21. September

Rund sechs Wochen war ich unterwegs, fort von zu Haus, nun stelle ich fest, dass meine Wohnung zwischenzeitlich offenstand, ich hatte vergessen, Tür und Fenster zu schließen – doch alles findet sich an seinem Ort, es ist keinerlei Veränderung auszumachen, kein Verlust. Fast bin ich beschämt von der Unberührtheit meiner Habe … meiner Bilder, Bücher, Sammlerstücke, Erinnerungsgegenstände, Privatpapiere usf. Beschämt fühle ich mich umso mehr, als ich zur Spezies der Misstrauischen gehöre, die nie nicht die schlimmste aller möglichen Varianten für die wahrscheinlichste halten. – Ich schreibe, also bin ich: Ein Plagiator und Usurpator, der das gefundene oder entwendete Skript nicht einfach in Druck gibt, sondern es Wort für Wort abschreibt, um so als Autor gerechtfertigt zu sein. – Um fünf Uhr dreiunddreißig wache ich aus dem Satz auf, mit dem der Traum zu seinem Ende kommt: »Eigentlich ziehe ich ja den Stehkragen vor.« Vorangegangen ist, soweit ich’s noch übersehen und memorieren kann, eine reichlich holprige Traumstrecke ohne erkennbaren Zusammenhang. Meine ganze Garderobe ist schon in Überseekoffern abgepackt, lauter schwarze Kleidungsstücke, die wie Innereien ineinander verwunden sind, und – tatsächlich – sie scheinen zu atmen, Hemden und Hosen und Unterwäsche, sie pulsieren kaum merklich, aber klar doch, sie gehören zu mir, das alles ist meins, das alles bin ich. Für den Auftritt (ich bin zu einem Anstellungsgespräch geladen) brauche ich dringend ein frisches Hemd, greife tief in den Koffer, der wie ein Schrank halbgeöffnet vor mir steht, stoße die Faust in den Wäschehaufen, taste nach einem Stehkragen … nach einem Hemd mit Stehkragen, und da stehe ich nun in der Markthalle am Postschalter, stehe in der Warteschlange hinter einer quirligen Dame, die einen weichen Pizzaboden auf die Waage gelegt hat: »Zu viel, zu schwer für mich allein«, befindet sie, und ich überlege gleich, ob ich die Hälfte davon übernehmen soll. Aber nein – ich ziehe den Stehkragen vor. – Meine tägliche Devise ist seit langem diese: Ich habe zu machen, was ich kann. Zwei Hindernisse (oder jedenfalls Schwierigkeiten) stehen diesem Vorsatz entgegen. Erstens reicht mir immer nicht die Zeit aus, um das zu machen, also umzusetzen, was ich kann. Was ich kann, ist für mich das, was ich könnte, was ich realisieren könnte, wenn ich unbeschränkt die Zeit und die Kraft dafür hätte. Zweitens stellt sich die Sinnfrage, die Frage nach der Motivation, die man hat oder braucht, um zu tun, was man kann. Mein Problem besteht darin, dass das wenige, das ich, weil ich’s kann, auch wirklich mache, in aller Regel nicht aufgenommen, nicht angenommen wird. Das Gemachte, das Selbstgemachte, das Werk, bekommt Geltung erst dadurch, dass es als Gabe begriffen wird und dass andere mit dieser Gabe etwas anfangen – im besten Fall wuchern sie damit. Goethe, Dostojewskij, Kafka – was wären sie, hätte man sie nur einfach gelesen und daraus gelernt und damit gelebt und nicht auch noch sich darüber ausgelassen in Kommentaren, Deutungen, Vergleichen, Widerreden usf.? Ich lese – ein Beispiel genügt hier – Karl Philipp Moritz viel lieber und mit größerem Gewinn als Johann Wolfgang von Goethe: Andreas Hartknopf kommt mir näher, sagt mir mehr als Wilhelm Meister oder der junge Werther. Dass die Erzählung von den ›Leiden des jungen Werthers‹ – wie die ›Wahlverwandtschaften‹, wie ›Faust‹ I und II – um soviel »bedeutender« ist als der ›Andreas Hartknopf‹, hat wesentlich damit zu tun, dass es zu Goethes Texten unvergleichlich viel mehr Sekundärliteratur gibt und auch viel mehr Übersetzungen. Die ›Wahlverwandtschaften‹ gehören wohl zu den meistdiskutierten Werken Goethes und der deutschen Klassik überhaupt, wobei das heutige Hauptinteresse daran nicht vom Roman als solchem ausgeht, sondern von Walter Benjamins Lesart des Romans. Hätte Benjamin dem ›Hartknopf‹ eine vergleichbar produktive Lektüre gewidmet, wäre Karl Philipp Moritz heute womöglich ein Schulbuchautor und gehörte zur Pflichtlektüre im germanistischen Seminar. – Ein sogenanntes Schmähvideo über den Propheten Mohammed rührt die arabische Welt auf. Bereits siebzehn Tote hat es bei Demonstrationen gegeben. Der Autor des Machwerks wird gegenwärtig in den USA befragt; es handelt sich um einen eingebürgerten Kleinkriminellen koptischer Herkunft, der sich als Jude ausgibt. Der Mann hat die Schauspieler für das Video unter der falschen Angabe engagiert, eine Sexkomödie drehen zu wollen. Später hat er die Aufnahmen eingehend bearbeitet, hat Figuren und Handlung völlig neu angelegt – die Darsteller wollen davon nichts gewusst haben. Was als kleines, mäßig amüsantes Schmierenstück für Youtube konzipiert war, erwies sich in der muslimischen Welt als eine offenbar unverzeihliche Gotteslästerung. Diese Gotteslästerung, so lassen islamistische Wortführer nun verlauten, gehe gleichermaßen vom christlichen Weltimperialismus und vom Zionismus aus und müsse (»wo auch immer auf Erden«) mit allen Mitteln bestraft werden. Terror gegen Unschuldige wegen eines unbedarften Juxfilmchens? Es ist zum Lachen, aber – wir sind im September 2012! – gleichzeitig vergeht einem das Lachen angesichts dieser mörderischen Camouflage.

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