21. Juni

Gestern, auftrumpfend, ein hochsommerlich inszenierter Junitag, der Himmel ein konstantes ausgewalztes Blau, die Luft leicht flimmernd in regloser Schwebe, die Temperatur genau richtig zum Hinaustragen der Nacktheit, alles ein einziges erhabenes Idyll; und heute, nach stürmischer Nacht, ist selbiger Himmel nur noch grau … so endlos grau, als wäre er leer. Doch ganz so leer ist er nicht, gegen Mittag gab er eine große Prise Schnee frei, letzter Schnee vom letzten Winter oder erster Schnee vor dem kommenden? – UnverwandtVieleck. Summe. Love. Und
aber wären die Väter bekannt!
Denn wer ist – seien wir ehrlich

aaaaa– heute noch verwandt. Und mit wem. Mit dem Element
aaaaadie Einsamkeit. Mit dem Juni der Neuschnee. Die Schwerkraft
aaaaader Herkunft ist nichts als furiose Müdigkeit. Das ärmste Ich

aaaaaverwirft Gesetze und Gewichte.
aaaaaWird wie wir. Wie alle. Tier unter
aaaaasoviel Tieren. Und immer ist die

aaaaaZeit nicht die gleiche. Auch nicht Eins oder einfach Nie.
aaaaaStatt zu planen gilt Bahn frei zum Massenstart. Und gilt
aaaaaauch – vor dem Flug – das fadenscheinigste Sprungtuch

aaaaaals Versprechen für einen bessern Sündenfall. – Der längste Tag im Jahr. Ich mag dieses Datum nicht. Ich habe diese krasse Asymmetrie zwischen dem Regime der Nacht und dem des Tags nie gemocht. Krys – sie hat heute Geburtstag – sieht und empfindet das ganz anders. Für sie ist der längste Tag der schönste Tag, und außerdem kann sie sagen … außerdem ist sie der hochgemuten Überzeugung, es sei tatsächlich ihr Tag. So lebt es sich naturgemäß um einiges leichter, als wenn man, wie ich, davon ausgeht, dass all dies zufallsbedingt und ohne jede Bedeutung ist. Krys wiederum vertraut darauf, dass alles in ihrem Leben – auch ich! – zeichenhaft, bedeutungshaft und gleichsam als Dauerprüfung auferlegt ist; dass jeder Lebensmoment seinen besondern Sinn … einen vielleicht verborgenen Sinn hat, und dass sich aus all diesen Lebensmomenten auch ein sinnvoller Lebenszusammenhang ergibt. Demnach wäre das Leben weitgehend vorbestimmt, es verliefe nach Maßgabe eines Regulativs, das man … das Krys als Schicksal akzeptiert. Umgekehrt für mich! Nicht ein Schicksal, allein der Zufall in ungeordneter Streuung und Häufung macht insgesamt mein Leben aus. Ich kann wohl auf den Zufall reagieren, nicht aber ihn regieren. Nicht die Schicksalslinie, sondern die Totalität der blinden Zufälle wird meine Biografie bestimmt haben. Krys geht davon aus, dass sie selbst wie auch ihr Leben als schicksalsbedingte, mithin als prädestinierte Hervorbringungen zu gelten haben. Bei mir ist nicht mal der Würfelwurf aleatorisch genug! Ich denke auch gar nicht, dass ich ein eigenes … dass ich mein eigenes Leben lebe; ich lebe lauter Momente, die genau so gut einem andern Leben zugehören könnten, die also eher einer möglichen denn dieser wirklichen Welt angehören. So fremd … so widerwärtig mir die von Marcel Proust in der ›Suche nach der verlorenen Zeit‹ dargestellte Welt mit ihrem abgelebten Personal auch ist – was mir daran völlig vertraut ist, ist deren Brüchigkeit … ist die illusorische Kontinuität, die sich aus lauter disparaten Momentaufnahmen zusammensetzt und die ihren sprachlichen Ausdruck findet in der stetig wiederholten Verwendung von Begriffen wie »Vorfall«, »Zufall«, »Kontingenz«, »Umstand«, »Ereignis«, »Schock«, »Überraschung«, »Koinzidenz«, »Auftritt«, »Auftauchen«. All diese Momente scheinen, trotz ihrer vielfältigen Ausprägung, gleichgültigen zu sein … scheinen gleichermaßen Geltung zu haben oder gleichermaßen irrelevant zu sein entsprechend dem Pascalschen Diktum, wonach »alles eins und alles anders« sei. Fragt sich bloß, ob nicht doch auch das Diktat des Zufalls letztlich Schicksal ist, also eine Spielart der Notwendigkeit. Dann wäre ich ja mit Krys wieder einig; beide stünden wir im Wahn oder unter der Angst vor der unabweisbaren und unkontrollierbaren Allgegenwart des Möglichen, in dem sich jegliche Notwendigkeit erschöpft. – »Das Wort als Element des Wortschatzes ist eine Einheit von schwer fassbarer Bedeutungsidentität. Es verbirgt sich in ihm eine potentielle Bereitschaft zur Teilnahme an den verschiedensten semantischen Realisierungen. Die Bedeutung des isolierten Wortzeichens ist der Bereich seiner möglichen Anwendungen.« Versteht man das? Ich finde die paar Sätze, von mir unterstrichen, in einem Essayband von Janusz Sławiński aus den 1970er Jahren. Das Interesse gilt dem Wort »Wort« und wird wachgehalten durch meine Beschäftigung mit der Poetik (oder Poetizität) des Worts … des einen Worts in seiner Funktion als multipler Bedeutungsträger, als Lautgestalt oder skripturale Zeichenfolge. Das von Satz und Aussage freigestellte Wort kann auftreten als Eigen- oder Ortsname, als Marken- beziehungsweise Produktbezeichnung, als Pseudonym oder als fiktiver Heldenname (im Roman, im Schauspiel), als Imperativ (Anruf, Befehl, Fluch) oder Interjektion (ach! ja! doch!), als Werktitel, als Kunstwort (Neologismus) usf. Die Bedeutungsidentität des Einzelworts ist schwer zu fassen … ist in der Regel nicht fassbar, weil der referenzielle Bezug zu einem vorgegebenen Kontext ebenso fehlt wie der zur außersprachlichen Wirklichkeit. Nur im Wörterbuch und manchmal in der Poesie kommen alle Bedeutungen eines einzelnen Worts gleichermaßen zum Tragen. Man ist ja immer wieder … ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie weit die Bedeutungen eines und desselben Worts auseinanderliegen können, erstaunt, dass »der Kiefer« und »die Kiefer« … »der Bauer« und »das Bauer« … das englische Wort »sin« (Sünde) und der deutsche »Sinn« … das russische Wort »most« (Brücke; Pflaster) und der deutsche »Most« oder … oder zwei lautlich identische Begriffe wie »Lid« und »Lied« oder »Ware« und »wahre« für die Bezeichnung völlig disparater Dinge verwendet werden. Solche Mehrdeutigkeit stellt sich einzig dort ein, wo das Wort für sich steht, und wo das Wort für sich steht, bleibt es dicht … bleibt es undurchlässig auf ein bestimmtes Gemeintes hin. Das isolierte Wort ist seiner semantischen Identität beraubt, ist eindeutig identifizierbar nur als sinnlich erkennbares Datum (Laut-, Schriftgestalt), verharrt ansonsten in einem diffusen Schillern zwischen unterschiedlichen oder gar gegensätzlichen Bedeutungsfelder. »Die Poesie ist undurchlässige Rede, die unaufhörlich eigene, immanente Verpflichtungen gegenüber sich selbst schafft und Zeichen verwendet, die in erster Linie auf ebendiese spezifischen Verpflichtungen verweist und erst in zweiter auf ihre Bezüge in der Welt.« Klingt hochgestochen und abgehoben, ist aber, wenn man es bedenkt, ganz leicht zu verstehen. Poetische Rede als zielbewusster Einsatz von Mehrdeutigkeit: »Wenn die Wörter im Prosasatz gegenseitig ihre Vieldeutigkeit einschränken und ihre jeweiligen Sinngehalte präzisieren, so wird im poetischen Satz ihre Vieldeutigkeit bewusst gemacht und bestätigt.« Prosaische, diskursive Rede verdeutlicht ihren Gegenstand durch dessen transitive Benennung. Poesie verdeutlicht sich selbst … stellt ihre Materialität, ihre Machart heraus; sie aktualisiert möglichst umfassend die sprachliche Substanz, gibt dem Namen die Funktion eines Pseudonyms: Das Pseudonym ist eine Information über sich selbst als sprachliches Ereignis, und die Abfolge solcher Ereignisse wird zum eigentlichen Inhalt, zur eigentlichen Handlung poetischer Rede. »Manchmal ist ein Wort die ganze Poesie.« Dies schreibt nun nicht ein Dichter … dies schrieb der Erzähler und Tagebuchautor Sándor Márai, als ihm klar wurde, dass sein zunehmender Todeswunsch den Imperativ des Schreibens unaufhaltsam untergrub. Weiterschreibend an seinem Tagebuch hielt er immer wieder fest, »nicht mehr schreiben« zu wollen: »Nur noch Notizen, wie der Gefangene Zeichen an die Wand schreibt.« Die Reduktion der Schreibbewegung sollte ihm auch als Autor zu einem unmerklichen Abgang verhelfen: »Ich will unter keinen Umständen Aufsehen erregen. Meinen Namen nicht lesen, von mir nicht hören, verschwinden.« Das eine … das alleinstehende Wort, könnte man meinen, sei auch das vollständigste, da es uneingeschränkt gilt und schwankend bedeutet. – Vor meiner Lesung in der Stuttgarter Stadtbücherei – ich unterhalte mich grade mit Jutta Legueil – tritt plötzlich eine ältere Frau dicht an mich heran, drängt mich zur Seite, beginnt ohne sich vorzustellen auf mich einzureden: Sie habe vor genau sechsunddreißig Jahren ein Gedichtbuch von mir gekauft, das seither auf ihrem Lyrikregal einen Ehrenplatz besetze usf. Auf die Frage, was denn an dem Büchlein für sie interessant gewesen und interessant geblieben sei, sagt sie laut: Aber doch der Name! Der Name des Autors! Und sie schreit mir ins Gesicht: Felix Philipp Ingold, wer hat schon einen solchen Namen, dieser Name ist so gut wie der beste Vers usf. – und jetzt dachte ich, sagt sie, ich dachte, als ich die Ankündigung für Ihre Lesung sah, den musst du dir ansehn, sagte ich mir, und nun bin ich da … Nach Schluss der Veranstaltung schreitet die Dame grußlos an mir vorüber aus dem Saal – offenkundig habe ich sie mit meiner Lesung nicht auf dem Niveau meines Namens und ihrer Erwartung überzeugen können. – Ich bewege mich durch eine unwirtliche Stadtgegend, die dominiert ist von verkommenen Betonbauten und gemütlichen historischen Restbeständen aus dem 19. Jahrhundert. Es gibt hier auffallend viele Verkehrstafeln, Wegweiser, Werbeflächen, Laden- und Wirtshausschilder, aber keine Wirtshäuser, keine Einkaufsläden. Die Stadt ist besetzt von einem exotischen Volk mit eigenen Sitten, Namen, Gesetzen, mit unverständlicher Sprache und rätselhaftem Lebensstil. Die Kämpfer huschen in seltsamem Outfit – angetan mit Quilts, Baströckchen, Patchworkuniformen – durch die Gegend, ich vermute koreanisches Design. An manchen Orten hat man riesige Schiefertafeln aufgerichtet, darauf mit Kreide dreieinhalb Namen geschrieben, die wir Besucher niemals aussprechen dürfen. Überall bilden sich Warteschlangen, wir alle müssen anstehn, um unsere Vergehen registrieren zu lassen und eine dazu passende Strafe zu kassieren. Ich weiß nicht so recht, was ich gestehen soll, bewege mich auf meinem Fahrrad durch die Stadt, suche vergeblich nach einer Abstellmöglichkeit. Gehe von Warteschlange zu Warteschlange, treffe auf einige Bekannte, die ebenfalls mit ihren Verbrechen vorstellig werden und sie dokumentieren sollen – Parksünden, Lärmbelästigungen, Beleidigungen usf. Alles muss belegt werden durch amtliche Papiere und alles wird in der Folge öffentlich gemacht und durch exemplarische Züchtigungen abgegolten. Das ist, finde ich, eine undurchsichtige Schreckensherrschaft. – Heute wird der obere Wald von irgendwelchen Therapiegruppen als heilige Halle genutzt. Die Leute – Frauen wie Männer in grauen Trainingsanzügen – bewegen sich wortlos durchs Dickicht, sammeln Totholz, brechen herabhängende Äste. Auf einer Lichtung wird das Holz zusammengetragen, nach Form und Größe sortiert. Ich vermute, dass hier ein Scheiterhaufen oder eine Blockhütte errichtet werden soll. Als ich nach knapp einer Stunde erneut an der Stelle vorbeikomme, sind die Menschen verschwunden – sie haben eine Freitreppe im Gelände hinterlassen, die nirgendwohin führt und nach einem Dutzend Stufen abbricht, außerdem ein Geländer, das funktionslos im moosigen Grund steht, und eine schmale Holzbrücke, die flach am Boden liegt und also über nichts und wieder nichts hinweghilft. In der Ferne hängt unfroher Kindergesang.

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