23. März

… wo sie von ihrem Mann erwartet wird, der auf einem andern Weg über Land zurückgekehrt ist und von dem sie aber annahm – wie er von seinem vermeintlich toten Rivalen – er sei tot. Nun streiten sich beide, der Mann beklagt seine Schuld am Tod des Jungen, zu dem er wohl eine latente homoerotische Neigung hatte, doch von seiner Frau erfährt er nun, dass der verschollen Geglaubte überlebt und mit ihr Sex gehabt hat. Der betrogene Ehemann glaubt ihr nicht, kann sich unmöglich vorstellen, dass sein Kumpan ihn hintergangen hat – er zieht es vor, sich für dessen Mörder zu halten und weist das Geständnis seiner Frau als Lüge zurück. Hier setzt erneut das Ritual ihres Ehealltags ein, das Boot wird abgetakelt und mit einer Plache zugedeckt, und das Paar startet zur Heimfahrt mit dem Auto. Bei einem Schild am Straßenrand, das auf eine Polizeistation verweist, bremst der Mann den Wagen ab und stellt sich und seiner Frau die Frage, ob man nicht vielleicht ein Vermisstenanzeige aufgeben … ob er nicht vielleicht sich selbst als Mörder stellen sollte. Lange sieht man das Auto mitten auf der Straße stehen, daneben den Wegweiser zur Polizeistelle; es beginnt zu regnen, es wird langsam dunkel, die Kamera entfernt sich rückwärts von der Szene. Ende. – Polanski verzichtet also darauf, die Handlung zum Kreis zu schließen; denn dramaturgisch hätte es nahegelegen, den vermissten Rivalen und Freund, der ja tatsächlich am Leben ist, erneut als Anhalter auftreten zu lassen. Der Ehemann wäre damit von seiner Schuld entlastet gewesen, müsste aber umso schmerzlicher seine Eifersucht ertragen – ein vom Zuschauer vermutlich gewünschter, dramaturgisch aber wohl doch allzu perfekter Schluss (der im Übrigen stark an Alfred Döblins Meisterprosa ›Die Segelfahrt‹ erinnert). – Habe gestern beim Einkaufen die Butter vergessen, geh deshalb heute früh gleich um acht nochmals zum Dorfladen, treffe vor der geschlossenen Tür auf zwei alte Nachbarinnen, die ratlos auf den handschriftlichen Aushang zeigen: »Vonwegen Selbstmord geschlossen« (fermé pour cause de suicide). Agnès, attraktive Endvierzigerin aus Juriens, hat den Laden vor Jahresfrist kurz nach ihrer Scheidung übernommen, sie ist aufgefallen durch Eigeninitiative, ein interessantes Angebot an regionalen Produkten, aber auch durch hohe Preise und ihr ungewöhnliches Aussehen. Agnès, schon etwas rundlich geworden, mit leicht schräg stehenden Augen und hohen Wangenknochen, trug stets enge Jeans oder Minirock, oft Netzstrümpfe und Stiefeletten dazu, ihr Dekolletee war großzügig ausgeschnitten, im Herbst und Winter trug sie, wenn sie durchs raue Wetter kam, einen knöchellangen Mantel aus weißem Kaninchenpelz. Außer einigen Rentnern aus der unmittelbaren Nachbarschaft – darunter ich selbst – gewann sie kaum Kunden. Im Städtchen galt sie, die »von draußen« gekommen war, als »Herbeigelaufene«, bei vielen als »schamlose Schlampe«. Die Hiesigen zogen es mehrheitlich vor, im Nachbardorf einzukaufen. Das Geschäft konnte sich so nicht rentieren, und offenbar war Agnès auch dem kleinkarierten Mobbing nicht gewachsen. Sie hatte ein gutes Lächeln. Jetzt ist sie tot. Ob sie den Aushang selbst geschrieben hat? – Dáleth. Da lädt sich einer wie Loth
aaaaalauter Töchter auf. Auf Hüften
aaaaaträgt er sie im Sand im Kreis im Einvernehmen.
aaaaaWeiß es die Wüste und
aaaaasteigert sich Wall um Wall zur Stadt. Statt
aaaaazu fließen. Statt fließen zu lassen
aaaaawas hinaus will zur Liebe. Und …
aaaaa… aber die hat ungefähr so viele Namen
aaaaawie es Farben gibt für das immer gleiche Meer. – Triumph der Blödigkeit heute, ich geh mit zwei linken Händen und einem linken Bein in den Tag, stoße überall an, strauchle, greife mir an den erhitzten Kopf, merke, mir fehlt das Standbein. Stirn, Schläfen sind von der Migräne überspannt, das Wetter draußen steht klar und frisch zwischen den Häusern und Bäumen. Ich steige zweimal zum Wald hoch, aber mit Schmerzen, mit ständigem Druck und Unwohlbefinden; dennoch gibt’s die Augenblicke der Schönheit, der lichten Erinnerung, es gibt die heranfliegenden Ideen und Sätze, die ich dann ebenso bemüht zusammenhalten muss wie meine Hirn- und Darmschlingen. Auf halbem Weg mache ich – beide Male – kehrt. Die Müdigkeit hat mich … hat wohl wieder einmal mit dem Wetter zu tun. Kürzlich noch war’s der Oktember, der meinen innern Kontinent knechtete, jetzt ist es ein ziemlich brutaler Märzember und … aber alles eins. Schlaflose Nächte, rasch ergrauende Nachmittage, endloses Kopfgrimmen usf. Dazu ermunternde Lektüren: von Guy de Maupassant ›Le Docteur Gloss‹, von Pierre Michon ›La Grande Beune‹, letzteres ein Meisterstück in mancher Hinsicht – Stil, Anlage, Erzählperspektive; dürftiger Stoff, große Prosa. ›Doktor Gloss‹ ist ein witziger narrativer Beitrag zur Frage nach dem Autor: Wer an die Seelenwanderung glaubt, kann auch in einem Affen, in Pythagoras oder gar in sich selbst den Autor des »unbekannten Manuskripts« vermuten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.