21. Oktober

Ich ertappe mich beim Rauchen auf der Terrasse in der Mittagssonne, vor mir steht eine winzige Porzellantasse mit verhocktem Espressoschaum, über mir hängt die leicht dunstige Luft, unter den dünnen Sohlen spüre ich die Wärme, die aus dem brüchigen Kalkstein steigt – ein Nichts an Habe, und doch ist in diesem Augenblick alles da, was es braucht … alles, was ich für diesen Augenblick brauche. Mehr geht nicht und … aber wenig später zerstört die Migräne mein blühendes Bauchgefühl. – Nach längerer Auszeit gibt’s wieder Gedichte. Ich fühle mich angeregt durch das abschreckende Vorbild von Wallace Stevens, dessen dreiste Nachlässigkeiten und fade Poetik mich irritieren, jetzt, da sein Werk in der großzügigen Auslese von Joachim Sartorius erneut überschaubar wird. Stevens gehört zu den Autoren, die sehr viel Stoff entfalten müssen, damit da und dort – zumeist am Rand, oft am Ende eines Texts – ein starkes Bild, ein produktiver Gedanke aufkommen kann: »Für das Ohr dessen, der in den Schnee horcht | Und, selbst ein Nichts, nichts wahrnimmt, | Was nicht dort ist, und das Nichts, das ist.« Aber sonst! Soviel Mittelmaß, schwache Form, schwaches Denken, Tendenz zum Kitsch, und doch lässt sich zu dieser Lyrik (Harold Bloom hat es vorgemacht) sehr viel Vorläufiges und Weiterführendes sagen. Da muss es, nicht anders als bei William Carlos Williams oder später dann bei John Ashbery, ein poetisches Spurenelement … ein Pharmakon geben, das erst bei der Lektüre, also nach dem Gedicht wirksam und produktiv wird. Dieses Spurenelement, dieses Pharmakon gibt mir heute den Impuls zu eigenem Schreiben, das sich im Weiterschreiben behauptet. – Sich liebenaber
aaaaadiesmal nur mit den Lippen des Andern
aaaaaund nicht mit dem gemeinsamen Mund.
aaaaaDen Namen zu bannen der beide ver-
aaaaaschweigt. (Rasch wird das Licht heller, über den arbeitenden Leibern birst da und dort mit winzigem Knall eine Knospe, schnippt eine Blüte hervor, geschecktes Beben violett geädert, leicht anschwellend in der Spannung des Aufbrechens und gleich, kaum merklich, in Schwingung geratend und mit leisem Läuten das Stöhnen in der Tiefe übertönend. Dort der Klöppel, wie er stößt und prallt, hier das Glöckchen, ganz Alarm, warnt vorm Glück und rammelt vergeblich.)
aaaaaNun also eilig und begrabt einander
aaaaanicht ohne Hände im heutigen Buch
aaaaaaus dem schon mörderisch der Mittag
aaaaastrahlt. Was für ein Spott der die Kluft schürt.

aaaaaWeil nämlich nie nicht nach oben stürzt
aaaaawas liebt und wo’s um alle rasch geschieht. – Lesung im Literaturhaus Zürich mit den Konkurrenten zum Buchpreis – voller Saal, missmutige Kollegen; Krys sitzt wie immer bei solchen Gelegenheiten in der hintersten Reihe unweit der Ausgangstür. Bin mit meinem Beitrag (Episode mit Todtleben aus ›Alias oder Das wahre Leben‹) nicht wirklich zufrieden, noch weniger mit dem zwar freundlich aufgekratzten, in der Sache aber unergiebigen Podiumsgespräch, das auf die Lesung folgt. Immer wieder sich selbst und sein Tun erklären, rechtfertigen, plausibel machen müssen! Beim Stehapero nach der mehr als zweistündigen Veranstaltung spricht mich eine schmale elegante Dame auf die Namen Heidegger und Kundera an, die im Roman zwei, drei Mal vorkommen. Ob das »mit dem Sein zu tun« habe? Denn beide, Kundera wie Heidegger, hätten doch »große Bücher über das Sein« geschrieben. Ja, klar – ›Sein und Zeit‹ und ›Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins‹! Und? Nein, mit den Werktiteln hat das nichts zu schaffen. Die beiden Autoren kommen in meinem Roman dem Namen nach vor … auf beide spiele ich in ›Alias oder Das wahre Leben‹ an, weil sie, erstens, mit der Diktatur kollaboriert haben, Heidegger mit der faschistischen, Kundera mit der kommunistischen, und weil sie, zweitens, nie darüber Rechenschaft abgelegt haben und weiterhin als große Geister gelten. Zwei Gleichgültige, die sich durch ihre Entscheidungs- und Unterscheidungsschwäche schuldig gemacht haben. Mit verlegenem Lächeln bedankt sich die alte Dame für meine »hilfreiche Antwort«. Hilfreich ist mir aber auch ihre Frage. Denn mit der Namensgebung meiner Protagonisten hatte ich mich in ›Alias oder das wahre Leben‹ nicht sonderlich beschäftigt. Rufe ich mir nun aber einige andere Personen- und auch Ortsnamen in Erinnerung, wäre dazu vielleicht doch noch etwas nachzutragen. Vorab dies: Größtenteils handelt es sich dabei um reale, historisch nachweisbare Namen. Da der Roman jedoch keineswegs nur auf Dokumenten beruht … keineswegs nur aus Dokumenten besteht und insgesamt als Fiktion angelegt ist, müssen auch die Namen – zumindest einige davon – fiktiv sein (Swolotsch, Buchloh, Aleksandrow), andere werden auf ambivalente Weise verfremdet. Dass die Hauptfigur gleich drei Eigennamen bekommt (ursprünglich Berger, russifiziert Beregow, fälschlicherweise Bergson), verweist auf seinen gleichgültigen und wandelbaren Charakter; dass Moskau wie auch Petersburg doppelt geführt werden (die russische Hauptstadt Moskau und das schweizerische Dörfchen Moskau, Petersburg im europäischen Norden Russlands und Petersburg in Kalifornien, USA), soll die Relativität von realen Namen und realen örtlichen Koordinaten andeuten; ein weiteres, anders gelagertes Beispiel ist die wolgadeutsche Stadt Engels (nach Friedrich Engels), die in vorsowjetischer Zeit den Namen Pokrowsk trug (bedeutet Schutz, Deckung) – was also dartut, dass ein und derselbe Ort unterschiedliche Namen haben kann und dass Personennamen auch als Ortsnamen einsetzbar sind. Solche Ambivalenzen spielen in meinem Text auch auf andern Ebenen eine bedeutsame Rolle. Das betrifft etwa den ideologisch ambivalenten »Rotspanier« Todtleben, dessen realer Name das schlechterdings Unvereinbare – Leben und Tod – zusammenführt, oder den fiktiven Namen Choloschow, der als Anagramm zu Scholochow zu lesen ist, den sowjetischen Großschriftsteller, der durch Fälschungen und Plagiate zu internationalem Ruhm gekommen ist. Ebenfalls anagrammatisch, also durch die Umstellung einzelner Buchstaben, wird der Name von Bergers letzter Frau eingesetzt: aus Isabel ergibt sich Bergers letztes Wort … sein letzter Wunsch: »Isa, leb!«

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