25. Januar

Bin zu spät und dennoch müde aufgestanden nach dieser kurzen und traumlosen Nacht. Bei mir steigert Müdigkeit die Aufmerksamkeit, allerdings nur eine bestimmte Spielart davon – die schwebende, und solch schwebende Aufmerksamkeit ist mir beim Schreiben tatsächlich eher hilfreich als hinderlich. Komme gleichwohl nicht merklich voran, täglich im Schnitt eine halbe bis eine ganze Seite gedrängter Prosa, wie eine steile Bergfahrt im Schritttempo, kein Vergnügen, und nie nicht diese unabwendbare Aufmerksamkeit, die mich erschöpft. Gegen Mittag wieder eingeschlafen, nach anderthalb Stunden aufgewacht aus diesem Traum: Ich habe in Begleitung von mir befreundeten und gleichzeitig mir völlig unbekannten Nordic Walkers einen weitläufigen Parcours zu absolvieren – an klackenden Stöcken staksen wir durch abwechslungsreiches, waldiges, krautiges Gelände, kommen immer nirgendwo an, sind immer nur sinn- und ziellos unterwegs, immer suchend nach etwas, das wir auf keinen Fall vorfinden wollen. – Am frühen Abend nehme ich im vollbesetzten Rathaussaal den Spezialpreis des Berner Kulturamts als Auszeichnung für meine zweisprachige Werkausgabe von Anatol von Steiger entgegen. Es gibt ein Podiumsgespräch mit Martin Zingg, eine Lesung – ein Dutzend Gedichte – aus dem Buch. Danach gute Begegnungen und Gespräche – Theres Halperin, Andreas Langenbacher, Christophe von Werdt, Anke von Steiger, Ulrich Weber vom SLA; auch mit dem Dichter Kurt Marti, der eigens aus dem Altenheim hergekommen ist, stoße ich an. Mit dem letzten Zug zurück nach Zürich.– Der Fußweg vom Bahnhof über die Baustelle zur Tramstation am Centralplatz ist eine einzige Rutschbahn, das mit Salz untermischte Schmelzwasser vom Nachmittag ist leicht gefroren, es knackt und schwappt unter meinen tastenden Schritten. Die Straßenbahn lässt auf sich warten, es wird der letzte Kurs in Richtung Zoo sein. Auf dem rechten Knie … auf der Sitzbank zwischen Briefkasten und Ticketautomat notiere ich exprompt diese paar Zeilen: Werden liebgewonnene Süchte zu echtem
aaaaaSehnen ist gleich schon verloren was auf
aaaaader hohen Kante wankt. Was krankt bleibt
aaaaaanderseits führend und bestimmt präziser
aaaaaals das Horoskop über jedermanns Fest.
aaaaaErst wo Marmor und Fallwind sich mögen
aaaaagelingt auch die Klippe. Dort wird – egal
aaaaaob mit dem Szepter oder mit dem Stock –
aaaaader Weg am Südfuß des Guten Willens
aaaaaforscher abgeschritten und – naturgemäß
aaaaa– zugleich gelöscht. Löst also nie nicht
aaaaakeine Frage das Problem?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDas Gedicht!
– Die Bahnreise von Yverdon über Neuchâtel nach Biel, wo ich über Mittag kurz bei Heinz Schafroth einkehren möchte, verläuft wie eine sanft schaukelnde Kamerafahrt in einem Schwarzweißfilm. Der Zug bewegt sich über weite Strecken unmittelbar dem Westufer des Neuenburger- und des Bielersees entlang – wenn ich mich auf dem Sitz zurücklehne, sehe ich im Fensterausschnitt nichts als die ausgedehnte, leicht gekräuselte Wasseroberfläche, die in vielen silbrig gehöhten Grautönen schimmert und weit weg im Ungefähren direkt an den ebenfalls grauen Himmel grenzt. Die Luft ist diesig und stellenweise von dichten Nebelschlieren durchzogen, zwischen denen hin und wieder die kalt blinkende Sonne aufscheint. Die Sonne wirkt flach wie ein Blechteller und ist so blass und weiß, als stünde an ihrer Stelle der Vollmond. Die kleinräumige Landschaft scheint nur aus lose zusammengeschobenen Grauflächen zu bestehen und wirkt selbst im engen Ausschnitt des Fensterrahmens nach allen Seiten hin offen … grenzenlos und auf eine besondere Weise erhaben. Am Bahnhof holt mich Samuel Moser ab, fährt mich nach Alfermée, wo Ruth Schafroth einen leichten mehrgängigen Lunch in petto hat und Samuel sich gleich um die Weine kümmert. Heinz Schafroth, Freund und kritischer Begleiter seit meinen schriftstellerischen Anfängen, sitzt mit uns am Tisch; er ist sehr schmal und hell geworden, ein zarter Greis, gezeichnet von Schmerz und Verlust, und doch mit der diskreten Präsenz eines altrömischen Senators. Er wolle sich, sagt er, an nichts Vergangenes mehr erinnern und schon gar nicht an die Zukunft denken; dennoch evoziert er dann, wie im Selbstgespräch, die eine und andere Begegnung aus weit zurückliegender Zeit, punktuelle Reminiszenzen an Günther Eich, an Ilse und Miriam Aichinger, auch an Ernst Jandl, vor dem er bisweilen Fritzi Mayröcker habe in Schutz nehmen müssen. Nach gut zwei Stunden angeregter Unterhaltung bei erstklassiger Bewirtung verabschiede ich mich; ich spüre, dass eine Kopf- und Bauchkrise im Anzug ist, möchte unbedingt den nächsten Schnellzug nach Zürich erreichen. Kaum bin ich eingestiegen, setzen die Krämpfe massiv ein, und schon bald weiß ich nicht mehr, wie ich mich hinsetzen oder ob ich im Waggon auf und ab gehen soll, um den walkenden Schmerz auszuhalten. Vorübergehend schließe ich mich im Zug-WC ein, trinke aus beiden Händen Wasser vom Hahn, schlucke zwei kombinierte Medikamente – zu spät. Die Migräne ist nicht mehr aufzuhalten, Übelkeit und Schwindel kommen dazu; ich lege mich mit angezogenen Beinen schräg auf die Sitzbank, schließe die Augen, werde kurz danach vom Kondukteur angestoßen, der das Ticket sehen will, sofort irgendeine Unregelmäßigkeit entdeckt (ich hätte angeblich bereits gestern die Rückfahrt antreten müssen) und gleich auch sein elektronisches Kontrollgerät zückt, um meine Personalien und weitere private Angaben zu speichern. Was ich verweigere. Der Kondukteur droht mit »Maßnahmen«, mit einer »Buße« und stellt »Umtriebskosten« in Aussicht. Ich hatte das Ticket zuvor bereits zweimal präsentiert, Beanstandungen gab es nicht, und aber nun, in diesem peinlichen Moment physischer Bedrängnis, kommt ein Uniformierter daher und belästigt mich zusätzlich mit seiner Paragrafenreiterei. Ich mag nicht diskutieren, winke ab, weigere mich, meine Adresse herauszugeben und bitte den Mann dringlich, nur einfach abzuhauen. »Sie werden von unserer Rechtsabteilung hören«, sagt er noch: »Und das geht dann zusätzlich auf Ihre Kosten – kann ein teurer Spaß werden.« Doch wenigstens bin ich ihn los. Bei der Ankunft in Zürich fängt mein »Spaß« erst richtig an, mein Inneres revoltiert so heftig, dass ich die ärztliche Notfallstelle am Bahnhof aufsuchen und mir eine schmerz- und krampfstillende Injektion geben lassen muss. Vor Erschöpfung schlafe ich schließlich ein, werde aber bald wieder geweckt mit dem Satz: »So! Unsere kurze Saison in der Hölle ist vorbei.« Die Arztgehilfin zeigt beim eingeübten Lächeln eine Reihe blitzender Zähne.

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