22. August

S. M., Kollegin und langjährige Briefpartnerin, klagt über universitären Verwaltungskram und Zeitverschleiß, aber auch über Publikationszwänge und Drittmittelbeschaffung – alles zu Lasten der eigenen … ihrer eigentlichen Interessen; ein wenig beneidet sie mich dafür, dass ich als Emeritus meine Themen und Textsorten auch außerhalb des akademischen Betriebs entwickeln und mir in manchen Bereichen einen Dilettantismus leisten kann, der in universitären Kreisen verpönt ist. Kann ich! Tu ich auch! Als Dilettant bewege ich mich nicht mehr nur auf wissenschaftlich gesichertem Gelände, knüpfe nicht mehr nur an den aktuellen Forschungsstand in meinem Arbeitsgebiet an, beschränke mich auch nicht auf die übliche Darbietungsform der Abhandlung mit permanenter Bezugnahme auf Sekundärliteratur und damit auf fremde Autoritäten, erlaube mir statt dessen ein deutlich riskanteres, eigensinniges Denken und eine essayistische beziehungsweise experimentelle Schreibweise, die nicht nur Erkenntnisse vermittelt, sondern solche auch hervorbringt. Ich habe von Universitätsgelehrten einiges an Wissen mitbekommen, doch eine Denkschule war das nicht. Denken und Schreiben habe ich im Selbststudium am Leitfaden von exzentrischen, in vielen Domänen dilettierenden Autoren über Jahre hin entgegen akademischen Konventionen eingeübt – Georg Simmel, Wassilij Rosanow, Fritz Mauthner, Alain (Chartier), Paul Valéry, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer waren meine selbsternannten Klassenlehrer, zu denen vorübergehend auch so unterschiedliche Autoren wie Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein gehörten, deren Schriften schulphilosophischen Gepflogenheiten und Erfordernissen auch heute größtenteils nicht entsprechen können. Heidegger war in Sachen Kunst, in Sachen Technik, in Sachen Linguistik ein Dilettant, und doch … und vielleicht deshalb gerade hat er in diesen Disziplinen Einsichten gewonnen, die seinen spezialisierten Fachkollegen verschlossen geblieben sind. Und Wittgenstein? Hätte er nicht als Architekt dilettiert … hätte er ein Studium als Bauingenieur abgeschlossen – eins der signifikanten, auch eins der originellsten Bauwerke der Wiener Moderne wäre wohl nicht entstanden. – Bin auf der Suche nach meiner Ärztin Bojana Keberloff, die heute nicht in ihrer Praxis ist, sie muss also im Büro oder im Dozentenraum sein. Die Universität ist ein langgestrecktes Backsteingebäude, ziemlich verwahrlost schon, das ich nun absuchen … in dem ich nach ihr suchen muss. Ich bewege mich unter hektisch gestikulierenden und herumbrüllenden Studenten durch einen schummrigen Flur, von dessen Decke flackernde Neonröhren an Drähten herabhängen. Bojanas Büro befindet sich – natürlich – am Ende des endlos langen Korridors, neben der geschlossenen Tür hängt ihr heutiges Vorlesungsprogramm, sie hält alle zwei Stunden in einem Außengebäude einen Kurs für Anfänger in Altbulgarisch ab. Zusammen mit Simon Morris mache ich mich auf den Weg zum Kurslokal, ohne allerdings zu wissen, weshalb ich die Ärztin überhaupt aufsuchen und treffen soll. Altbulgarisch jedenfalls ist nicht mein Ding, eher schon der Leberkrebs, doch damit wäre die Keberloff als Allgemeinpraktikerin sicherlich überfordert. Eher widerwillig geh ich weiter, durchquere den verwahrlosten, mit Totholz und Schotter übersäten Universitätspark, der auch der Spitalgarten ist. Viele Leute hasten hier – jeder bis auf Kniehöhe von einer Staubwolke umgeben – durch die Gegend, die im fahlen Rampenlicht noch trostloser aussieht. Es ist heiß, von rechts biegt eine jüngere Frau auf meinen Weg ein, sie überholt mich, schaut sich kurz nach mir um; sie ist mittelgroß, trägt eine lockere schwarze Hose, eine weite Bluse, in deren tiefem Ausschnitt ihre kleinen, schön geformten Brüste sich heben, sich senken. Die angerötete, schon etwas ledrige Haut im Dekolleté macht deutlich, dass die Feingliedrige, Schwarzhaarige nicht mehr die Jüngste ist. Sie gefällt mir auf den ersten Blick, ich gehe zwei, drei Schritte neben ihr her, spreche sie an, doch sie wendet sich ab, geht ohne anzuhalten weiter. Erst am Ende des Wegs, beim Parkausgang, bleibt sie stehen, wendet mir das runde, schon etwas faltige Gesicht zu, ich sehe, dass sie auf der Stirn zwischen den Falten meinen Namen trägt, I. N. Gold, in altertümlicher Schrift als Narbe eingetragen und vernäht. Das Anfangs-I ist mit einem langen, leicht geschwungenen Fahnenstrich oben links verziert, am untern Ende gerundet. Auf die Frage, ob sie denn so heiße, wie’s auf ihrer Stirn geschrieben steht, antwortet sie mit einem unwirschen Kopfschütteln. Sie sei in Eile, müsse weiter, habe nun wirklich keine Zeit, sagt sie kurz angebunden und fängt an zu laufen, läuft ihrem Schatten nach, der vom flachen Licht endlos verlängert wird und ihr wie ein zitternder Uhrzeiger die Richtung weist. Die Frau eilt durch den Pfingstverkehr über die Straße zum Bahnhof, was mich daran erinnert, dass ich selbst noch keine Fahrkarte habe. »Keine Sorge!«, schnarrt die Computerstimme in der Haupthalle: »Kains Orgie!« Tatsächlich bin ich viel zu früh vor Ort, kann also doch noch rasch die Ausstellung besuchen, gerate in ein großes unaufgeräumtes Atelier mit Blick auf das Delta. Der Besitzer, ein älterer ungepflegt wirkender Mann, vermutlich der Künstler oder ein Kurator, steht mit verschränkten Armen mitten drin in dieser Unordnung, reißt sich dann aber zusammen und präsentiert mir ein auf dickem, schon merklich abgegriffenem und vergilbtem Karton gemaltes Bild mit – in der Mitte – einem kleinen aufgeklebten spermagrauen Element, das wie ein verhärteter, aus einer Tube gepresster Farbstrang aussieht und das auch gleich herabfällt, als der Mann das Bild hochhebt. Der Preis liegt bei einigen hundert Franken, ein wenig reden wir in korruptem Altbulgarisch hin- und her, aber ich will ja bloß sagen, dass ich nicht interessiert bin, und der Galerist ist es offensichtlich auch nicht. Wieder nimmt er seine Gorillapose ein, reckt den Nacken, stellt die Brust heraus und die Beine auseinander, verschränkt die Arme, während vom Bahnhof, rasch nun lauter werdend, die immer gleiche Ansage herüberdringt: »Keine Sorge! Kains Orgie!« Die Keberloff nimmt mich am Ellenbogen, drückt mir das Ticket in die Hand, führt mich zum Bahnsteig und zischt mir berichtigend ins Ohr: »Aber Ich heißt doch As!« Unterm linken Auge trägt sie einen glitzernden Kleber mit dem Aufdruck »Ass & Aas«. – Merkwürdige … merkwürdig beunruhigende Flaute – da sind nun ein paar Bücher fast gleichzeitig zum Abschluss gekommen und befinden sich in der ambivalenten Schwebe zwischen ihrem Verschwinden (von meinem Schreibtisch) und dem Erscheinen im öffentlichen Raum. Vildé; Alias; die Anthologie; Steinlese. In der Schwebe bin ich selbst ja auch, muss jeden Tag in der Früh überlegen, was zu tun ist, was zu tun sich noch lohnen könnte, was Spaß machen könnte, was ich zu tun hätte, weil wohl niemand sonst auf die Idee käme oder in der Lage wäre, es eben so zu tun, wie ich es tun würde, falls mir dazu die Zeit, die Energie bleibt. Müßige Frage. – Dieser August hat definitiv nichts Augusteisches zu bieten, keine Glorie, kein Gold, nicht die wundersame süßlich duftende Wärme, die dem Herbst … die dem Welken und Rotten vorangeht. Statt dessen schräge Schauer, sprunghafte Böen, diffuse Schatten, formlose graue Wolkenwatte, kühle feuchte Vorabende – das Finale eines Sommers, der nicht stattgefunden hat oder, weniger wahrscheinlich, die finstere Ouvertüre zu einem lichtvollen Oktember. – Ich lese, nach längerer Unterbrechung, weiter bei Arno Borst (›Turmbau von Babel‹), habe den ersten und den letzten Band hinter mir, die »Grundlagen« und die »Ergebnisse« der großangelegten Studie, die als eine Welt- und Menschheitsgeschichte besonderer Art gelten kann – alle Epochen, alle Kulturkreise, viele Interessengebiete (Politik, Gesellschaft, Religion, Wissenschaften usf.) werden berücksichtigt und erhellt in detaillierendem Hinblick auf die Frage nach dem Eigenen und Fremden, wie sie sich, immer wieder anders, in religiösen Gründungsmythen und kirchlichen Dogmen stellt – in der variantenreichen Legende vom Babelbau beziehungsweise von der Zerstreuung der Völker und Sprachen ist die Frage bildhaft wie auch in Begriff und Zahl vergegenwärtigt. Borsts diesbezügliche Darlegungen sind weit mehr als eine Kompilation einschlägiger Texte und Dokumente, die in ihrer Vielzahl kaum überschaubar, in ihrer Widersprüchlichkeit kaum zusammenzudenken sind, sie enthalten auch neue Lesarten, kritische Kommentare, produktive Vergleiche und Exkurse, aus denen man … aus denen ich einen geradezu überwältigenden Erkenntnis- und Wissenszuwachs gewinne. Dazu kommt, dass Arno Borst seine weitreichenden Forschungsergebnisse mit einer sprachlichen Souveränität und stilistischen Bravour vorträgt, die ihn als einen der großen deutschen Prosaautoren des 20. Jahrhunderts ausweisen – dass ihm niemals ein Literaturpreis zugesprochen worden ist, bleibt als Versäumnis zu beklagen. – Gegen Mittag klart es nun doch plötzlich auf, der Himmel ist leergefegt und steht nach oben offen – zu immer dichterem Blau hin, so als sollten damit die vergangenen … verhangenen Wochen ausgeblendet werden. Die Aufhellung behauptet sich nur bis in den mittleren Nachmittag, und schon ist der Himmel wieder von dunklen Schlieren überzogen, die rasch herabwehen und sich in den Baumwipfeln auf den umliegenden Hügeln verheddern – wie jetzt. Entsprechend abrupt ist die Abkühlung; ich breche die Lektüre auf der Gartenterrasse ab (Helmut Eisendles Giftrezepte), hole ein paar schöne Scheite aus dem Holzschober, um für den Abend – Krys hat sich kurzfristig zum Weekend angemeldet – einzuheizen. – Mitten in der Nacht … mitten aus dem Traum weckt mich ein Schrei, der rasch in krächzenden Husten, dann in schreckliches Lachen übergeht. Träume ich noch? Ist jemand im Haus bedroht und braucht vielleicht Hilfe? Bevor ich’s realisiere, schlafe ich wieder ein, und heute weiß ich nun wirklich nicht, ob da was war … ob da jemand in Gefahr, in Nöten war? Ja … ach! Ich weiß ja nicht mal, ob ich es war, der da lachte und schrie, und weshalb, und mit wessen Stimme. – TV-Sendung über Wales – Kamerafahrten über Klippen und Buchten, geweißelt von sprühender Gischt, dazu – gleichermaßen wogend – Elgars Cello, dann die bedrängende, gleichwohl hochfliegende Stimme des Dichters Dylan Thomas und schließlich ein Menhir, der wie ein Ozeanriese lautlos durchs Bild zieht … Eigenartiger, eigenartig herber Zauber zwischen Trunkenheit und Erhabenheit! Der Menhir von Llandudno – einer von mehreren aus einer kleinen Steinreihe – besteht aus drei unregelmäßig geformten, schräg zueinander stehenden Trägern und einer waagrecht darüber liegenden massiven Platte, die ihrem tonnenschweren Gewicht zum Trotz auf den Trägerspitzen zu schweben scheint – etwas vom Vollkommensten, was es an menschlicher Architektur zu sehen gibt, etwas vom Schönsten überdies, weil eben diese formale Vollkommenheit durch keine offensichtliche Funktion oder Nützlichkeit bedingt und damit auch erklärt ist. Sie ist. Und so sind hier auch Tag und Nacht in ihrer Ungleiche … so klingt hier die Erste Stimme des Dichters: »Die dünne Nacht wird dunkler. Eine Brise vom gekräuselten Wasser her seufzt durch die Gassen dicht unterm milchwachen Wald. Dem Wald, in dem jede Baumwurzel ein gespaltener Huf ist im schwarzen lauernden Auge der Jägerin … der Liebenden. Das ist der Wald, der ein von Göttern erbauter Garten ist für Diana oder Artemis, die weiß, dass der Himmel nur zur Erde so vollkommen passt wie das auserwählte Volk zu seinem lechzenden Feuer im Llareggubland. Der Wald«, so präzisiert die Erste Stimme, »ist für die Farmknechte am Kirmesabend ein wollüstiges unbedachtes Bethaus voller Brautbetten, und für Ehrwürden Eli Jenkins eine grünbelaubte Predigt von der Unschuld des Menschengeschlechts – der plötzlich vom Wind gerüttelte Wald erwacht zum zweiten dunklen Mal an diesem einen Tag.« – Eine meiner ältesten Adressen wird hinfällig – Ludvík Kundera ist mit neunzig gestorben. Wir waren – seit vielen Jahren – bis vor kurzem in regelmäßigem Briefkontakt, seine auf einer mechanischen Schreibmaschine getippten Nachrichten hat er lange Zeit mit »starý« (dein alter), zuletzt mit »tvůj prestarý« (dein uralter) Freund signiert. So wünschte ich mir das auch, wach und tätig zu bleiben, bis Ursprung und Alter in eins fallen und endlich zusammengehören.

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