anzufangen. Mit dir kann man nur Schluss machen. Aber da ich nun mal da bin, kann ich auch bleiben.« – Aber ach! Wo von Paarigkeit, von Doppelgängerei, von Symmetrie und Parallelität die Rede ist, ist eigentlich immer von allem die Rede, immer auch vom Gegensätzlichen … auch vom Grundsätzlichen, von dem her und auf das hin gelebt, geliebt wird. Der esoterischen oder mystischen, der barocken oder romantischen Auffassung von der Einheit der Welt (der Welten) steht der analytische, durch Teilung Ordnung schaffende Vernunftgedanke des Dualismus entgegen, der – oft als Versuch, materialistisches und idealistisches Denken zu verschränken – von zwei gleichberechtigten Substanzen oder Prinzipien ausgeht und mit Gegensatzpaaren wie Materie und/oder Bewusstsein, Körper und/oder Geist, Leib und/oder Seele, Stoff und/oder Form operiert, ein Verfahren, das in naturgegebenen Dualismen (Leben/Tod, Erde/Himmel, Unten/Oben, Nah/Fern, Tag/Nacht, Feuer/Wasser, Fest/Flüssig usf.) oder Begriffspaaren wie Ich/Du, Eigen/Fremd, Sein/Schein, Wahr/Falsch seine Entsprechung … seine Bekräftigung findet. Nach pythagoräischer Auffassung gibt es zehn sogenannte Urformen, die als Gegensatzpaare aufeinander bezogen sind: Begrenztes und Unbegrenztes, Gerades und Ungerades, Eines und Vieles, Rechtes und Linkes, Männliches und Weibliches, Ruhendes und Bewegtes, Gerades und Gebogenes, Licht und Dunkel, Gutes und Böses, Rationales und Irrationales. Ich füge hinzu: und so fort. – Auch als Patient bin ich inzwischen ein Veteran, acht Jahre Krebs und Krebsbehandlung mit dem erfreulichen Fazit des Überlebens … mit der weniger erfreulichen Erfahrung, dass man immer auch den Ärzten zum Trotz überlebt – mehr Fehlleistungen als in meinem Fall (Fehldiagnosen, Operationsfehler, Überbestrahlung, Unterdosierung der Chemotherapien usf.) sind eigentlich unvorstellbar; unvorstellbar jedenfalls, dass man als Patient … dass ich als Betroffener so viele und so gravierende Fehlleistungen überlebt, wenn auch mit dauernden Therapieschäden abgegolten habe. Ernüchternd auch die Einsicht, dass sämtliche alternativen Heilmethoden bei mir wirkungslos geblieben oder kontraproduktiv geworden sind – Homöopathie, Feldenkrais, Yoga, Chromotherapie, traditionelle chinesische Medizin in diversen Varianten usf. Herb nicht zuletzt die Erfahrung, dass es unter Ärzten keinerlei Fehlerkultur, dafür umso mehr wechselseitige Fehlertoleranz gibt – kein an mir begangener Fehler wurde je zu Protokoll genommen, nie hat sich jemand für eine Fehlleistung entschuldigt, nie wurde aus Fehlern irgendeine Konsequenz gezogen. Der Arztfehler gilt weiterhin als »Kunstfehler« und bleibt als solcher in aller Regel ungeahndet. – Nicht zuletzt in sprachlichen (morphologischen, grammatischen, syntaktischen) Strukturbildungen, vor allem jedoch – besonders deutlich – in rhetorischen Figuren und poetischen Konstrukten stellen sich Paarbildungen als Antinomien dar, und dies wiederum in Form von dualen Gegensätzen und/oder dualen Übereinstimmungen. In der Alltagssprache sind solche Paarbildungen nach Ungleichheit/Gleichheit in Redewendungen wie »entweder … oder« beziehungsweise »sowohl … als auch« aufgehoben. Paarigkeit, ob gleichartig oder gegensätzlich, ist das dominierende Strukturprinzip nicht nur der meisten Textsorten und Schreibweisen, sondern auch der meisten … der unterschiedlichsten rhetorischen und dichterischen Formbildungen. Nach dem paarigen Prinzip der Symmetrie oder der Parallelität werden Paraphrasen, Parodien, Plagiate, Resümees, auch Übersetzungen angefertigt. In der Rhetorik und Stilistik tritt die Doppelung als Reduplikation oder als Iteration auf; dazu kommen die Tautologie, der Pleonasmus, die Metapher, der Chiasmus, die Anapher, die Paronomasie. Zu den spezifisch poetischen Paarbildungen gehören nebst dem Reim und der strophischen Parallelisierung gleichartiger Verse auch etwa (als ungleiche Paarung) das Distichon oder der sechshebige, symmetrisch in zwei Halbverse geteilte Alexandriner. Paarig konzipiert sind außerdem das Synonym (zwei unterschiedliche Wörter für jeweils eine Bedeutung), das Homophon (Gleichklang – auch über die Wortgrenze hinaus – bei ungleicher Bedeutung), das Homonym (Lautgleichheit bei unterschiedlicher Wortbedeutung), das Pseudonym (ein Kunstname als Ersatz oder Maske für den eigentlichen Namen), das Anagramm (ein Wort, ein Satzgebilde, das durch die Permutation seines Letternbestands in ein anderes Wort, einen andern Satz verwandelt wird). Usf. Wären also Poetik und Rhetorik von physikalischen … von mechanischen Prinzipien bestimmt und lägen in der Natur der Dinge?

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