24. November

Krys ruft mich in der Früh nach einem Horrortraum an – sie musste ihren Vater, den sie als Säugling auf den Armen trug, über die Grenze retten; hinter ihr das Rattern der Kampfwagen mit den rotierenden Sicheln, vor ihr die qualmenden Trümmer des Kulturpalasts. Erst nach dem schreckhaften Aufwachen habe sie realisiert, dass sie seit Tagen … dass sie seit der Einrichtung ihres neuen Emailkontos sämtliche Nachrichten irrtümlich an sich selbst geschickt hat, also auch die, die an mich gerichtet waren. Merkwürdige Umkehrung! Man ertappt sich beim Lesen persönlicher Nachrichten, die offensichtlich für jemand andern bestimmt sind, die einen also nichts angehen, die man aber doch selbst verfasst hat! Noch eine Möglichkeit, nicht zu kommunizieren. – Nächtliche Migräne in Schüben. Zu spät an die Medikamente gedacht. Mehrmals aufgestanden, auf dem Balkon gestanden, vor der Bücherwand gestanden. Dann wieder hingelegt, kurz eingeschlafen, viel geträumt. All den Unterbrechungen zum Trotz hat sich aus den Traummomenten zuletzt ein zusammenhängendes Traumgeschehen entwickelt. Schön! Aber gleich wieder vergessen. Bleibt die Erschöpfung nach gestörtem Schlaf und zehrendem Schmerz. – (Selbstversuch🙂 Es gibt mich aber auch als den Ersten Liebhaber der Nacht. Nächtigen geht für mich in jedem Fall vor, ist dringlicher und vergnüglicher als das gewohnte Tagen. Der Tag, der lichterloh die Helle in die Höhe hält und immer nur das Positive will, ist mir verleidet. Feiertag. Jahrestag. Wahltag. Hochzeitstag. Donnerstag. Todestag. Jubiläumstag. Namenstag. Jüngster Tag. Unglückstag. Alltag. Alles da, alles sichtbar, zu sehn auch das, was schmerzlich fehlt. Dagegen die Nacht mit all ihren Löchern und Verlusten ins All! Und kein Geschoss, kein Fernrohr kommt an sie heran. Die Nacht ist nie nicht drüben und droben, im Unterschied zu jedem Tag, zu jedem Krieg, der immer – dieser wie jener – unten beginnt. Mir kommt alles Nächtliche gelegen, null Uhr ist meine Zeit, noch weiter zu steigen, lohnt die Mühe nicht. Warten genügt. Warten worauf? Auf wen? Nein. Ich meine, warten genügt auch dann, wenn sich damit keine Erwartung verbindet. Zumindest keine bestimmte Erwartung. Ich warte also bloß vor einem jener Löcher, Blick hinauf in den Abgrund, das Warten an und für sich ist noch kein Verlust, kann erniedrigend sein, ja, aber mich erhebt solches Verharren, wenn es nur kein Ziel hat, und für kein Ziel braucht’s auch keine weitreichende Artillerie, nicht mal ein Fernrohr. Wie aber bringe ich das Haar der Berenike noch schöner zum Schimmern! Oder diesen und jenen andern Stern? Jedenfalls durch keine Erwartung. Und wie sollte ich auch durch meine Erwartung – wer bin ich? – ein Gestirn zum Schimmern bringen! Also warten, nochmals warten? Und vergessen! Das kann lang hinhalten, als Beruf taugt es nicht. Aber ich warte, wenn ich warte, mit Begeisterung. Ich warte um des Wartens willen, und wartend nächtige ich. Die reine Wohligkeit. Unaufgeregtes, schwebendes Begehren, das keine Beute kennt und keine Scham am Tag danach. An diesem toten Punkt könnte mein Selbstversuch enden, und soweit ich’s erkenne, tut er es auch. Genau das ist’s, was mich wachhält … was ich immer nicht erwarten kann.

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