25. November

Der Märzember hält sich, ebenso Herr Kopf. »Daheim bin ich«, sagt dieser, »allein bei mir. Spreche keine andere Sprache als meine. Mag Außerordentliches nicht, hasse Sehenswürdigkeiten – Bedürfnis der Bequemen, der Mut- und Fantasielosen. Für mich zählt das Geringe, das in seiner Bescheidenheit und Unansehnlichkeit Besondere. Ich sehe ja auch, wie ich mich sehe.« – Habe in diesen Tagen den Bildteil (Album) zu ›Alias oder Das wahre Leben‹ fertiggestellt, arbeite und lebe zur Zeit ohne jeden Außenkontakt; ohnehin bleiben die meisten meiner Regungen ohne Antwort und Wirkung. Gleichgültigkeit, Unhöflichkeit, Undankbarkeit, Ineffizienz, Anmaßung dominieren meinen Hof. – Noch ein Klassentreffen! Es findet ausnahmsweise im Spätsommer statt … es findet diesmal im altertümlichen Luxushotel Gessler überm Thunersee statt; hinter dem Gebäude … zuhinterst im Grachen tobt lautlos der Staubbach. Wir Kerle sind alle noch recht jugendlich, vielleicht um die dreißig und damit (denke ich im Traum) eigentlich zu jung, um schon wieder auf diesem viel zu kleinen Balkon zusammenzurücken; doch da sitzen wir nun dicht gedrängt an runden Tischchen. Einige Etagen tiefer hat sich auf der deutlich größeren Hauptterrasse des Hotels eine andere Gesellschaft eingefunden, und zwar (denke ich im Traum) eigens dafür, dass wir von unserm Balkon … dass wir mit unserm Balkon auf sie herabkrachen können. Ehe ich mich setze – am Tischchen haben sich schon Stefan Schacke und Peter Gutzwiller niedergelassen – muss ich … möchte ich noch austreten. Es ist zu warm für die Jahreszeit, ich will mir den Hals und die Hände waschen, muss dafür aber in den Steilhang hinterm Hotel steigen; stapfe also wie auf einer Leiter recht mühsam und langsam genug durch Gesslers hängende Gärten nach oben. Oben angekommen schwinge ich mich über die bröckelnden Betonzinnen, betrete einen düstern mehrstöckigen Turm und finde auf einem schmalen Absatz im Treppenhaus das Stehklo. Hier ist es kühl; ich lasse das Wasser lange über meine Handgelenke und Ellenbogen laufen, so lang, bis der Urindrang wiederkommt. Auf dem Rückweg … beim Abstieg treffe im Treppenhaus, das sich nun, mit blanken Stahlträgern verstrebt, als Glasschacht von der Außenwand abhebt, einen schmalen … einen kahlen Geistlichen, den ich sofort grundlos beschimpfe oder verfluche und der mir ruhig etwas zu verstehen gibt, bevor er sich abwendet und in seinem von der Treppe geknickten Schatten verschwindet. Also steige ich weiter auf der steilen Leiter zur Erde hinab, treffe im Hotel auf die Klassenkameraden von einst, die sich längst verpflegt, sich wieder vertraut gemacht haben; einige wühlen in meinen Papieren, meinen Büchern, checken meinen Laptop. Schacke hat in meiner Mappe eine stockfleckige surrealistische Literaturzeitschrift gefunden, ›Crachez!‹ oder ›Raschke‹, die er ausleihen und für seine Dissertation als Dokument verwenden möchte. Ich habe das Treffen (fürchte ich im Traum) offenbar verpasst; man bricht bereits auf, verabschiedet sich. Ich unternehme einen letzten Rundgang durch das weitläufige, aber auffallend kleinteilige Hotel, das aus lauter hohen und engen Räumen und Korridoren besteht. Doch alle Wände sind jetzt durchsichtig. In einem der Räume glaube ich einen Billardtisch zu erkennen, eine Schmuckvitrine, aber nein … aber die dicht zusammengedrängten Menschen sind allesamt nackt … nackte Spanner und Gafferinnen, die sich anstellen, um einen der ihren auf dem Operationstisch strampeln zu sehen. Dieser eine (aber das ist doch eine Frau, denke ich im Traum) wird von drei andern Pflegern festgehalten, er reckt die gespreizten Beine nach oben, während sich die Operationsschwester an seinem Geschlecht zu schaffen macht. Ich haue lieber ab (sage ich mir im Traum), bin aber völlig desorientiert in dieser Klinik, verlaufe mich hoffnungslos, muss nach dem Weg zum Bahnhof fragen. Niemand kann Auskunft geben, und alle Fahrräder sind diesmal angekettet, nur die Alleebäume und die Verkehrstafeln stehen noch. – Als Autor kann ich nur dadurch für das Werk eintreten, dass ich mich dahinter stelle. Eine überholte Position – heutige Autoren stellen sich gemeinhin vor ihr Werk und lassen sich von ihm portieren. Man schreibt nicht mehr, um das Werk durchzusetzen, man schreibt, um sich selbst durchzusetzen, und sich selbst durchsetzen heißt: möglichst »zahlreiche« Auflagen, Preise, Stipendien und möglichst hohe Ratings einzufahren. Was auch ein Ziel literarischen Tuns sein kann, nicht aber ein Impuls zur Qualitätssicherung der Literatur als Kunst. – »Wir bedenken nie, dass uns das, was wir denken, nie nicht verbirgt, was wir sind«, meint Krys … schreibt Emilie in ihrem heutigen Brief – sie hat sich auch schon mal einfacher ausgedrückt! Aber einfache Sachverhalte sind schwieriger zu benennen als die komplizierteren Gedanken. – Interview im ORF mit einem führenden Poeten der US-Rapszene: Die notwendigste und überzeugendste »Rebellion« heute, sagt der Befragte, bestehe darin, »ein Buch zu lesen«; demgegenüber meint Mario Vargas Llosa im Gespräch mit der NZZ: »Verschwinden wird das Buch wohl nicht, aber wenn es zu einem Anachronismus gerät, wird die Literatur massiv verarmen. Sie würde zu dem, was aus der Kultur heute am TV geworden ist. Sie würde verarmen und nur noch ein bisschen amüsant sein.« – Aber nein … gerade umgekehrt: Nur wenn das Buch wieder zu einem Anachronismus wird, fern von Ratings, Preisen, Stipendienwesen und Literaturinstituten, kann es seine kulturbildende und kulturtragende Rolle wieder voll übernehmen – das Buch muss zur Rarität werden, statt als Messeartikel in Frankfurt oder Leipzig »Auflage« und allenfalls »Kasse« zu machen. – Vorbesprechung mit Stephan Hulliger zur geplanten Soirée mit russischer Avantgardemusik und -poesie in Basel. Abends mit Krys im Festsaal des Badischen Bahnhofs zum Konzert mit Werken von David Philip Hefti, darunter die ›Drei Aggregatzustände für Sopran, Flöte, Violine, Cello und Klavier‹ nach meiner Gedichtfolge ›Bergwärts‹. Starke Aufführung mit dem Ensemble Amaltea; dazu ›Poème lunaire‹ für Violine und Klavier und die ›Guggisbergvariationen‹ für Streichquartett – alles von gleichbleibend kraftvoller Subtilität. Spät abends im TV – ebenso subtil und kraftvoll – ausgewählte Szenen vom Tennismasters aus London. – Endlich bin ich im Freienin der Zerstreuung. Auf meinem Marsch durch den herbstlichen schwülfeuchten Wald sehe ich plötzlich eine Frau, die vor mir auf dem steil ansteigenden Weg mitten im Schritt erstarrt ist. Das eine Bein ist noch abgehoben vom aufgeweichten Boden, der Kopf merkwürdig verdreht, das Kinn nach oben gereckt, das im Flattern versteifte Haar dicht beschneit. Aber ja … aber nein, in der Runde gibt es sonst keine Spur von Schnee. Entweder hat sie ihn mitgebracht oder (so denke ich im Traum) ich hab ihn ausgedacht. Doch der Reim gibt mir unrecht (denke ich): Das Bild gilt weder noch. – »Freunde, es gibt keine Freundschaft!«

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