24. September

Sechzigjahrfeier im kommunistischen China – zweihunderttausend Armeeangehörige und ausgewählte Freiwillige bestreiten die Parade, es gibt Durchmärsche, Massenchöre, Figurentänze, eine Waffen- und Raketenschau. Zuschauer sind nicht zugelassen, das Volk – China ist eine Volksrepublik – ist aufgerufen, die Feierlichkeiten und Demonstrationen am Fernsehen zu verfolgen; auch die Anwohner der Paradestrecke dürfen die Feierlichkeiten nicht direkt beobachten, müssen ihre Fenster und Vorhänge schließen. Wer also feiert da was? – Unter Kollegen und Kolleginnen gab’s hier unlängst einen privaten Disput über Hans Ulrich Recks ›Traumenzyklopädie‹. Die freundschaftliche Auseinandersetzung endete (und begann eigentlich erst) damit, dass man sich gegenseitig Träume erzählte. Allerdings misstraute man sich gegenseitig, ob die nacherzählten Träume denn wirklich Träume oder doch nur Erzählungen seien – mit unwillkürlichen, vielleicht unbewussten Kürzungen, Konjekturen, Zusätzen, Deutungsansätzen usf. Das Gespräch artete zum Schluss in unerwartete Härte aus, ich selbst (der ich ziemlich regelmäßig Traumberichte verfasse) geriet in den Verdacht, träume literarisch zu fälschen oder wenigstens zu verfälschen – worauf ich eine wahre, wenn auch ziemlich unwahrscheinliche Geschichte aus meiner Alltagswelt zum Besten gab, die dann wiederum beargwöhnt wurde, bloß ein Traum gewesen zu sein. – Bin neuerdings, nach fast einem halben Jahrhundert, wieder mit einigen jener Autoren zugange, die in meiner Jugendzeit als heutige Autoren präsent waren und mich besonders beeindruckt haben: Hans Erich Nossack, Albert Vigoleis Thelen, Heimito von Doderer, Marie Luise Kaschnitz. Wer – außer einigen Germanisten – kennt sie noch? Liest sie noch? Ich! Ich lese sie wieder und bin erstaunt, wie weitgehend ich ihre Texte noch immer schätzen kann. Vor allem die Kaschnitz wartet mit einer ungebrochen starken Prosa auf, die an Wahrnehmungsschärfe, Beschreibungsdichte, rhythmischer und auch gedanklicher Prägnanz nichts eingebüßt hat – für mich eine noch immer produktive, will sagen: eine höchst anregende Lektüre, wie sie mir bei zeitgenössischen Autoren kaum noch gelingt. Demgegenüber kann mich Marie Luise Kaschnitz mit ihrer Lyrik – es gibt von ihr mehrere umfangreiche Poesiebände – nicht mehr interessieren; da wirkt vieles abgestanden, allzu beschaulich und auch allzu bemüht. Kaum eines ihrer Gedichte würde ich heute noch abschreiben oder gar auswendig lernen wollen, anderseits finden sich bei ihr immer wieder einzelne Verse oder Strophen, die als solche die rezente Grundsubstanz für andere, für neue Gedichte sein könnten: »Sitzt der Aussatz auf der Bank im Garten …« – »Hörst du die Axt? | Sie fällen die Kastanien. | Schon Mitternacht | Und wieder nichts getan.« Usf. – Workshop im Böhmischen Dorf bei Oswald Egger; ich bin mit siebzehn andern Autoren »für nichts« eingeladen, ohne jede Verpflichtung, Vorbereitung ausdrücklich unerwünscht, Improvisation und Eigentrieb der Stoffe, der Ideen werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Dennoch ergibt sich ein dichter, in sich kohärenter Verlauf – jeder (der Lust hat) knüpft an den andern an, und die Gruppendynamik portiert rasch einen Wortführer (Czernin), dazu den notwendigen Funktionär für Provokation (Ingold), ein moderierendes Trio (Egger, Beuger, Frey), präzisen Informationsinput (Ledebur), punktuelle Interjektionen (Klein), willkommene Besänftigungsgesten (Stolterfoth), beredtes Mitschweigen (Köhler, Showghi) usf. Gut das Wetter, exzellent die Bewirtung, intensiv die Gespräche, schön die Stimmung. Gelungene Endrunde mit Publikum – zehn Einzellesungen à zehn Minuten; von mir gibt’s die Gedichtfolge ›Bergwärts‹, quittiert – wofür eigentlich? fürs Lesen? fürs Gelesene? – durch Applaus. – Zu den wenigen positiven Errungenschaften meiner langjährigen Karriere als Schmerzensmann gehört die erhöhte Wahrnehmung, bisweilen gar die genussvolle Erfahrung von Nulleffekten: Keinen Schmerz, keinen Drang, keinen Krampf, keinen depressiven Druck, auch kein sinnloses Begehren, keine Hitze, keinen Durst zu verspüren. Wie heute. Bin eben zurück aus dem Wald. War eine Stunde zu Fuß unterwegs bei leichtem Regen und entsprechend leisem, alles betreffendem, alles mitmeinendem Rauschen, dieses untermischt mit dem Geplauder des späten Laubs, das nun allmählich ins Fallen und Torkeln kommt. Hin und wieder steht mir ein zur Faust geballtes, rostig knirschendes Blatt plötzlich vor Augen, bevor es zwischen die Schritte fällt. Das Stehen – ohne zu schwanken – ist ein Ereignis. Dazu der freie Flug der Gedanken, Traumreminiszenzen, Wünsche, inneren Bilder, alten Wörter und Namen. Die Luft ist kaum merklich verschmiert vom Dunst, dennoch widerstandslos zu respirieren. Dies und manches sonst begrüße ich bei meinen Waldgängen, doch nicht immer … eher selten tritt es ein. Dann steh ich wie das Männlein (ein Textlein?) im Wald und weiß, ich kann’s nicht anders, besser geht’s nicht, nie wieder; und das Allermeiste in diesem Leben und in allen andern Wäldern wäre noch um vieles mieser, ärmlicher, unergiebiger. Als Autodidakt aufgewachsen in einem engen Haushalt ohne jede Bildung …

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