23. Juni

Seit gestern ist für mich Fastenzeit, habe nun vierundzwanzig Stunden hinter mir, begnüge mich mit Leitungswasser, komme aber schon merklich unter Druck – Kopfschmerzen, Müdigkeit, depressive Niedergänge, Schweißausbrüche. Lese unkonzentriert in Friedrich Nietzsches Briefen, bin wie benebelt von der abgründigen Welteinsicht und Sinnlehre dieses Autors bei gleichzeitiger abstruser Selbstzerknirschung und Selbstinszenierung, die vor keinerlei noch so peinlichen Pauschalisierungen, Petitessen, Infamien, Vorurteilen, Provokationen und Sentimentalitäten zurückschreckt – ein Hungerkünstler, der sich (immer nur versuchsweise) der Völlerei hingibt. Bei mir – Puritaner! falscher Asket! – ist es umgekehrt. – Ich soll an einem Theaterabend eine Einführung zu ›Wilhelm Tell‹ geben, bin gut vorbereitet, habe viel Material eingesehen zum Stoff, zur Dramaturgie usf., entsprechend viele Skripte und Zeichnungen liegen ausgebreitet vor mir auf dem Tisch. Die Veranstaltung findet in einem unschönen Saal statt, das Mobiliar ist verstaubt, die Wände sind mit Tanne getäfelt, die Beleuchtung ist schummerig. Im vorwiegend jugendlichen Publikum bemerke ich Krys und neben ihr ein Mädchen, das ihre – oder meine, vielleicht sogar unsere – Tochter sein könnte. Ein Mann im beigen Regenmantel stürzt herein, stürmt durch den Mittelgang, sein langes weißes Haar weht wie ein Federkamm an seinem Nacken. Der Unbekannte (der auch ich sein könnte) geht mit tänzerischen Schritten zum Rednerpult und ergreift, ohne sich vorstellen … ohne vorgestellt worden zu sein, das Wort, um im Wesentlichen das darzulegen, was ich selbst vortragen wollte. Mein Auftritt wird um einen Tag verschoben, ich soll die Ausführungen des Vorredners kommentieren und ergänzen. Doch mir fällt nichts dazu ein, es sind ja doch meine eigenen Ausführungen. In der Kantine treffe ich Krys, wir setzen uns zu Dieter Thomae an einen kleinen runden Tisch. Krys greift nach dem Sonderangebot von heute Abend – es ist ein schwarzweißer Dodekaeder aus Plastik, in dem ein Karton mit Aufschrift und Preisangabe steckt – und hält es mir vor die Augen mit dem Hinweis auf ein Gedicht, das auf dem Plastiksockel aufgedruckt ist: es ist mein Gedicht … es ist das Gedicht, dass ich morgen im Plenum für Krys vorlesen möchte. Mit altertümlichen Fahrzeugen werden wir aufs Land gebracht, wo eine Performance stattfinden soll; für mich hat man ein klapperndes Pferdefuhrwerk bereitgestellt. Als Kutscher ist Jeannot Simmen verpflichtet, der ohne je den Kopf oder die Stimme zu heben unentwegt in einem Notizblock kritzelt, statt sich endlich auf den Weg zu machen. Ich liege in dem Karren wie in einem Sarg, kann mich kaum bewegen, werde nach der Ankunft … werde bei einem Halt im freien Gelände an den Füßen herausgezogen und soll von diesem Punkt der Erde aus zu meiner großen Exkursion aufbrechen. Allein marschiere ich los, durchquere eine bedrängende Landschaft ohne Horizont, mit dichten Wäldern, rauschendem Grün, dicken runden Hügeln, die da und dort plötzlich abbrechen und steil abfallende Wände nach außen kehren. Ich komme zu einem stillen trüben See, der unmittelbar an eine derartige Klippe angrenzt, und höre nun von fern – über mir – ein dumpfes Stampfen. Ein riesiger zottiger Stier sprengt über das Plateau und springt ungebremst über die Klippe ins tief darunter liegende Wasser, das nach seinem Eintauchen gewaltige Wellen wirft. Ich rette mich auf einen Hochspannungsmast und sehe nun von weit oben noch einmal die Landschaft, die sich aus unzähligen hingewürfelten Hügeln vor mir aufbaut. Ameisenklein sehe ich unter mir ein paar Leute aus der Arbeitsgruppe, sie winken zu mir herauf, wollen mir signalisieren, dass ich … wie ich von dem Mast heruntersteigen soll. Der Abstieg ist aber unproblematisch, und ich erreiche schon bald wieder festen Boden, gelange zu einer Hütte, vor der mich ein freundlicher Mensch – Mann oder Frau? – bereits erwartet und nun auch wortreich begrüßt. An der Theke treffe ich Krys, mit ihr zusammen will ich nun wegfahren, kaufe ein Nussgebäck und ein Körbchen Himbeeren als Reiseproviant. »Auch für dich sowas?« – »Muss nicht sein, nein.« – Wir fahren los, erreichen bald die Autobahn, es ist eine tunnelreiche Strecke, wenig befahren. Ich fühle mich müde und unsicher, weiß zeitweise nicht, ob ich vor- oder rückwärts unterwegs bin, wende mich beim Fahren nach hinten, lege vor dem nächsten Tunnel einen Zwischen-, einen Sicherheitshalt ein, um zu entspannen, aber Krys – so ist es nun mal – hat eine ganz eigene, also ganz andere Vorstellung von ›Wilhelm Tell‹. – Wie früh wird es hell jetzt! Wie schnell wird es warm! Schon um fünf zieht sich der Tag hoch und macht Licht. Um sechs Uhr bin ich in der Bäckerei, die ersten Brote – baguettes, croissants, das kleine Halbweiße, die Waadtländer couronne – liegen ofenwarm in den Körben. Ich warte, bis das dunkle Basler Brot kommt, plaudere mit Agnieszka, gehe dann über den alten Friedhof – jetzt ein Parkplatz – zurück nach Haus. An der Südmauer steht ein Camion der Gemeinde, zwei Arbeiter machen sich mit einem kleinen Bagger zu schaffen – sie reißen den schmalen Erdstreifen zwischen Hauswand und Schulstraße auf, graben die Rosenstöcke aus und werden nun gleich die beiden Aprikosenbäume, die im Frühjahr noch kräftig geblüht haben, umhacken und die Wurzeln ausgraben. Alles ohne Ankündigung … ohne mein Wissen. Ich protestiere, muss aber erfahren, dass sowohl der Erdstreifen wie auch dessen Bepflanzung Gemeindeeigentum sind. Was mir bisher entgangen ist. Muss ich mir merken. Der Grund für die Abräumaktion sei der, erklärt mir einer der Straßenarbeiter, dass mein Aprikosenspalier von einem gefährlichen, hier in der Gegend rasch sich ausbreitenden Schädling befallen sei. »Also all das hier muss liquidiert werden.« Die Bäume und Sträucher gehören mir, der Boden, auf dem sie eben noch gestanden haben, ist Gemeindebesitz. – Zu meinen frühsten Themen auf Proseminarstufe gehörten Don Juan, Ikaros und Narziss, zu den ersten Protagonisten meiner Bücher ab 1975 – Exzentriker, Avantgardisten, Flieger, Juden; Außenseiter allesamt, die an der Peripherie ihre Mitte suchen. – Auf arte-tv ›Die Ehe der Maria Braun‹, in jeder Beziehung (Regie, Casting, Spiel, Musik, Schnitt usf.) ein Kunstwerk erster Klasse. Dazu – danach – wird ein Dokumentarfilm über Rainer Werner Fassbinder mit der Hauptdarstellerin Hanna Schygulla gezeigt, die – merklich gestaucht vom Erfolg und vom Alter – unentwegt lächelnd auf Französisch Auskunft gibt über den damaligen Dreh; in der freundlich trotzigen Pose einer pensionierten Volksschullehrerin berichtet sie ebenso nüchtern wie trivial aus längst verflossenen Zeiten – unerklärlich, dass und wie eine Schauspielerin dieses Formats, eine Frau solcher Ausstrahlung und Dynamik sich in solch selbstzufriedener Biederkeit gefallen kann. Oder gehört auch die Schygulla zu den Frauen, die nur in vorbehaltloser menschlicher und künstlerischer Unterwerfung vor dem Mann wahre Größe erreichen, indem sie dessen Größe verkörpern? – In Buchprospekten und Klappentexten ist das Leitwort »zahlreich« auffallend dominant – es ergänzt üblicherweise die Superlative, mit denen die Qualität der angepriesenen Texte völlig unreflektiert benannt wird, etwa als spannend, herausragend, einmalig, unterhaltsam, hinreißend, anrührend usf. »Zahlreich« ist ein quantitatives Kriterium: Autoren, Autorinnen, die im Rennen sein wollen und auf hohe Ratings erpicht sind, müssen nebst zahlreichen Publikationen fast naturgemäß auch zahlreiche Preise und Stipendien vorzeigen können, sind in zahlreichen Berufen tätig gewesen, zeichnen sich durch zahlreiche Auslandsaufenthalte und Reisen aus, werden in zahlreiche Sprachen übersetzt und legen vorzugsweise Bücher mit zahlreichen Seiten vor. So wird die Zahl zum qualitativen Kriterium, die Quantität zum künstlerischen Wert. Auf der Strecke bleibt das Interesse der Sache, das, was die Literatur als Kunst ausmacht. Doch als Kunst gilt heute vor allem das am wenigsten Künstliche … das am meisten Authentische. – Alexandre Kojève als Fotograf in einer Ausstellung in Utrecht. Hunderte von Aufnahmen aus dem Nachlass des Philosophen; vorwiegend architektonische Motive (Kathedralen, Kirchen, Klöster, Pagoden, Tempel, Paläste usf.) – Bauten als Materialisierung des objektiven Geists. Auffallend ist, dass Kojève konsequent davon absieht, mit den Gebäuden auch Menschen abzubilden; seine Ansichten sind völlig frei von störenden Komparsen – keine Nutzer, keine Besucher, keine Betrachter, also auch keine menschliche Vergleichsgröße, durch die die architektonischen Proportionen und Dimensionen relativiert würden. Unabhängig von menschlicher Vernutzung und Verschmutzung bieten sich die Bauten auf Kojèves Bildern in grandioser, sinnleerer Pracht dar – vom Menschen geschaffen, vom Menschen verlassen, gewinnen die gewaltigen steinernen Kulissen unversehens so etwas wie ein Eigenleben. – Auch eine Art von Fatalität: Der Schwung einer Hüftlinie (auch unterm Stoff) oder die Biegung – noch oben, nach unten – einer Nase kann über die sexuelle Attraktivität einer Frau entscheiden; die Frau kann noch so schön sein – wenn ihr das sogenannte »gewisse Etwas« fehlt (und das »gewisse Etwas« ist nie nicht ein Mangel, immer ein Fehler), geht ihr Wesentliches ab. Es gibt Frauen von minderer Schönheit und höchster Attraktivität, deren ästhetischer Mehrwert sich aus einer einzigen Besonderheit ergeben kann – der Vertiefung der Mundwinkel beim Lachen, den Stirnfalten beim Augenaufschlag oder beim Rümpfen der Nase, der Biegung des Halses beim Lesen, der Hebung des Ellenbogens beim Zurückstreichen der Haare usf. In eben solchen Beiläufigkeiten und Automatismen kann sich Unauffälliges in seinem singulären Charme darbieten und wirksam werden. – Einer Frau ein Kind unterzujubeln, gelingt schlimmstenfalls durch Vergewaltigung; umgekehrt – wenn sie den Jubel bei ihm durchsetzt – genügen Verführung, Täuschung, Verrat. Nie hat die Frau die Natur nicht auf ihrer Seite – um ein Kind zu kriegen, ist sie oftmals zu allem bereit, vom Kuckuckskind bis zur künstlichen Besamung, und in jedem Fall kann sie sich dabei auf den Willen der Natur berufen, mithin auf die fundamentale Normalität des Lebens. »Ich will ein Kind« – das ist doch wohl zumeist nichts anderes als ein persönliches Habenwollen, kaschiert und gerechtfertigt durch die elementare Feststellung: »So ist das Leben.« – Schlechte Tage, überhaupt schlechte Zeit für mich. Seit gestern wieder permanent die Migräneattacken, walkender Schmerz bis zur Erschöpfung. Keinerlei Arbeit möglich, nur hin und wieder ein paar Seiten lesen, um sie gleich zu vergessen. Draußen ist es zu warm, zu feucht, zu hell – ich verzichte auf meine Waldgänge, gehe bloß einmal täglich in den großen Garten hinüber, meist zu Mittag, um im Pavillon ein wenig zu pausieren, zwei, drei Briefe zu schreiben, mich kurz hinzulegen, einem Tagtraum zu folgen. – Mir ist ein Literaturpreis zugesprochen worden, gestiftet von einem zypriotischen Oligarchen. Hier ist er – ein Mann mittleren Alters, mit bulligem Kahlkopf, schwarzem Kurzbart, untersetzter Gestalt, insgesamt ein sympathischer Typ; er lebt als Geschäftsmann und Vizekonsul in Zürich, hat einen Großteil des noch unverbauten Seeufers zusammen mit den weitläufigen Weingärten, Ginsterhainen und Schilffeldern aufgekauft. Nun lässt er, man kann’s von hier aus sehen, das Erholungsgebiet mit Bürokomplexen überbauen. Das hat ihn … das bringt ihn nun mit meinem Vater in Konflikt, dessen Haus er von allen Seiten zugebaut, ja, eigentlich zum Verschwinden gebracht hat hinter all den Betonklötzen und historisierenden Fassaden. Die Preisverleihung soll morgen im Großen Saal am Firmensitz stattfinden, die Laudationes sind geordert, zwei davon bereits auf DVD eingetroffen. Die Bewirtung der Gäste soll äußerst reichhaltig sein, die Kleidung formell und elegant.Verschiedene Beobachtungen lassen mich darauf schließen, dass der russische Zypriote bankrott ist … dass er die Veranstaltung schon gar nicht mehr finanzieren kann. Ich besuche eine hochkarätige Verkaufsmesse mit Antiquitäten, werde aber nicht ganz froh dabei, denke an den morgigen Tag, an meinen Auftritt (was ich da mal wieder sagen soll), an mein Outfit – weißes Hemd, Anzug, Krawatte, schwarzer Mantel. Vor allem die Schuhe sind problematisch, ich sehe, dass auch manche der Gäste, die sich auf die Veranstaltung vorbereiten und sich dafür einkleiden, Schuhprobleme haben, besonders die Damen bei der Auswahl des Oberleders – Eidechse oder Salamander? Ich übernachte im Haus des Mäzens …

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