22. Oktober

Dumme Wörter gibt’s nicht, dumme Worte – zuhauf! – Zu den großen Rätseln der Sprache … zu den Herkunftsrätseln der Sprache gehören die Homophone und Homonyme, darunter vor allem jene gleichlautenden Begriffe, die für völlig unterschiedliche oder gar gegensätzliche Bedeutungen stehen. Was hat der Rasen mit dem »Rasen« (schnell fahren) oder »das Bauer« (Käfig) mit dem Bauern zu tun? Wie kommt es, dass treiben – abgesehen vom transitiven und intransitiven Gebrauch – gleichermaßen »jagen« und »sprießen« bedeuten soll oder dass ein Schmerz beziehungsweise eine Mätresse mit einem Wort »ausgehalten« werden? Beispiele dieser Art sind in beliebiger Anzahl namhaft zu machen, müssen aber auch unterschieden werden von lautgleichen Wortpaaren wie Mutter (Mama) und »Mutter« (zur Schraube), bei denen der scheinbar eklatante Bedeutungsunterschied über einen metonymischen Vergleich (die Schraubenmutter als Vulva) relativiert, wenn nicht aufgehoben wird. Usf. Die Beispiele für widersprüchliche Homophonien ließen sich vervielfachen, wenn man außer lautgleichen auch noch lautähnliche Paare in Betracht zieht, etwa füllen und »fühlen«, betten und »beten«, Aal und »All« usf. Natürlich kann man die Problematik solcher Paarungen leicht entschärfen mit dem Hinweis darauf, dass Verwechslungen und Widersprüche im praktischen Sprachgebrauch durch den jeweiligen Kontext in den meisten Fällen klar ausgeschlossen werden. Das Problem mag tatsächlich gering sein, doch das Phänomen, dass die Sprache – dass jede Sprache – mit gleich oder ähnlich klingenden Begriffen völlig unterschiedliche Dinge bezeichnet, bleibt ein Rätsel. – Vor ein paar Tagen hatte ich einen Geschmacksinfarkt, von dem ich mich bis heute nicht erholt habe; es ist, als wäre die Geschmacksempfindung um eine Dimension geschmälert, sehr flach jetzt, aber verdumpft durch einen zusätzlichen, leicht bitteren Nachgeschmack. Seit Tagen irritiert mich aber auch ein permanenter, unbestimmter, längs über den Scheitel zum Nacken verlaufender Kopfschmerz, der mich zwar nicht sonderlich quält, aber doch – bei allem – ungut behindert. Bin also nur wenig vorangekommen mit meinem »Schaltjahr«, verliere mich beim Schreiben immer wieder in ausufernden Exkursen, lasse mich auf neue Themen, auf spontane Einfälle und Erinnerungen ein. Draußen ist es genau so, wie es an einem 22. Oktober zu sein hat – trostlos, feucht, Morgen- und Abenddämmerung gleichsam zusammenfallend bei unentschiedener Kälte. Ansichtskarte von Krys aus Wien (mit einem Bild vom Freudhaus an der Berggasse): »Das Beste steckt in dir und schreibend bleibst du am Leben.« Woher weiß sie das? Warum schreibt sie’s mir? Oder ist es ein Zitat? Von Freud! Doch was könnte, wenn ich’s gleichwohl persönlich nehme, mit dem Besten gemeint sein? Und wen sollte ich hinter der zweiten Person Einzahl vermuten? – Unter dem Titel ›Haut ab!‹ kündigt ein großer deutscher Publikumsverlag einen Dokumentations- und Diskussionsband zur Frage der Beschneidung in der jüdischen Tradition und in heutiger medizinischer Optik an. Der Titel bietet eins der zahlreichen Beispiele dafür, wie die Werbung mit gezielter Zweideutigkeit operiert. In diesem Fall stellt sich beim unvorbereiteten Leser (und möglichen Kunden) zuerst ein Bild der Häutung ein (Haut abziehen), das aber fast gleichzeitig relativiert oder überlagert wird von der Bedeutung abhauen, die hier in der Befehlsform auftritt. Das Verständnis wird sodann durch den Untertitel, der auf »Juden« und »Beschneidung « verweist, präzisiert – mit »Haut« ist die Vorhaut gemeint, und mit »Haut ab!« (Betonung auf ab) verbindet sich die Assoziation »Juden raus!«. Eine einzige, auf Gleichklang gebrachte Wortverbindung vermag somit – freilich immer nur innerhalb ein und derselben Sprache – ganz unterschiedliche Bedeutungen assoziativ zu erschließen, kann allein dadurch latentes Interesse wecken und lenkt auf solche Weise den Empfänger der mehrdeutigen Nachricht präzise auf jenes außersprachliche Objekt, das schließlich zum Gegenstand des Kaufbegehrens werden soll. Dieses ebenso diskrete wie effiziente Verfahren haben Werbetexter aller Branchen von der Poesie übernommen. Doch für die meisten Verbraucher stellt sich die Effizienz nur deshalb ein, weil nach zwei-, dreimaligem Hinsehen das Gemeinte – in diesem Fall die Ware Buch – begriffen ist, eine kurzweilige Art des Verstehens, die für das Begreifen eines starken Gedichts gemeinhin nicht ausreicht. Was mich angeht – ich hab den Wortlaut beim ersten Mal als »Hut ab!« wahrgenommen, gelenkt von der Gewöhnung an die konventionellere Formel, spontan Abstand nehmend von deren verfremdeter Variante. Ob das ein Automatismus ist? Dass man Unerhörtes, Niegesehenes, nicht Erwartetes, mithin Überraschendes abwehrt, fernhält, dass man es eigentlich nicht wissen, nicht kennen, nicht annehmen will!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.