20. Juli

Schwierigkeiten mit dem Schreiben – mangelnde Konzentration meinerseits, mangelnde Motivation von außen; weiter mit Lew Schestow, der mich zur Zeit nur mäßig überzeugt – den Text über Puschkin, zur Hälfte bereits übersetzt, lasse ich fallen wegen klischeehafter Phrasendrescherei und philosophischer Unbedarftheit. Die Umständlichkeiten und Wiederholungen in Schestows Texten rühren wohl auch daher, dass die russische philosophische Terminologie gegenüber der griechischen oder deutschen weit weniger klar ist und selbst bei Kernbegriffen wie Sein/Dasein, Verstand/Vernunft, Erinnern/Vergessen bisweilen ambivalent bleibt. Von daher wird Schestow in deutscher oder französischer Übersetzung vermutlich besser lesbar und leichter verständlich sein als im Original. Man müsste … ich sollte darauf hin die Übersetzung von Schestows ›Das Gute in der Lehre des Grafen Tolstoj und Friedrich Nietzsches‹ prüfen, die Georges Bataille 1925 anhand einer Rohfassung von Tatiana Chestov redigiert hat: Inwieweit hat Bataille den Schestowschen Text verbessert, präzisiert, gekürzt, um ihn für französische Leser akzeptabel zu machen? – Für den Rest des Tags: Nochmals Schestow (übersetzen), später dann Schopenhauer (weiterlesen) und schließlich – schlaflos warten (auf nichts … auf nichts Bestimmtes … aufs Vergessen). – Bei der Vernissage in City Nord werde ich von Suzy Kullikowa mit einer jungen Frau bekannt gemacht, slawische Anmutung, stark gebaut, rundes Gesicht, graublond, helle Haut und helle Augen; sie trägt eng am Leib ein Baby bei sich, schräg hinter ihr steht ein schmächtiger, leicht verwahrloster Mann, Künstler aus NY, der offenbar ihr Freund und der Kindsvater ist. Nach der Vernissage lädt mich die Frau mit ein paar andern Leuten zu sich nach Hause ein. Es ist eine sehr einfache, billige, absolut beliebige Bleibe, kaum eingerichtet, dunkel und verwinkelt, mit viel bemaltem Holz (Täfelung, Türen). Ich rede mit dem Künstlertypen, der sich als freundlicher Gesprächspartner erweist, aber auch als Patient – er ist schwer krebskrank, möchte nun aber unbedingt mit mir zusammen noch ein Buch machen. Wir reden über das Projekt, dabei stellt sich heraus, dass wir beide zum einstigen Freundeskreis um Andrew Thomkins gehören, uns aber aus irgendwelchen Gründen nie getroffen haben. Die Frau reicht mir das Baby, das sofort in ganzen Sätzen zu plaudern beginnt und in meinen Armen zusehends zu einem hübschen Mädchen heranwächst, bis ich sie nicht mehr halten kann, sie auf einen Sessel setzen muss. Bald wird die Mutter der Kleinen Witwe sein, Geld hat sie keins, nur dieses Kind und keinen Beruf und dazu die Erinnerung an den sympathischen Mann dort drüben. Ich muss nun also überlegen, ob ich mit dem Sterbenden ein gemeinsames Buch oder mit seiner Frau … oder mit der Tochter der beiden ein gemeinsames Leben beginnen soll. – Bisweilen hält man mir vor, mit schreibenden Kollegen nicht solidarisch … nicht solidarisch genug zu sein. Wie das? Es geht darum, dass ich mir hin und wieder kritische Anmerkungen oder gar eine kritische Rezension zu Texten befreundeter Autoren erlaube. Natürlich ist mir klar, dass solche Verlautbarungen als unkorrekt gelten und … aber ich kann damit leben, dass ich dafür gerügt werde. Worum geht’s? Es geht, wo von Literatur als Kunst die Rede ist, um die schlichte Differenzierung zwischen Leben und Werk … zwischen Autor und Text, mithin um eine elementare Prämisse kritischer Rede überhaupt. Ich nehme, im Interesse der Sache, für mich in Anspruch, dem Freund, der Kollegin meine Lesart zumuten zu dürfen, ohne in den Verdacht zu geraten, statt zum Text zur Person zu sprechen. Meine Solidarität bezeuge ich allein schon dadurch, dass ich die Bücher befreundeter Autoren lese, und wenn ich sie – mit objektiven Kriterien und Argumenten – auch noch bespreche, kann das ja nur bedeuten, dass ich die Texte ernst nehme, was aber in meinem Verständnis nicht heißen kann, dass ich sie aus persönlichen Rücksichten auch dann wertschätzen muss, wenn ich sie für misslungen halte. Gefälligkeitsbesprechungen sind mir ebenso zuwider wie eklatante Verrisse, mit denen offensichtlich private Zerwürfnisse erledigt werden. Was vorgeht, ist die Sachlichkeit der Analyse, die das allenfalls kritische Fazit plausibel macht. Das gilt, versteht sich, für Freunde und Kolleginnen ebenso wie für fremde oder gegnerische Autoren. Manch einen schreibenden Kollegen habe ich als mir völlig fremd, wenn nicht antipathisch kennengelernt, aber sollte ich deshalb wider besseres Wissen und Lesen die Qualitäten ihrer Texte relativieren? Andern wiederum war oder bin ich in Sympathie verbunden, lasse mich dadurch aber als Kritiker nicht immunisieren und behalte mir das selbstverständliche Recht vor, nein, mache es mir zur Pflicht, ihr Werk unabhängig von ihrer Person zu betrachten und, falls es sich aufdrängt, kritisch zur Diskussion zu stellen. Kompetente, objektiv fundierte Kritik muss in jedem Fall zumutbar sein, kann nicht als mangelnde Solidarität moniert werden, sondern ist im Gegenteil Ausdruck kollegialen Respekts. Merkwürdig nur, dass dieser Respekt im deutschen Sprachraum … im Raum der deutschsprachigen Literatur keine Tradition hat, sondern immer noch mehrheitlich als Denunziation verkannt wird. Die Russen sind in dieser Hinsicht weit großzügiger und viel weniger nachtragend – Fjodor Dostojewskij hat Iwan Turgenew verachtet, wenn nicht gehasst, was ihn keineswegs daran hinderte, seine Erzählkunst öffentlich zu rühmen; Ossip Mandelstam hat seine Dichterfreundinnen Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa herb rezensieren können, ohne dadurch die Freundschaft zu gefährden; auch Warlam Schalamow war ein unbestechlicher Leser, der bei vertrauten Kollegen und mächtigen Gegnern denselben kritischen Maßstab anzulegen pflegte – bis er zuletzt, von diesen wie jenen gleichermaßen gemieden, allein dastand; seine Unerbittlichkeit im Interesse der Sache (der Literatur) hat ihn in den Augen der andern zum Unmenschen gemacht. – Liegt’s an mir oder an ihm? Wenn ich Arthur Schopenhauer lese (weiter nun in den ›Senilia‹), glaube ich mit einem Zeitgenossen und Gedankenpartner zugange zu sein. Meine Welt- und Menschenskepsis findet bei ihm eine Korrespondenz, wenn nicht Bestätigung; sich »für so gut wie alles« interessieren zu können, ist eine gemeinsame Qualität – bis hinunter zum einzelnen Buchstaben analysiert Schopenhauer die Sprachverluderung seiner Zeit, bis hinunter zum einzelnen Atom den Bau der Welt; seine beißende Kritik am Literatur- und Universitätsbetrieb, an Opportunisten, Populisten, Karrieristen ist von ungebrochener Aktualität und Frische. Bin freilich erstaunt, dass schon zu Schopenhauers Zeiten der kulturelle und menschliche Niedergang so beklagenswert gewesen sein soll. – Nachdem ich unlängst in einem Gedenkblatt für Ferdinand de Saussure die Sprache als anonymes Gesamtkunstwerk charakterisiert habe, lese ich nun bei Schopenhauer, »das bewunderungswürdigste der Kunstwerke« sei »die Grammatik der Sprache« – man setze die Sprache in den Plural, und das Gesamtkunstwerk wird noch bewundernswürdiger. – »Da die Werke des Genies«, so heißt es epochengerecht bei Schopenhauer, »meistens erst spät anerkannt werden, so werden sie selten von ihren Zeitgenossen und daher mit der Frische des Kolorits, welche die Gleichzeitigkeit und Gegenwart verleiht, genossen, sondern, gleich den Feigen und Datteln, viel mehr im trockenen, als im frischen Zustande.« Gut intoniert! Wiewohl der faule Vergleich von Kunstwerken und Esswaren nachgerade obsolet ist, könnte man den Schopenhauerschen Optimismus tröstlich finden. Doch er funktioniert nicht mehr. Die neuen Medien haben den Rezeptionsraum der Künste, zu dem immer auch die Zukunftsdimension gehörte, so weit zum Schwinden gebracht, dass nur noch die laufende Saison, der aktuelle Spaß- und Gewinnmoment, bestenfalls »Schopenhauer für Minuten« von Interesse sind. Dass »allemal das Gute und Aechte am Ende doch erkannt wird«, wie Arthur Schopenhauer hoffen durfte, diese Gerechtigkeit – oder Richtigstellung – bringt die »Zeit« definitiv nicht mehr. – Umfrage via Internet bei homo- und heterosexuellen Männern und Frauen über Liebes- und andere Lebensbedürfnisse; Ergebnis: Die einen wie die andern antworten mehrheitlich gleich – sie fordern vor allem Treue, wollen, dass sich der Partner, die Partnerin öffentlich zur Beziehung bekennt, bei gemeinsamen Auftritten, in gemeinsamen Ferien, bei wiederkehrenden kalendarischen Ereignissen; man erwartet Geschenke, wenn solche angesagt sind, etwa bei Geburtstagen, zu Ostern, zum Valentinstag usf.). Bei fast allen, auch bei den Gleichgeschlechtlichen, gehört das Kind … gehören Kinder auf den Wunschzettel. Heirat, Adoption, Steuergleichheit und überhaupt – sehr viele Gleichheiten sind ja nun durchgesetzt und werden allmählich zur gesellschaftlichen Norm. Was wird denn aber aus den Differenzen? Differenzen werden – in allen Lebensbereichen – eine um die andre bereinigt zu Gunsten der Anpassung von Minderheiten an bereits bestehende mehrheitliche Verhaltensweisen und Wertvorstellungen. Anpassung, Gleichstellung als Gewinn! Man läuft zu den Mehrheiten über, erkämpft sich die Mehrheitsrechte, spricht von Fortschritt, wenn nicht von Triumph. Ich meinerseits kann da, wo menschliche Eigenheiten und zwischenmenschliche Unterschiede verloren gehen … generell da, wo Differenzen verloren gegeben werden, nur Kapitulation, nicht Sieg und Gewinn erkennen. Auch die Europäische Union ist in solchem Verständnis ein Kapitulationsunternehmen, das transnationale Nivellierung und Vereinheitlichung zu Ungunsten nationaler und regionaler Besonderheiten konsequent betreibt. Wenn der EU-Präsident oder der deutsche Außenminister englisch spricht, ist deutlich genug zu erkennen, welche Nivellierung die Vereinheitlichung – in diesem Fall die sprachliche – mit sich bringt. Gleichzeitig bemüht man sich, nebenbei notiert, auf höchster politischer Ebene – gegenläufig – um die Arterhaltung in der Tier- und Pflanzenwelt. – Millionen von Kindern in Afrika und Asien droht akut der Hungertod; das einzige Interesse der Natur besteht, jenseits aller Moral, darin, Leben fortzuzeugen – sterbend vermehren sich die Unterernährten, und keiner, weder sie selbst noch die Natur, kümmert sich ums Überleben. In Somalia wird seit Jahren streng gehungert, dennoch hat jede Frau fast jedes Jahr ein Kind. In Tschernobyl und Umgebung weiß jeder, dass es nachwirkende Verstrahlungen gibt und wer davon betroffen ist; dennoch wird unentwegt weitergezeugt, weitergeboren, Kinder kommen zu Hunderten mit Missbildungen zur Welt und müssen nun mit praktischer und finanzieller Hilfe aus dem Ausland behandelt, operiert, gepflegt werden. Welcher Sinn residiert über … hinter der Natur? – Seit Tagen bekomme ich hier alle Schattierungen von Grau (mit Regen und herbstlichen Temperaturen) vorgeführt, selbst die Wettermoderatoren und die Kolumnisten stöhnen über diesen dürftigen Sommer, der von der angeblichen Erderwärmung nichts, aber auch gar nichts spüren lässt … der sie eigentlich doch dementiert. Vermutlich … sicherlich gehöre ich zu den Wenigen, die diese frische Witterung genießen; ich atme gut, ich schlafe gut, die Migräne hält sich geduckt, die Konzentration fällt leichter als bei der sonst üblichen Hochsommerhitze. – Vermischte Meldungen von heute: In NY ermordet und zerstückelt ein orthodoxer Jude einen achtjährigen Jungen; in einem texanischen Gefängnis wird illegal eine Hinrichtung gefilmt, der Film auf Youtube gestellt; in Dänemark bringt ein Dreizehnjähriger einen Gleichaltrigen um, weil er dessen »Mädchen haben will«; Folter, Vergewaltigung, Mord an der Tagesordnung in Libyen, Syrien, Russland. Dazu kommen diverse Natur- und Unfallkatastrophen, aber auch – allein den Menschen zuzuschreiben und anzulasten – gigantische Fehlleistungen der Politik, der Wirtschaft, der Justiz, der Medizin, der Pädagogik. Und – aber – ich? Ein Problem für sich! Für mich? Nicht wieder gut zu machen. – Ich habe seit Jahren nicht mehr so gelacht wie gestern (nach all den Horrormeldungen) im TV bei der Retrospektive von Filmausschnitten der versteckten Kamera – rätselhaft, wodurch genau das unbezwingbare Tränenlachen ausgelöst wird. Ist es die Unbedarftheit, mit der auf schlichte Normbrüche reagiert wird? Die Bloßstellung von Normalverbrauchern? Und also: Schadenfreude? Die Ahnungslosigkeit der Betroffenen, die nicht realisieren, dass mit ihnen ein Spiel gespielt wird auf der Bühne der Alltagswirklichkeit? Vor allem die Ahnungslosigkeit aber, dass sie in dem Spiel, von dem sie nichts wissen, die Hauptrolle verkörpern, und dies auf dem Boden der Wirklichkeit. Die Einsicht, dass der Ahnungslose auch ich hätte gewesen sein können!

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