24. April

Schwüler Sonntag, produktives Arbeitsessen mit Theo Leuthold für eine Publikation für den Almanach der Kulturtage Lana, zu dem ich drei Block- beziehungsweise Pressegedichte beitrage, die der Typograph nun illustriert und inszeniert. Meine Absicht, am Abend mit Krys das Konzert von David Philip Hefti in der Tonhalle zu besuchen, scheitert an einer Massendemonstration von Gay People, die in karnevaleskem Aufzug für ganz viele Rechte protestieren, die ihnen vorenthalten werden – bei mieser Vorgewitterstimmung werden die Fahrgäste (also wir, Krys und ich) am Bellevue aus der Tram komplimentiert, wir geraten unversehens und völlig unerwartet – die Ankündigung der Verkehrsbehinderung war uns beiden entgangen – in eine unübersehbare Menge von tanzenden und johlenden Demonstranten und ziemlich gelangweilt mitlaufenden Gaffern, die sich, mit Kindern und Rucksäcken bepackt, mal da-, mal dorthin drängen lassen. Während fast einer Stunde versuchen wir zu Fuß nach einem Aus- oder Umweg, vergeblich, die gesamte Innenstadt ist blockiert, auch Taxis fahren nicht in die Schlamasselzone hinein. Also arbeiten wir uns aus dem Gedränge heraus, gehen zu mir in die Wohnung und reden bei einer Flasche Pirol (Zürcher Federweißer) über Gott und die Welt, es wird ein langes, hochkonzentriertes Gespräch, das dann allerdings ins Private und Alltägliche abgleitet. Krys fragt mich nach dem Mädchennamen meiner Exfrau, nach der Augenfarbe meiner Mutter, nach der Krankheit meines früh verstorbenen Bruders, nach den sportlichen Erfolgen meines Vaters (der einst Nationalturner und Handballmeister war), berichtet von ihrem eigenen Vater, der psychisch behindert gewesen sei und sich, schon zu ihrer Schulzeit in Lausanne, in Momenten der Entgeisterung nackt auf der Straße umgetan habe usf. Beim Kochen lese ich ihr Gedichte vor, zuerst aus ›Restnatur‹, dann das unveröffentlichte ›Alephbet‹ – ich finde es bemerkenswert, um nicht zu sagen: tröstlich, dass diese eher schwierigen Texte auch dann funktionieren, wenn sie bloß übers Gehör wahrgenommen werden und selbst dann, wenn man sie missversteht. Krys hat bei einem der Texte den Titel ›Iris‹ spontan auf eine Frau dieses Namens aus ihrem Bekanntenkreis bezogen, und gleich steht das Gedicht ganz anders da, als wenn mit Iris eine Blume, die gleichnamige Götterbotin oder die Pupille gemeint wäre. Was denn nun? Egal, was gemeint ist – Siri weiß
aaaaabehaart im Falz. Nach allen
aaaaaSeiten Schrift die harrt auf Sinn. Statt
aaaaaSinn zu sein. Das
aaaaaFaule falsch. Die Frage ist die
aaaaaFrau Verrat. Stellt
aaaaaeiner andern Frage nach.
aaaaaRauft’s aus. Will’s
aaaaaganz. Den
aaaaaIndex liest’s als Testament. Die
aaaaaBotin weiß er
aaaaaist im Nehmen hart.
aaaaaGibt mal
aaaaaSalz. – Die Tatsache, dass Ezra Pound in seiner Dichtung – und mit seiner Dichtung – die Vielsprachigkeit der Welt hochleben lässt, verdient heute besonderes Interesse. Die von ihm des öftern beklagte Verarmung und Auspowerung der großen Kultursprachen mag ihn dazu animiert haben, und seine diesbezüglichen Mahnungen sind weiterhin ernst zu nehmen. In seinem kleinen ›ABC des Lesens‹ von 1934 hält Pound lapidar fest: »Ein Volk, das sich an schlampigen Stil gewöhnt, ist ein Volk, das im Begriff steht, seinen inneren Halt und die Gewalt über sein Reich zu verlieren.« Volk und Reich – die Begriffe lassen ungute Assoziationen aufkommen, sollten aber nicht über die Dringlichkeit des Problemzusammenhangs von Sprachkultur und Nationalbewusstsein hinwegtäuschen. Im Gegenzug zur stilistischen Schlamperei vieler seiner Zeitgenossen hat sich Ezra Pound in seinen poetologischen Schriften wie im eigenen dichterischen Schaffen um einen Personalstil mit vielen Registern bemüht, der sich vor allem durch »Erweiterungen des Vokabulars« und den gezielten »Einsatz von Fremdwörtern« auszeichnen sollte. Die daraus erwachsende Mehrsprachigkeit seiner Texte erklärt und rechtfertigt er gegenüber seinen Kritikern wie folgt: »Mit bestem Wissen habe ich bis heute niemals ein griechisches oder lateinisches Wort gebraucht, wo Englisch dienlich gewesen wäre. Ich meine, dass ich niemals eine klassische oder fremde Form verwendet oder bewusst ungetilgt gelassen habe, wenn ich sie nicht eigens zur Geltung bringen wollte … Wenn es ein italienisches oder französisches Wort war, so hat es etwas statuiert – oder ich wollte etwas statuieren: eine Bedeutung, die im Englischen nicht geläufig ist, eine Schattierung oder eine Stufung.« Die vom US-amerikanischen Linguisten C. K. Ogden angeregte Förderung und internationale Verbreitung des Englischen durch dessen radikale Vereinfachung (BASIC) – etwa die Reduktion des Vokabulars auf achthundertfünfzig Begriffe – hat Ezra Pound entgegen seinen eigenen poetischen Intentionen explizit begrüßt mit der Begründung, dass der Rückgang auf die Basics der Sprache – jeder Sprache – zu deren Entrümpelung von überflüssigen, weil nichtssagenden Elementen beitragen könne und damit, ganz allgemein, zu einem bewussteren und strengeren Sprachgebrauch. Was Pound jedoch sicherlich nicht wünschte, wäre die Promotion einer Schwundstufe des Englischen zur Lingua franca gewesen mit der Absicht, die Sprachenvielfalt durch ein transnationales Idiom zu ersetzen, das mit einfachsten sprachlichen Mitteln und auf tiefstem stilistischem Niveau zwar Kommunikation ermöglicht, nicht jedoch kulturelle Selbstbehauptung und produktiven Austausch. Diesen »vorbabelschen« Status hat das Englische inzwischen fast schon erreicht. Alle Weltsprachen und auch die meisten Regionalsprachen sind weithin von Anglizismen durchsetzt, Business English und andere Ausprägungen von Basic English haben sich nicht nur als globale Konferenz- und Verhandlungssprache etabliert, sie sind auch in der Unterhaltungs- und Werbebranche unabdingbar und werden – etwa bei Interviews, bei TV-Talks – von Politikern, Models, Ärzten, Sportlern, debütierenden Sängern oder Philosophen mit großer Selbstverständlichkeit und minimaler Anstrengung praktiziert. Angesichts der solcherart rasch um sich greifenden »Entbabelisierung« der heutigen Sprachkultur kann man, die ›Cantos‹ vor Augen, Ezra Pounds aufwendige Bemühungen um den Erhalt, ja die Erweiterung der babelschen Sprachenvielfalt naiv und reaktionär finden, man könnte sie aber auch als eine ultimative Rettungsaktion begrüßen, als einen Versuch, die »Biodiversität« der Völkersprachen mit dichterischen Mitteln nicht nur aufrecht zu erhalten, sie vielmehr auszuweiten und auszudifferenzieren. Dabei ist dem Dichter der Eigensinn der Sprache hilfreich, eine Art Eigendynamik oder Autopoiesis, die Pound mit dem deutschen (offenbar von ihm selbst geschaffenen) Terminus »Sagetrieb« bezeichnet. Bei weitem nicht alles findet Platz in einer Sprache – »it can’t be all in one language« –, doch dieses Defizit wird eben dadurch ausgeglichen, dass es mehr als nur eine Sprache gibt; dass »die Sprache« zugleich für die Sprachen steht. – Mein Widerwille gegen die Schwerkraft ist ja eigentlich unberechtigt; kehrte man die Wirkkraft der Gravitation in ihr Gegenteil – freier Fall nach oben, mühsames Stoßen und Zerren nach unten – erhielte man wohl genau die gleiche Verteilung von Zug und Bremse, wie sie hienieden seit eh und je »der Fall« ist.

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