21. Juli

Ich lese – als Kontrastprogramm zu Schestow – Briefe von Ludwig Wittgenstein an Freunde, Kollegen, Verwandte; hier sind Kürze, Präzision, Vielseitigkeit, Lebensnähe, Aufrichtigkeit dominant, dies in Verbindung mit zumeist sympathischer, manchmal auch irritierender Spontaneität. – In diesem schlichten fensterlosen Vereinslokal soll heute Abend meine Lesung stattfinden! Ich bin einer von vier oder fünf Preisträgern, Martin Zingg erklärt mir den Ablauf der von ihm geplanten und geleiteten Veranstaltung. Ich muss also rasch nach Hause, um mich vorzubereiten, die Texte zu behändigen, mich umzuziehen. In meiner Wohngemeinschaft herrscht ein hastiges Kommen und Gehen, alle Türen stehn offen, man ruft sich zu und schreit sich an. An einem Türpfosten lehnt die Delterme, in meinem Zimmer streitet sich eine Dunkelhaarige mit einem schmächtigen Südostasiaten (oder Südfranzosen?); auf dem schmalen Sims unterm Spiegel liegen winzige Gegenstände ohne erkennbare Funktion, daneben Flacons, ebenfalls en miniature. Ich geh hinüber ins Nebenzimmer, wo sich mein Schrank befindet, suche vorab noch das Badezimmer auf, aus der Kloschüssel rauscht mir ein Abwasserschwall entgegen, also muss ich nun auch noch mit Schwamm und Lappen die Überschwemmung bereinigen. Die Zeit läuft, ich habe noch nicht mal meinen Text für die Lesung ausgewählt; suche nun aber erst mal in meinem Kleiderschrank nach Hemd und Krawatte, bin unschlüssig, was ich anziehen soll – ein enges Hemd mit Metalldruckknöpfen und Stehkragen oder ein Polohemd aus Leinen, doch was für eine Jacke dazu? Ich wähle die gestreifte Hose und den weißen Leinenkittel, muss mich nun schon heftig beeilen, presche mit dem Wagen ziemlich dreist durch den dichten Straßenverkehr hinunter zum Hafen. Am Kai erkenne ich ein älteres elegantes Paar (Irina und James Grauen), das mir nun kopfschüttelnd dabei zusieht, wie ich mit meinem dreirädrigen Amphibienscooter über den Randstein ins Wasser fahre und mich fast lautlos und fast ohne Tiefgang durch die krausen Wellen voranbewege. Auf halbem Weg erreiche ich eine kleine Insel mit italienischer oder liberianischer Flagge. Ich gehe an Land, finde ein altes sympathisches Städtchen vor, mache Halt bei einer Kaffeebar und bekomme in diesem Augenblick einen Anruf aufs Smartphone – eine warme Frauenstimme warnt mich … rügt mich, mein Fahrzeug verbrauche viel zu viel Sprit, ich solle unbedingt den Tankinhalt kontrollieren, bevor ich wieder in See steche. Tatsächlich steht der Zeiger fast auf Null, obwohl ich doch gar nicht weit gefahren bin und kurz vorm Start vollgetankt hatte. Also muss ich nun hier auf der Insel nachtanken, was ziemlich aussichtslos zu sein scheint, denn weit und breit gibt es keine Zapfstelle. Die Barkeeperin, eine große braune Frau mittleren Alters mit fülligem Schwarzhaar, versteht mein Problem nicht, sie spricht weder Englisch noch Französisch, will mir aber offenkundig behilflich sein, weist auf das gegenüberliegende Haus, hebt ihre rechte Hand mit dem Fingerzeichen für »Telefon« ans Ohr. Doch drüben ist niemand, ich resigniere … fast bin ich erleichtert, dass die Lesung nun ohne mich stattfinden wird und mein Preis umstandslos verfällt. – Die Gottesanbeterin erlegt nach der Begattung ihr Männchen. Welche Folgen hätte dieses Verhalten beim Menschen in Bezug auf Liebe, Sex, Ehe, Familie? Vermutlich bliebe nichts davon übrig. Sex unter Todesdrohung? Da müsste die Natur heftig nachhelfen und mit ihr – die Frau. – Nochmals Wittgensteins Briefe; auffallend ist das Mit- und Nebeneinander von Witz, Aggressivität, Zerknirschung, Selbstsicherheit, Resignation, Korrektheit, Gottvertrauen, Intoleranz, Großzügigkeit, Bescheidenheit usf. Hier artikuliert sich eine ungewöhnliche, streitbare Persönlichkeit mit ebenso viel analytischer wie religiöser Kraft – kompromissloses Denken und romantisches Empfinden; schwacher literarischer und künstlerischer Geschmack bei gleichzeitiger Prägung durch den funktionalen Modernismus (vgl. W.’s eigene Architektur); starke Familienbindung; kaum Interesse für Politisches, nur kurze Beunruhigung beim Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland, im übrigen aber keinerlei Erwähnung des nachfolgenden Kriegsgeschehens. Für mich eine erfrischende, aber unergiebige Lektüre. Bei all seinen befremdlichen Exzentrizitäten scheint Wittgenstein es geschafft zu haben, ein Mensch wie du und ich zu sein … ein Mensch in seinem Widerspruch. – Dass ein Philosoph vom Rang Edmund Husserls, ein Literat vom Rang Georges Batailles sich für Lew Schestows Schriften interessieren konnten, bleibt mir – auch nachdem ich nun ein paar hundert Seiten dieser Schriften übersetzt habe – ein Rätsel; ich vermute aber, es hat mit seiner Rücksichtslosigkeit und seiner Radikalität zu tun, seiner souveränen Missachtung aller philosophischen (begrifflichen wie logischen) Korrektheit, seinem mangelnden Respekt vor dem Kanon der großen Philosophien, seinem provokanten Beharren auf der Priorität literarischer Texte vor philosophischen Systemen usf. Darüber sollte man nicht vergessen … dabei wäre einmal wieder an Wassilij Rosanow zu erinnern, der seinen Zeitgenossen Schestow an Radikalität und Rücksichtslosigkeit, vor allem aber an Brillanz bei weitem übertrifft. Rosanow kultiviert sein wildes und entsprechend widersprüchliches Denken mit höchstem Witz und höchster Kunst; seine stilistische Bravour ist unvergleichlich, seine Intelligenz umgreift zahllose Wissens- und Wahrnehmungsbereiche, sein Mut zur Dissidenz und zum Tabubruch und zur Selbstentblößung ist geradezu heroisch. Doch von seinem bislang rund dreißig Bände umfassenden Werk ist (im Unterschied zu Lew Schestow oder Nikolaj Berdjajew) nur ein sehr geringer Teil in deutscher Übersetzung greifbar. Als Grund für diese Missachtung ist Rosanows allzu oft bekundeter Antisemitismus anzunehmen und generell sein reaktionärer Obskurantismus, mit dem er sich schon zu Lebzeiten – auch in Russland – weithin suspekt gemacht hat. Diesen Belastungen zum Trotz – nicht durch Rechtfertigung, sondern durch erhellende Kritik – müsste Wassilij Rosanow endlich als einer der herausragenden (nicht allein philosophischen, auch literarischen) Autoren der russischen Moderne glaubhaft gemacht werden. Im Vergleich mit ihm sind Berdjajew und Schestow als Philosophen weit weniger komplett, dafür um so einflussreicher. – Weit draußen auf dem See am Ufer des flachen Eilands machen sich Jandl und die Mayröcker an einem großen Floß zu schaffen, sie belegen die zusammengebundenen Bretter und Balken mit einer dicken Schicht von knackigem stäubendem Stroh. Ich seh den beiden von der Bucht aus längere Zeit bei der Arbeit zu, amüsiere mich ein wenig über das Gehampel des Dichterpaars, bin nun aber doch frappiert, wie die beiden mit einem heftigen Ruck das Floß aufs Wasser setzen, indem sie’s einfach über die seeseitige Kante kippen, so dass das Stroh nun unten ist, also im Wasser, und unter den Brettern hervorquillt und sich in vielen Büscheln über die stille Oberfläche verbreitet. Langsam nähert sich das Floß dem Strand, Jandl liegt neben der Mayröcker bäuchlings auf den Planken und rudert dabei ein bisschen mit der ins Wasser hängenden linken Hand. Der Bootshafen ist sehr schmal, eine laienhaft mit Holzplatten verschlagene Anlage – das Floß wird hier sicherlich nicht einfahren können. Aber schon beginnen die Dichter ihre Planken zusammenzuklappen, derweil sie noch draufstehn, sie falten das Floss zu einem Einbaumboot und legen am Pier an. Ich mache ein paar Schritte in die andere Richtung und kann beobachten, wie auf der unbewegten Wasseroberfläche ein riesiger Schmetterling auf einem Stück Baumrinde sehr langsam vorüberzieht, er steht hoch aufgerichtet mit auffallend langen drahtigen Beinen auf dem Rindenstück und bewegt sich mit einem ebenso drahtigen Ruder, das er immer wieder bedächtig ins Wasser senkt, voran – bin besonders fasziniert von den Spiegelungen, die vielen Schmetterlingsbeine, das lange Ruder und dazu die Spiegelungen selbst überkreuzen sich gegenseitig, so dass ich nicht mehr wahrnehmen kann, was Bein, Ruder, Spiegelung ist. Das Ganze sieht aus wie eine feine, präzis ausgearbeitete Strichzeichnung. Ich sitze beim Eingang einer dunklen Verkaufsbude, in der die Kaufinteressenten dicht gedrängt auf Bänken nebeneinander kauern, die Regale sind gefüllt mit lauter schwarzen Helmen unterschiedlicher Größe, die hier als Schnäppchen zu haben sind. Der Verkäufer sitzt inmitten der Kunden und ist von diesen kaum zu unterscheiden. Klar ist, jeder muss sich ernsthaft bemühen, um an einen der Helme heranzukommen. Ich werde aber abgelenkt durch Frau Rulf und meinen Vater (der jetzt jünger ist als ich), beide legen mir irgendwelche administrativen Papiere zum Visieren vor, es sind Anträge, Prüfungsarbeiten, Abrechnungen usf. von Studierenden, doch es geht auch um die Frankatur von Postsendungen, und es geht darum, dass man mir ein Rückgeld erstatten will. Mein Vater zählt’s mir auf die Hand, es sind 25 Rappen. – Der Nachmittagsschlaf bringt mir (im Traum) den folgenden Satz – ich notiere, gleich nach dem Aufwachen, wörtlich: WIEVIEL MENSCH DAS ICH – HIER: DIESES RIESENLOCH! – BEI ALL DEM MIST NOCH FASSEN KANN? Genau so hab ich’s, grade eben, auf einem zerwalkten Laken geschrieben gesehn. – Aus einem katholischen Brüderheim in Niederösterreich berichtet ein ehemaliger Zögling, wie ihn in den 1970er Jahren der Priester zu sich geholt hat, um ihm mit dem Episkop aus einem Bildband über das KZ Mauthausen nackte ausgemergelte Häftlinge mit markanten Geschlechtsorganen zu zeigen und gleichzeitig vor ihm zu onanieren. Der Betroffene ist heute einundfünfzig Jahre alt und leidet darunter, jene Bilder nicht mehr vergessen zu können. Geschundene Todeskandidaten. Ein Priester, der sich zum Orgasmus wichst. Ein Junge – er selbst – der mit den Bildern nichts anfangen kann und dennoch lebenslang von ihnen verfolgt wird, als wollten sie von ihm verstanden werden. – Ich habe in den vergangenen zwei, drei Jahren Dutzende von Romanen klassischer und moderner Autoren erstmals oder wieder gelesen – insgesamt Tausende von Seiten; und … aber was davon bleibt im Gedächtnis? Kaum eine der Geschichten könnte ich korrekt nacherzählen, weiß nur, worum es ungefähr … worum es im Wesentlichen geht. Was ich mir genau merke, das ist die Machart der Texte – ich weiß, wie die jeweilige Story strukturell angelegt ist, wie die Sätze gebaut sind, was den Erzähl- beziehungsweise den Schreibstil des betreffenden Autors ausmacht usf. Diese Lektüreerfahrung verdeutlicht mir, wie sehr sich mein literarisches Interesse gewandelt hat – Inhalt, Stoff, Aussage der Texte nehme ich bloß noch nebenbei wahr, gewissermaßen als Träger der sprachlichen … der sprachkünstlerischen Substanz. Personalstil und Werkstruktur stehn im Vordergrund, sind für mich »spannender«, können mich mehr »faszinieren« als irgendwelche Intrigen oder das wie immer geartete Anliegen des Autors. Was ein Autor mir (und allen andern Lesern) sagen will, bleibt für mich hinter dem zurück, wie er’s tut … wie er direkte Rede und dichte Beschreibung einsetzt; was für Eigen- und Ortsnamen er verwendet; wie er seine Metaphern entfaltet; wie er die Erzähloptik justiert; wie er Lexik und Grammatik handhabt usf. Dieses eher technische Interesse kommt bei mir vermutlich von der Poesie her, die ich für die Königsdisziplin aller Literatur halte und die ich als solche auch zu praktizieren und (auf längst verlorenem Posten) durchzusetzen versuche. Noch etwas kommt dazu – die Tatsache, dass Plots und deren dramaturgische Anlage weit weniger variabel und vielfältig sind als die unzähligen operativen Kunstgriffe und deren Wirkungsweise in der Poesie. Dass eine solchermaßen auf Formalien gerichtete Lesart eine langjährige Leseerfahrung voraussetzt, ist klar; klar also auch, dass meine Kindheits- und Jugendlektüren von einem völlig andern, strikt gegenläufigen Interesse geprägt waren – allein der Plot, allein die fiktiven Gestalten und deren Abenteuer konnten mich damals begeistern: Mark Twains halbwüchsige Helden konnten tatsächlich ebenso zu meinen Freunden werden, wie Pierre Clostermanns Kriegspiloten oder Herb Earnies heroische Indianerhäuptlinge zeitweilig zu Vorbildern wurden. Manche dieser Geschichten könnte ich noch heute nacherzählen – wie die Autoren sie sprachlich instrumentiert haben, war mir damals egal, habe ich nicht beachtet und ist mir deshalb auch nicht erinnerlich. – Die Hitze hier ist so bedrückend, dass außer Lesen und Übersetzen nichts mehr geht. Ich bringe zur Zeit das Gefängnistagebuch des russisch-französischen Ethnologen Boris Vildé ins Deutsche (täglich knapp ein Dutzend Seiten), lese mit enormem Gewinn Karl Philipp Moritz (den mir einst mein germanistischer Lehrer Robert Minder am Collège de France unabweisbar nahegebracht hat) und arbeite mich mit wachsender Enttäuschung an Goethe ab (zum dritten Mal ›Die Wahlverwandtschaften‹, und noch immer kann ich mir die epochale Bedeutung und Nachwirkung dieses Buchs nicht erklären). Ob auch Missverständnisse zu »Klassikern« werden und in den »Kanon« eingehen können? Johann Wolfgang von Goethe würde m. E . dazugehören; kaum wage ich’s zu bekennen – selbst die beiden Faustdichtungen (kürzlich wiedergelesen) kommen mir über weite Strecken dröge vor, ›Wilhelm Meister‹, die Gespräche mit Eckermann sind von stupender Biederkeit. Bleiben für mich eigentlich nur ›Dichtung und Wahrheit‹, die ›Römischen Elegien‹, die Nachdichtungen des ›Westöstlichen Diwan‹, die geologischen Abhandlungen und einige Weg- und Landschaftsbeschreibungen aus den ›Reisen‹. Ich denke, ich könnte meine Präferenzen wie auch meine Vorbehalte durchaus objektiv begründen, bin mir aber sicher, dass gerade in diesem Fall … dass gerade bei Goethe auch die überzeugendste Argumentation als frecher Angriff auf den Kanon gewertet würde. – Und mehr noch zu Goethe: Ich bin erstaunt über die Verachtung, den Hass sogar, den bei ihm die Mathematiker und die Mathematik als solche abbekommen: »Mathematiker sind wunderliche Leute – wollen nichts anerkennen, als was in ihren Kreis passt.« – »Mathematiker sind eine Art Franzosen: redet man mit ihnen, so übersetzen sie es in ihre Sprache, und dann ist es alsobald ganz etwas anderes.« – »Mathematiker erklären alles für nichtig, für inexakt, für unzulänglich, was sich nicht dem Kalkül unterwerfen lässt.« Usf. Woher der Groll? Wozu die Pauschalisierung? Aussagen … Urteile dieser Art sind unglaubwürdig, weil sie ohne Weiteres erkennbar sind als Ausdruck persönlicher Ressentiments. Man weiß um Johann Wolfgang von Goethes Auseinandersetzungen mit Sir Isaac Newton, demgegenüber er seine eigenen einschlägigen Forschungen behaupten musste. Kommen von daher Häme und Neid? Will sich Goethe … muss sich der Autodidakt profilieren vor dem genialen Kontrahenten und dessen Zunft? – Der Filmschauspieler Alain Delon im TV-Interview – ein alter Mann mit dichtem Grauhaar und dickem schwabbeligem Hals; nur die hellen Augen, über denen er manchmal die Brauen kurz hochzieht, erinnern an die einstige Schönheit des Komödianten. Gezeigt werden im Gesprächsverlauf diverse Ausschnitte aus Delons Filmen (seinen eigenen Filmen, seinen Lieblingsfilmen), die er nun rückblickend kommentiert, sehr emotional, mit sehr viel Respekt vor seinen Partnern und Kollegen (Jean Gabin, Marlon Brando, Michel Simon, Romy Schneider, die Monroe, die Signoret u. a. m.). Einmal wischt er sich ein paar Tränen vom Lid – der Eindruck ist tatsächlich überwältigend: Ein intelligent und bescheiden wirkender Greis mit großer Vergangenheit, einst weltweit bewundert als Typ und als Mann (und aber wohl weniger als Talent), der sich konfrontiert sieht mit sich selbst in seiner hohen Zeit, der jeder seiner Regungen auf dem Bildschirm folgt und dabei den Text von damals leise mitspricht; er sei, sagt Delon, nie jemand gewesen, keine Person, sondern immer der, den er grade gespielt habe und … »aber die gibt’s alle nur noch auf Cellophan«. – Krys erscheint in ihrem andern Körper, sie trägt lockiges, blondgraues, ziemlich langes Haar, hat feine weiße, schon etwas gefältelte Haut, ihr schmaler Leib scheint im weiten durchscheinenden Kleid zu schweben. Wir sind beide, unabhängig voneinander, zu einer Poesieveranstaltung angereist, treffen uns hier nach langer Trennung zufällig wieder und versinken gleich ineinander … versinken so tief und so unwiderruflich ineinander, dass wir es uns nicht eingestehen wollen … dass wir uns wortlos wieder auseinander drehn. Wir trennen uns, verabschieden uns »so long« oder »see you«, um drüben wie üblich bei derartigen Anlässen die Lesungen, Vorträge, Büchertische zu absolvieren. Als wir uns erneut begegnen, ziehe ich sie umstandslos an mich, küsse sie auf den Hals, in die Schlüsselbeinmulde, sie biegt sich leicht zurück, signalisiert ihr Einverständnis. Dann wendet sie sich abrupt zwei kleinen Jungen und einem Mann zu, die unbewegt in der verschatteten Ecke des sonst lichtvollen Innenhofs auf sie zu warten scheinen, erkennbar nur als dreifältige Silhouette – weder Physiognomie noch Kleidung sind zu erkennen. Lebensgroße Schatten zum Durch- oder Nachblättern. Sind es Krys’ Kinder? Ist es ihr Mann? Sie redet kurz mit ihnen, bittet mich dann, ihr die letzten drei Titel aufzuschreiben, ich nenne ihr den Verlag, schreibe dann mit einer viel zu breiten Stahlfeder in kyrillischen Schriftzeichen AННA AХМATOВA auf einen Notizzettel, doch all dies ist nur Ablenkung, die Liebe nicht mehr abzuweisen. – Klangähnlichkeit oder klangliche Übereinstimmung bei Begriffen, die bedeutungsmäßig weit auseinander liegen, sind ein oftmals – in allen Sprachen – wiederkehrendes Phänomen, das zu Irritationen und Spekulationen gleichermaßen Anlass gibt. Georg Christoph Lichtenberg ist solchen Klangkorrespondenzen (und der Frage ihrer semantischen Relevanz) in seinen ›Sudelbüchern‹ verschiedentlich nachgegangen und hat gern mit Attraktoren experimentiert, wobei er auch zwischensprachliche »Anziehungen« notierte: »Ça ira, Ca-ira, Kahira Kairo …« usf. Noch heute wird ja Sprachkunst vielfach (namentlich dort, wo man sie als abgehoben und als schwer verständlich empfindet) mit Wortmagie assoziiert, mit einer Redeweise also, welche primär Wörter auf Wörter, und nicht Wörter auf Dinge bezieht; welche nicht mit Wörtern referiert und repräsentiert, sondern die Wörter als solche, in ihrer Laut- und Schriftgestalt, hervortreten lässt. Ich selbst operiere in manchen meiner Gedichte mit falschen Verwandten dieser Art, mit Begriffen, die auf Grund ihrer Lautgestalt zusammengehören, bedeutungsmäßig aber nichts miteinander zu schaffen haben. So kann »Naht« auch für »naht« (zu nahen), »wund der« für »Wunder«, »wahr« für »war« (zu sein) stehn oder jedenfalls implizit – durch klangliche Assoziation – darauf verweisen: »Geplatzte | Naht zwischen | Niete und Nut. Bleibt aber | wund der Punkt und | immer wahr der Klang.« In »Versprechern« mag ein Versprechen anklingen, in der »Sucht« eine Suche sich abzeichnen, und ein »Eiliger« kann sich unversehens als reger Heiliger, als leere Liege, gar als geiler Igel entpuppen. Das Wort wird so zum Ort, wo Bedeutungen sich kreuzen und neuer Sinn wie auch – gleichrangig – Unsinn aufkommt. Logische, chronologische und andere »Sachfehler« sind in solchen poetischen Zusammenhängen irrelevant … irrelevant also, dass – zum Beispiel – der philosophisch versierte Lyriker Boris Pasternak in einem starken Gedicht Schelling mit Schlegel (oder Schlegel mit Hegel?) verwechselt; denn es geht in der Poesie nicht um die Richtigkeit der Sachverhalte, vielmehr um die Richtigkeit des dichterischen Sprachgebrauchs … um die optimale Instrumentierung des Verses. Der in diesem Fall verwendete Name bezeichnet also nicht primär eine bestimmte Person, er bezeichnet eigentlich gar nichts oder allenfalls etwas Unbestimmtes, jedenfalls aber ist er, ohne über sich selbst hinauszuweisen auf diese oder jene Bedeutung, das, was geschrieben steht … das, was im Gedicht an der richtigen Stelle verlautet. »Kalt« hat dann, um noch ein Beispiel anzuführen, nicht mehr (primär) als Temperaturhinweis zu gelten, das Wort … das Eigenschaftswort muss vielmehr als ein exaktes Anagramm von »talk« erkannt oder als eine klanglich erweiterte Verwandtschaftsform von »alt« beziehungsweise eine verminderte Klanggestalt von »knallt« gelesen werden – wiewohl alt, kalt, knallen oder auch schalten und Falken semantisch nichts mit einander zu tun haben. Solch vorsemantischen, nur über die Sinne, nicht über das rationale Verständnis zu gewinnenden Zusammenhalt vermag allein das Gedicht herzustellen: GordischErst wo Marmor und Fallwind sich mögen
aaaaagelingt auch die Klippe. Dort wird – egal
aaaaaob mit dem Szepter oder mit dem Stock –
aaaaader Weg am Südfuß des Guten Willens
aaaaaforscher abgeschritten und – naturgemäß
aaaaa– zugleich gelöscht. Löst also nie nicht
aaaaakeine Frage das Problem?
aaaaaDas Gedicht!
– In der Hitze über Zürich braut sich zur Zeit ein Sommersturm zusammen; wenn der Regen kommt, stelle ich mich auf dem Balkon in den Wasserfall – statt schon wieder zu duschen. Diese heißen Tage waren nur zum Lesen gut. Doch den intellektuellen Extremtourismus mit Robert Musil (Entwürfe zum ›Mann ohne Eigenschaften‹) musste ich ebenso – unfreiwillig – aufgeben wie den ›Geisterseher‹ von Moritz. In tropischen Nächten sind solche Stoffe nicht zu bewältigen. Geschafft habe ich einzig (nachdem ich auf S. 273 bereits ausgestiegen war) die Zweitlektüre des Sterne’schen ›Tristram Shandy‹, finde nun zurück in die stringent absurde Story eines Ungeborenen … eines erst noch zu Gebärenden. Auch bei diesem Buch finde ich die Machart, die dramaturgische Entfaltung, die stilistische Ausarbeitung und die metaliterarischen Kommentare bei weitem interessanter als den unentwegt abgespulten, über weite Strecken leerlaufenden Plot.

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