20. März

Fukushima hat Bengasi aus den Schlagzeilen verdrängt. Hier wie dort gibt es Tausende von Opfern – verschüttet, hingemetzelt, verstrahlt, verbrannt, erstickt, erschossen; zwei Schauplätze, ein Zerstörungswerk. Der Mensch kann’s genau so gut wie die Natur. Die Natur ist genau so ungerecht wie der Mensch, und beide bleiben zuletzt ungerächt. Was heißt zuletzt? – Im TV kommt Alfred Hitchcocks ›Psycho‹ in restaurierter Fassung. Ich sehe den Film erstmals wieder nach Jahrzehnten, bin erstaunt über die vielen dramaturgischen Schwächen und Fehler, die mir früher offenbar entgangen sind. Gerade die Schlüsselszenen des sonst gut gebauten Plots sind äußerst fragwürdig: Niemand schmeißt 40 000 US$ auf den Tisch und lässt das Geld dort liegen, ohne sich dafür eine Quittung geben zu lassen. Niemand überließe gefundenes Geld (ohne nachzuzählen!) einer Stenotypistin, die es in ihrer Handtasche zur Bank bringen soll. Niemand kann einen Fahrzeugwechsel (Eintausch und Neuerwerbung eines Gebrauchtwagens) innerhalb von zehn Minuten bewerkstelligen, ohne Ausweise vorzulegen und neue Papiere zu behändigen. Ganz und gar unmöglich ist’s, dass der Mörder, der vom Geldbesitz seines Opfers nichts hat wissen können – er wirft die Zeitung mit den eingewickelten Scheinen ins Auto, bevor er es im Teich versenkt – am Schluss gesteht, er habe das Bündel mit Absicht im Kofferraum gelassen, um es mit dem Auto zu versenken. Als schwach empfinde ich nun auch den Schluss des Films mit der explikativen Rede des Gerichtspsychiaters, der alles noch einmal weitschweifig erklärt, was der Zuschauer längst begriffen hat. Ein Klassiker der Filmkunst! Übersieht man deshalb seine Ungereimtheiten? – Immer wieder muss Lew Tolstoj rechtgegeben werden, der einst notierte, dass Ruhm und Ehre und Kanonisierung in vielen Fällen auf bloßer Behauptung beruhen, oft auch nur auf Gerüchten, Vorurteilen, Gefälligkeiten, Verallgemeinerungen, und dass Kritik wie Publikum nur einfach zu träg seien, dies zu überprüfen oder gar richtigzustellen. – Nachdem nun wirklich alle Stufungen von Grau abgeschritten sind, wird dieser Sonntag unerwartet zum Sonnentag – der kalte schlierige Dunst verzieht sich im Lauf des Vormittags allmählich nach oben, bis über der Horizontbeuge von Envy jäh das gebündelte Licht hervorschießt und die verhockten Dinge aus dem Schattendasein fräst: Da ragen nun in greller Ausleuchtung Hecken, Bäume, Zäune, Dachschrägen, Kamine, Telefonmasten und verwunderte Gaffer im desolaten, von einem langen Winter durchgewalkten Gelände. Gegen Mittag hole ich in Yverdon Krys vom Zug ab, zuvor drehe ich noch eine großzügige Runde durch den Wald. – Vortrag/Lesung zur Erinnerung an Undine Gruenter im Hotel Au Théâtre. Andrea Koehler liest radebrechend einen gediegenen Essay vor, gibt zwischendurch private Reminiszenzen und kurze Textauszüge zum Besten, bleibt dabei aber merklich distanziert, verharrt in schöngeistiger Pose, auch wenn sie immer wieder auf weibliche Wirgefühle abhebt. Meine eigene Erinnerung an die Gruenter, die ich vor allem als Autorin eines poetologischen Journals schätzen gelernt habe, führt mich über viele Jahre zurück nach Schwalenberg in Ostwestfalen … zurück an einen Frühstückstisch im dortigen Schlosshotel. Sie saß, über ihr Journal gebeugt, allein im Saal, unter ihrem Stuhl röchelte und rülpste ein dicker Mops. Auf die Frage, ob ich mich zu ihr setzen dürfe, antwortete sie ohne den Kopf zu heben: »Aber gleich wird der Professor da sein.« Mit dem Professor war ihr Mann gemeint, der tatsächlich wenig später, angetan mit einer Art Soutane und schwarzem Schlapphut, dazukam. Ein Gespräch fand nicht statt, weder zwischen mir und ihr, noch zwischen ihr und ihm. Der Professor – er stellte sich als Bohrer vor – hatte einen Packen Zeitungen dabei, den er mit seiner linken Faust beschwerte, derweil er rechtshändig die Tasse unterm Kinn hielt und mit ziemlich leerem Blick auf das gewaltige, bis zum Horizont sich erstreckende Schlachtfeld hinabsah. Die Gruenter, ebenso schweigsam, trug ein hochgeschlossenes, fein gemustertes, sackartig bis auf die Wanderschuhe fallendes Kleid, das ihren Körper unkenntlich machte, ihn selbst beim Sitzen zu umwallen schien. Ein unergiebiges Frühstück. Ich verabschiedete mich bald zu einem Morgenspaziergang. Am Abend saß ich bei der Lesung von Thomas Kling (oder Gennadij Ajgi?) wieder neben ihr, diesmal eher ungewollt und ziemlich irritiert von dem Hund, der zwischen ihren Füssen hüstelte und immer schwerer schnaufte, bis er plötzlich einschlief. Die Trivialität der Begegnung ändert nichts an meiner Wertschätzung für die Autorin, der ich in Undine Gruenters Büchern gerne begegne.

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