22. Januar

Wenn bei Rainer Maria Rilke die »eine Stimme«, der »einzige Schrei« auf Göttliches gerichtet, zum Göttlichen hin offen sein sollte, war es bei Franz Kafka »ein klarer strenger, immer sich gleichbleibender, förmlich aus großer Ferne unverändert ankommender Ton«, der als die reinste, »die eigentliche Melodie inmitten des Lärms« gelten konnte, doch ist es hier ein Ton, der zum Gebet nicht taugt, der vielmehr dem Tierreich verhaftet bleibt – es ist die vollkommene Monotonie und zugleich die vollkommene Melodie, über die einzig das zerstreute Volk der Hunde verfügt. Als »ein Hund unter Hunden« berichtet Kafkas Icherzähler von dieser vollkommenen, »nur dem Hundegeschlecht verliehenen Musikalität«. Einem Haufen von sieben großen hündischen »Musikkünstlern« hat er sich angenähert, deren monotone Melodie »geradezu niederwerfend« war: »Sie redeten nicht, sie sangen nicht, sie schwiegen im allgemeinen fast mit einer gewissen Verbissenheit, aber aus dem leeren Raum zauberten sie die Musik empor. Alles war Musik.« Es erweist sich, dass diese vollkommene Musik nichts anderes ist als das, was die Hunde sind; ihre Musikalität ist identisch mit ihrem hündischen Verhalten, ihre Melodie ist nichts anderes als das »Heben und Niedersetzen ihrer Füße, bestimmte Wendungen des Kopfes, ihr Laufen und Ruhen, die Stellungen, die sie zu einander einnahmen, die reigenmäßigen Verbindungen, die sie mit einander eingingen«. – Über Mittag zum Essen bei Mutter, sie hat für uns einen Gästetisch reservieren lassen. Ich absolviere die drei leichten Gänge des Menüs mit ihr, sie erzählt noch einmal, wie’s im Krieg war, als sie mich, kaum geboren, immer wieder mitten in der Nacht in den Luftschutzkeller bringen musste; die röhrenden deutschen Bomber, die in Grenznähe kreisten, hätte ich »wohl wie Musik« wahrgenommen und sei dabei jedes Mal hellwach geworden, auch mein erstes Lächeln habe sie »dort unten« beobachtet und sich darüber »angstvoll gefreut«. – Abel/Kain – die Primärszene, wo mimetisches Begehren »über Leichen geht« und der Tod des Nächsten (des Bruders, der der Feind ist) zum sinnlosen Befreiungsschlag wird. Haben wollen, was der andere hat; sein wollen, wer der andere ist, was man mithin selbst nicht sein kann. Könnte das Problem durch Wettbewerb statt durch Totschlag gelöst werden? Oder ist Wettbewerb auch bloß eine diskretere Form des Totschlags? Und wer bestimmt denn überhaupt, ob der Rauch seitlich abschleicht oder senkrecht hochsteigt? Der Wind! Und aber den schlägst du nicht tot. – Noch ein paar Sätze in direkter Rede (für ›Alias‹): »Und aber was, wenn das Floss zwei, drei Zentimeter breiter ist als der Strom?« – »Ich bin das, was man nicht erschossen hat, und so hab ich überlebt. Nur aber verdammt nochmal wozu?« – »Draußen konnte ich ja nicht mal eine grade Linie ziehen, und hier jetzt im normalen Lagerleben geh ich den Dingen auf den Grund.« – »Ich weiß nämlich alles über die Tiere. Nichts über meine Eltern. Die sind entweder tot oder sie leben nicht mehr.« Dazu brauche ich nun aber noch die Menschen (Figuren), die sich diese Sätze einfallen lassen und sie ganz selbstverständlich aussprechen. – Lese wieder einmal (in der Straßenbahn) Georg Simmel, eine kleine Essaysammlung bei Junius, bin sofort in produktivem Clinch mit einer Intelligenz höchsten Rangs, die noch arrondiert wird durch Simmels staunenswert präzise Intuition; ein Autor, der – wie Alain, Kracauer, auch Adorno – alles angehen und aufnehmen und sprachlich fassen kann und daraus Einsicht und Nutzen zieht. Nicht zuletzt erwachsen aus seinen assoziativen Denkbewegungen immer wieder Sätze von geradezu poetischer Einprägsamkeit. Wozu nur das verkrampfte Radebrechen eines Martin Heidegger, die episch ausufernde Philosophie eines Jean-Paul Sartre oder die wuchernde Rhetorik der Poststrukturalisten, da es doch darüber hinaus auch produktiv philosophierende Literaten gibt, die mit eigensinnigen Vergleichen, mit Analogie- und Metaphernbildungen, mit originellen Nutzanwendungen und Ideenexperimenten eklatanten Erkenntnisgewinn erbringen: Wassilij Rosanow, Simone Weil, Paul Valéry, Antonin Artaud, Maurice Blanchot, Francis Ponge, Edmond Jabès oder eben auch, von der Schulphilosophie gleichermaßen geächtet, Georg Simmel. Also weiterlesen! – Kochen und lesen mit Krys; es gibt geröstete Melanzane, luftgetrocknete Tomaten, sardischen Pecorino, wattiges Weißbrot, Dôle Blanche aus dem Wallis; ich lese von Rainer Maria Rilke das Hermes-Orpheus-Gedicht und die Elfte Elegie vor, Krys hat ein paar Sachen von Daniil Charms mitgebracht. Wir erproben die wechselseitige Anziehung der Gegensätze. – Interesse? Nichts, an sich, ist von Interesse, es sei denn, ich interessiere mich dafür. Interessant ist einzig das, was ich selbst interessant zu machen vermag. Und das ist übrigens nicht selten das, was andere eher für langweilig halten. »Nicht der Rede wert.« Um so besser denn also, wenn man nicht auch noch darüber reden muss.

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